Audio-Podcast: Der Zugang zu fremden Welten

Im Interview erzählt der FernUni-Historiker Jürgen G. Nagel, dass er gern unterwegs ist: literarisch, wissenschaftlich, kulinarisch und privat. Er hat schon immer über Grenzen hinweg geguckt.


Fünf Fragen an…Prof. Dr. Jürgen G. Nagel

 

Professor Nagel leitet das Lehrgebiet Geschichte Europas in der Welt am Historischen Institut der FernUni. Er befasst sich damit, wie sich Entwicklungen in Übersee auf Europa ausgewirkt haben – und umgekehrt, wie Europa wiederum außereuropäische Länder beeinflusst hat. Im Interview erzählt der Wissenschaftler, warum diese Fachrichtung immer ein bisschen exotisch ist.

Transkript des Interviews

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Liebe Hörerinnen und Hörer,

in unserer Folge „Fünf Fragen an…“ stellen wir Ihnen heute Prof. Dr. Jürgen Nagel vor. Ich bin Anja Wetter von der Pressestelle.

Professor Nagel leitet das Lehrgebiet Geschichte Europas in der Welt am Historischen Institut der FernUni. Er befasst sich damit, wie sich Entwicklungen in Übersee auf Europa ausgewirkt haben – und umgekehrt, wie Europa wiederum außereuropäische Länder beeinflusst hat.

Frage 1: Herr Nagel, Sie haben mir erzählt, dass Sie als Student ein bisschen exotisch waren mit Ihrem Fokus auf außereuropäische Geschichte. Was reizt Sie so sehr an dieser Perspektive?

Jürgen Nagel: Wenn’s man flapsig ausdrücken darf, würde ich sagen: Nationalsozialismus kann jeder. Etwas ernsthafter hat es tatsächlich damit zu tun, dass ich schon frühzeitig nach den Wegen gesucht habe, die mir nicht so ausgetreten vorkamen, wo nicht alle hingedrängt haben im Fach Geschichte. Und mehr noch: Es ist der Zugang zu fremden Welten, die man sich wirklich ganz neu erschließen muss. Da geht schon eine gewisse Faszination von aus. Da kann man mit Fug und Recht sagen, das hat auch mit Exotismus zu tun. Ein wenig schon. Wenn man sich in diese Richtung entwickelt. Dann ist man an einer Universität, die bei aller Qualität sehr traditionelle Themen in den Mittelpunkt gestellt hat, selbst ein Exot.

Frage 2: Durch Prozesse, die man früher auch schon als Globalisierung bezeichnete, sind viele Lebens- und Genussmittel in unseren Alltag eingewandert: Ich denke so anKaffee, Tabak, Reis, Gewürze… – früher sagte man Kolonialwaren. Auf was davon möchten Sie keinesfalls verzichten?

Jürgen Nagel: Ganz schnelle Antwort wäre natürlich Kaffee. Als Historiker gehöre ich damit zum absoluten Mainstream. Kaffee ist da so eine Art Grundnahrungsmittel. Aber als Hobbykoch, der eine gewisse Neigung zu asiatischen Küchen hat, wäre die Vielfalt der Gewürze ein ziemlicher Verlust. Insofern müsste ich die spontane Antwort fast revidieren.

Frage 3: Ich hake trotzdem mal beim Kaffee ein. Das kann ich gut nachvollziehen. Zu einem guten Kaffee passt ein gutes Buch. Sie müssen viel Fachliteratur lesen. Wenn Sie mal die Fachliteratur außen vor lassen, auf welche Genres konzentrieren Sie sich privat bei Büchern?

Jürgen Nagel: Da gibt’s mehrere Antworten. Die erste ist, nicht ganz untypisch, Krimis. Da liebe ich die klassischen traditionellen britischen Krimis, aber auch moderne Polizeikrimis von Skandinavien über Deutschland bis nach Südafrika. Aber sehr interessiert bin ich auch an Romanen, wo interessante skurrile Figuren einen Blick auf eine interessante Gegenwart bieten. Da fällt mir als einer meiner Lieblingsautoren John Irving ein, dessen „Hotel New Hampshire“ ich schon als Schüler in einer kleinen bayrischen Buchhandlung entdeckt habe. Da stand dann hinten auf dem Cover drauf: „Als die Gebrüder Grimm und die Marx Brothers beschlossen, gemeinsam einen drauf zu machen.“ Das hat mich irgendwie angesprochen. Und bei dieser Faszination ist es auch geblieben. Da gibt es auch andere Beispiele: Rita Mae Brown oder so etwas. Und als drittes könnte man noch anführen: phantastische Welten. Als Schüler den Herrn der Ringe zu Weihnachten bekommen zu haben und am selben Abend noch angefangen haben zu lesen. Auch das können sehr faszinierende Sachen sein. Und auch durchaus entspannend.

Frage 4: Literarisch sind Sie gern unterwegs. Wissenschaftlich sind Sie sowieso viel unterwegs. Privat, könnte man sagen, sind Sie relativ sesshaft. Sie waren lange in Trier, wo Sie studiert und gearbeitet haben. Mit Ihrer Frau wohnen Sie nun schon lange in Hagen. Gibt es historische Orte in der Stadt, an denen Sie sich gern aufhalten?

Jürgen Nagel: Erstmal ist die Sesshaftigkeit natürlich relativ. Wenn man so einen merkwürdigen Beruf wie ich ergriffen hat, dann hat das immer auch sehr viel damit zu tun, was der Arbeitsmarkt hergibt. Insofern hätte das auch ganz anders laufen können. Mich hat der Beruf schon früh an die FernUniversität geführt. Insofern hat die Sesshaftigkeit auch viel mit der Verbundenheit zu dieser Hochschule zu tun, weil ich schnell gemerkt habe, dass das absolut mein Ding ist. Und auch Hagen ist relativ. In erster Linie sehe ich mich als Einwohner des Ruhrgebiets. Da hätten wir dann so eine Mega-City. Und da gibt es dann sicherlich solche Orte, die Sie ansprechen. Als gelernter Wirtschafts- und Sozialhistoriker komme ich dann schnell auf solche Orte, wie man sie auf der Route der Industriekultur findet, wo das normale Leben der Vergangenheit noch zu spüren ist. Da gehört dann so etwas wie Zeche Zollverein in Essen dazu, diverse Arbeitersiedlungen. Aber auch das, was es zum Beispiel hier in Hagen im kulturellen Kontext gibt, wie das Erbe von Karl Ernst Osthaus. noch findet

Frage 5: Unsere fünfte, letzte Frage hat uns von Studierenden über Facebook erreicht. Da möchte jemand wissen, ob Sie bei der Erforschung der außereuropäischen Geschichte nicht schier verzweifeln an der Vielzahl der Sprachen?

Jürgen Nagel: Oder an den Sprachen in der Welt. Europa wäre ja noch halbwegs zugänglich. Obwohl ich alles andere als ein Sprachengenie bin, verzweifele ich eigentlich dann doch nicht. Es kommt immer darauf an, wie man an die außereuropäische Geschichte herangeht. Das kann man natürlich so machen, dass man sich auf eine bestimmte Kultur, auf eine bestimmte Region konzentriert. Dann muss man das natürlich die Sprachen, die in dem Fach relevant sind, aneignen. Auch auf die Gefahr hin, dass kein Mensch sonst diese Sprachen spricht. Das heißt aber auch, dass man sich auf die Grenzen dieser Thematik einlässt und das wollte ich ja schon in Bezug auf die deutsche Geschichte anfangs vermeiden. Aber man kann eben außereuropäische Geschichte auch in einer globalhistorischen Perspektive angehen, nach Verflechtungen, Grenzüberschreitungen fragen. Und je nach Thematik, je nach Fragestellung, Perspektive wie Geschichte Europas in der Welt – da ist dann der Name des Lehrgebietes Programm – kann man erstaunlich viel mit einer guten Schulbildung in Sprachen anfangen. Und stellt fest, wie viel Welten sich auch da eröffnen. Und wenn ich das noch anfügen darf: Das ist ja eigentlich auch der Hintergrund, vor dem wir unseren Studierenden außereuropäische Geschichte als gleichberechtigten Teil im geschichtswissenschaftlichen Studium zumuten können. Weil man eben auch mit diesem Sprachenhintergrund viel entdecken und analysieren kann. So hat das bei mir vor etlichen Jahren angefangen und ich hoffe, dass man damit auch weiterhin unsere Studierenden begeistern kann.

Herr Nagel, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Jürgen Nagel: Gerne.

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Anja Wetter | 18.03.2016