Die Vermessung der Region

Drei Jahre lang fördert die DFG ein Forschungsprojekt des Historischen Instituts der FernUniversität. Untersucht wird frühneuzeitliches Kartenmaterial der Region Westfalen.


Prof. Schmieder deutet mit dem Finger auf die Reproduktion einer historischen Karte
Prof. Dr. Felicitas Schmieder vor der Reproduktion einer alten Karte, die das Flusssystem der Sorpe, eines Lennezuflusses im Stadtgebiet von Schmallenberg zeigt. Das Original der Karte von 1525 liegt im Landesarchiv Münster. (Foto: FernUniversität, Pressestelle)

Was stellt man sich eigentlich unter einer Landkarte vor? Aus heutiger Sicht erscheint die Antwort auf diese Frage selbstverständlich: eine schematische und sachliche Landschaftsdarstellung, korrekt genordet und absolut maßstabsgetreu. Die modernen Standards sind jedoch nicht selbstverständlich. Um sie zu entwickeln, bedurfte es zunächst der Pionierarbeit frühneuzeitlicher Kartenmacher. Ihr Blick fiel dabei nicht selten vor die eigene Haustür, auf den regionalen Raum.

Historischem Kartenmaterial, das die Region Westfalen abbildet, wendet sich nun ein Forschungsprojekt der FernUniversität in Hagen zu. Es trägt den Titel „Chorographie zwischen Mimesis und Metrik: Handgezeichnete regionale Landkarten in Westfalen (1450-1650)“ und wird für die nächsten drei Jahre von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert. Geleitet wird das Vorhaben von Prof. Dr. Felicitas Schmieder vom Lehrgebiet Geschichte und Gegenwart Alteuropas der FernUniversität. Die wichtigste Grundlage für die Kartenforschung bilden die Bestände des Landesarchivs in Münster.

Handgezeichnete Unikate

Die meisten der handgezeichneten Untersuchungsobjekte sind Unikate, angefertigt für ganz bestimmte Zwecke: Am häufigsten wurde das Kartenmaterial in juristischen, ökonomischen oder administrativen Kontexten verwendet. Doch auch repräsentative Absichten wurden verfolgt. So nutzten Herrscher die Landschaftsdarstellungen nicht nur, um sich geographische Klarheit über ihren Besitz zu verschaffen; sie wollten gleichermaßen ihre Macht zur Schau stellen. „Mit der Karte konnte ein Herr zeigen: Das gehört alles mir“, erklärt Prof. Schmieder.

Trotz der vielen kriegerischen Konflikte in der Frühen Neuzeit spielten militärstrategische Gesichtspunkte noch keine große Rolle für die Kartographie. Das bekannte Bild eines am Kartentisch operierenden Heerführers wie Wallenstein sei eher ein Klischee, so die Historikerin. Immerhin gab es einige Darstellungen von Städtebelagerungen, die aus der Rückschau Angriffe nacherzählten. „Viele erste Stadtpläne sind solche Belagerungspläne“, konstatiert Prof. Schmieder, stellt aber zugleich klar: „Der friedliche Konkurrenzkampf per Karte war wesentlich verbreiteter.“

Bei näherer Betrachtung zeigen sich einige Unterschiede zwischen frühneuzeitlichen und modernen Karten. Für eine größere Ansicht bitte auf das Bild klicken. (Foto: FernUniversität, Pressestelle)

Mittelalterliche Spuren

Im Untersuchungszeitraum gab es noch keine einheitlichen Regeln für die Produktion von Karten. Kennzeichnend waren eher die Auslotung von Möglichkeiten und ein kreativer Umgang mit dem Medium. „Ich nenne das eine ‚Experimentalphase der Kartographie‘“, meint die Forscherin. Vielen Karten ist der Traditionszusammenhang mit mittelalterlichen Konventionen und Darstellungstechniken noch stark anzumerken. Zum Beispiel wurden bedeutsame Landmarken – etwa eine umstrittene Mühle – ohne Rücksicht auf tatsächliche Proportionen größer gemalt. „Wir kennen so etwas heute noch von Tourismuskarten“, erinnert Schmieder.

„In der Zeit stellen wir eine schrittweise Professionalisierung fest“, führt sie weiter aus. Vermessungstechniken in unserem modernen Sinne kamen jedoch noch nicht zur Anwendung. „Manchmal wurden Wege abgeschritten. Man hat sich aber auch einfach auf einen Kirchturm gestellt und geschätzt.“, erklärt Schmieder. Daher wurden Landschaften selten in der direkten Draufsicht, sondern zumeist aus einer schrägen „Vogelschau“ abgebildet. „Diese Perspektive erscheint zwar aus heutiger Sicht falsch, war damals jedoch sinnvoll“, urteilt Prof. Schmieder.

Entscheidend ist zudem die zusätzliche Darstellungsdimension der Zeit, die durch Bildserien oder schriftliche Legenden umgesetzt wurde. Schmieder: „Da steht dann etwa auf der Karte: ‚Hier ist das Loch, wo einmal der Räuber reingefallen ist.‘“ Erst im 18. Jahrhundert nimmt das Material eine moderne, uns vertraute Gestalt an. „Dadurch wurden die Karten aber auch langweiliger“, schmunzelt die Historikerin.

Promotionsstelle und Kooperation

Die Erkenntnisse zu westfälischen Karten sollen in ein übergeordnetes Projekt einfließen. Deshalb kooperiert Prof. Schmieder mit Forschenden aus Hannover und Göttingen. Erklärtes Ziel ist es, aus den regionalen Einzelbetrachtungen einen beispielhaften Corpus deutscher Landkarten zu erstellen. Ferner ist ein crossmedialer Studienbrief zur frühneuzeitlichen Kartographie geplant. Der Hauptteil der Fördermittel dient der Finanzierung einer neuen Doktorandenstelle, die die Promovendin Elisabeth Kisker innehat.

Benedikt Reuse | 30.03.2017