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Aktuelles - Juli 2016

Studie an der FernUniversität ergab: Jeder zehnte Fußballspieler war gedopt

Immer mehr Spiele, immer schneller, immer anstrengender: Der Profi-Fußball hat sich in den letzten zehn Jahren drastisch verändert. Es gibt nicht nur mehr Spiele, er ist qualitativ gleichzeitig immer besser geworden – und für die Spieler viel anstrengender. Ihre Körper machen nicht mehr mit, Verletzungen sind die Folge. Da wundert man sich eigentlich nicht, wenn mindestens 9,8 Prozent der Spieler Dopingmittel genommen haben sollen, vielleicht sogar 35,1 Prozent. Die meisten wohl, ohne es zu wissen. Oder ohne es wissen zu wollen. Die Zahlen hat der ehemalige Profi Lotfi El Bousidi mit einer Studie ermittelt, die Grundlage seiner wirtschaftswissenschaftlichen Diplomarbeit an der FernUniversität in Hagen war. Das Bild des dopingtechnisch recht sauberen Sports Fußball hat damit einige große Flecken bekommen.

9,8 Prozent gedopte Spieler sind die statistisch gesicherte Untergrenze, die Obergrenze könnte bei bis zu 35,1 Prozent liegen (diese Differenz liegt an der Zahl der Teilnehmenden, je größer sie ist, desto niedriger, aber sicherer ist die obere Grenzzahl). Zwischen 14 und 28,8 Prozent der befragten Deutschen waren im Befragungsjahr gedopt. In Schweden waren 14,5, in Spanien 31,3 Prozent der Befragten gedopt.

150 Spieler befragt

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​Dass Lotfi El Bousidi seine Studie „Eine Analyse des Doping-Verhaltens im professionellen Fußball mit der Randomized Response Technik“ mit 150 Profi-Fußballern – von denen 124 antworteten – in Deutschland, Schweden und Spanien statt mit etwa 50 durchführen konnte, ermöglichte ihm der Betreuer seiner Arbeit. Prof. Dr. Hermann Singer ist Inhaber des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere angewandte Statistik und Methoden der empirischen Sozialforschung an der FernUniversität.

Lotfi El Bousidi – der in verschiedenen deutschen Vereinen und in mehreren ausländischen gespielt hat – bekam als Bundesligaspieler selbst mit, wie sich der Fußball gewandelt hat: „Wir haben doch gesehen, wie die Spieler bei der Europameisterschaft auf dem Zahnfleisch gegangen sind. Der Druck wird immer größer. Da stellt man sich schon die Frage, ob es da mit rechten Dingen zugehen kann.“

Viele fragen auch lieber erst gar nicht, was der Arzt des Vereins ihnen gibt, etwa wenn sie verletzt sind. El Bousidi: „Sie sind extrem auf den Sport und den Erfolg fokussiert. Die Konkurrenz im eigenen Team ist groß, drei bis vier Spieler konkurrieren um einen Stammplatz. Da ignoriert man die Warnsignale des Körpers, der eine Pause fordert. Und man überfordert ihn.“ Die meisten haben die Augen geschlossen und etwas genommen, was ihnen Ärzte ihrer Arbeitgeber gespritzt oder zum Schlucken gegeben haben. Besser nichts Genaues wissen…

Die meisten Dopingmittel nehmen Fußballer unbewusst

Ein gutes Zeugnis stellt Lotfi El Bousidi seinem ersten Bundesligaverein Mainz 05 aus. Die Mittel, die er dort bei Krankheiten und Verletzungen erhielt, waren so schwach, „dass wir oft gewitzelt haben: ‚Da ist nur Wasser drin‘.“ Die Spieler wurden dort sogar im Hinblick auf ihr Privatleben beraten, welche Medikamente sie zum Beispiel nehmen können und welche auf dem Index der Dopingliste stehen. „Viele Spieler anderer Vereine hatten keine Ahnung, was erlaubt ist und was nicht.“ 37,5 Prozent in Deutschland, 62,5 Prozent in Spanien, aber nur 11,4 Prozent in Schweden waren unwissend. Manche kannten noch nicht einmal die Dopingliste. „Dabei kann man doch Spieler, denen nicht bewusst ist, was sie nehmen, warnen.“

Die meisten Dopingmittel nehmen die Fußballer also unbewusst. Eines war an El Bousidis Untersuchung in dieser Hinsicht jedoch erschreckend. Er fragte die Teilnehmer auch: Würden Sie gefährliche Präparate nehmen, wenn Sie sicher sind dass Sie nicht erwischt werden? Die gesamte Befragung erfolgte anonym. Lotfi El Bousidi: „Viele sagten: ‚Ja, das würde ich, wenn ich meine Leistungen dadurch erheblich steigern könnte.‘ Dabei macht jedes Dopingmittel etwas mit dem Körper, seine Nebenwirkungen können ihn dauerhaft schädigen.“

Bei der Dopingprävention ist Deutschland mit seinen Stichproben für El Bousidi noch lange nicht so weit wie Schweden: „Die Prävention dort ist beeindruckend, es gibt vorbildliche Schulungen für die Spieler. In Deutschland müssten mehr Kontrollen durchgeführt werden, die Spieler sind sich oft zu sicher, nicht erwischt zu werden, wenn sie dopen würden.“

El Bousidi fand heraus, dass 43,4 Prozent der Befragten im Jahr 2014 überhaupt nicht kontrolliert wurden, 50 Prozent nur einmal. Inzwischen arbeitet die UEFA mit den nationalen Antidopingagenturen zusammen. Auch die Trainingskontrollen wurden verstärkt.

Erlaubte Leistungssteigerung

Vor dem Beginn der Wettkampfphase sind leistungssteigernde Mittel übrigens nicht verboten, sie müssen nur aus dem Körper heraus sein, wenn die Spiele beginnen. Als Beispiel nennt Lotfi El Bousidi hier Creatin. Von dem Nahrungsergänzungsmittel versprechen sich viele Anwender schneller mehr Muskeln.

Lotfi El Bousidi jedenfalls ist froh, dass er selbst mit der Frage „Dopen oder nicht? nie konfrontiert wurde: „Ich war sehr oft verletzt und es waren Verletzungen, deren Heilungen sich mit Medikamenten nicht beschleunigen ließen.“ Einmal jedoch fing er an, sich Gedanken zu machen: Als er ein Grippemedikament bekam. Nach drei Tagen war er spielfähig. Und nach fünf Tagen völlig erschöpft…

Nach dem Ende seiner fußballerischen Laufbahn arbeitet er heute als Unternehmensberater, zurzeit im Bereich Personalberatung, bald als Strategieberater.

Gerd Dapprich | 15.07.2016
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