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Aktuelles - Oktober 2017

Martin Luther - der rückwärtsgewandte Modernisierer

Ein Mann zwischen den Zeiten? Oder ein Mann in zwei Zeiten? Dr. Martin Luther wollte die Kirche reformieren und war in Vielem modern. Andererseits war er in der mittelalterlichen – auch in der altkirchlichen – Tradition verwurzelt. Prof. Dr. Thomas Sokoll, Wissenschaftler im Lehrgebiet Geschichte und Gegenwart Alteuropas (Prof. Dr. Felicitas Schmieder), hat sich intensiv mit dem „Reformator“ befasst: „Die Gespaltenheit als Mann des Mittelalters einerseits und als eines Vorreiters der Moderne andererseits ist eher die Gespaltenheit unserer eigenen Erinnerung. Die revolutionäre Rolle ist ihm ja erst später zugewachsen. Luther verstand sich als Reformator, nicht als Revolutionär.“

Den lateinischen Begriff „reformatio“ gab es schon lange vor Luther, als Reformation der Kirche wie auch des Reiches an Haupt und Gliedern: „Rückbesinnung auf die Ursprünge der christlichen Offenbarung und Rückbildung auf die ursprünglichen Gestaltungen – das meint ‚reformatio‘“, erläutert Prof. Sokoll. Gute zwei Jahre nach dem Thesenanschlag 1517 und nach dem Streit mit Rom („Leipziger Disputation“) formulierte Luther 1520 in seinen Hauptschriften seine drei „protestantischen Faustformeln“, so Sokoll:

  • Der Mensch wird nur durch Gottes Gnade als gerechter Sünder angenommen („Sola Gratia“), er selbst kann das auch durch gute Werke nicht befördern.
  • Dafür muss er glauben, die eigenen Sünden bereuen und aktiv Buße tun: „Sola Fide“ („Allein aus Glauben“).
  • Alleinige Glaubensgrundlage ist die Heilige Schrift („Sola Scriptura“).
Die Thesentür der Schlosskirche Wittenberg
Die Thesentür der Schlosskirche Wittenberg – ob Martin Luther seine 95 Thesen an die damalige Holztür schlug, ist zweifelhaft. (Foto:Wikimedia Commons, A. Savin)

Ablass zerstört Buße

Der Gedanken der Buße, der „tätigen inneren Umkehr“, wurde nach Luthers Überzeugung durch die teilweise „Abgeltung“ des „Bußgeschäfts“ durch den Ablass zerstört. Dagegen wandte er sich heftig in seinen 95 Thesen. Weniger groß waren seine Differenzen mit der Kirche beim „Glauben“. Doch brauchte für ihn der einzelne Christ, der die Bibel selbst liest, keinen „Vermittler“ mehr, um glauben zu können.

Demgegenüber meinte die Kirche, die Menschen könnten nicht verstehen, was in der Bibel steht, sie brauchten „Übersetzer“. Vieles könne auch nicht auf Deutsch ausgedrückt werden. Deswegen sei die lateinische Bibel, die „Vulgata“, verbindlich. Weitere Quelle der Offenbarung seien die Kirchenväter als Vermittler zwischen den christlichen Menschen und Gott sowie die Heiligen als himmlische Fürsprecher.

Luther widersprach: Der einzelne Christ sei auf sich selbst zurückgeworfen, der Glaube sollte alleine aus der ursprünglichen Glaubensurkunde – Altem und Neuem Testament – entspringen.

Vergangenheitsorientiert war Luther in mehrfacher Hinsicht, vor allen in seinen späteren Jahren: In den „Türkenschriften“ ab 1525 stellte er prägnant dar, dass „der Türk“ ebenso wie der Papst der „Anti-Christ“ sei, der zeige, dass das Ende der Welt nahe. Gleichzeitig zu seiner Endzeitvorstellung war er jedoch von einem „apostolischen Sendungsbewusstsein“ beseelt: „Luther hatte das Gefühl, er könne die Urgemeinde wieder aufbauen“, erläutert Sokoll.

Einverstanden mit bestehenden Ordnungen

„Ähnlich wie die Reformation ist die Revolution – eigentlich der ‚ewige Kreislauf‘ – für uns ein Neuanfang“, so der Historiker. „In seinem ‚Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir‘ sehen zumindest Protestanten Luthers ‚revolutionäre Rolle‘: den erstmaligen Aufstand des modernen Gewissens gegen die finsteren Mächte der Kirche und des Mittelalters.“ Wenn man jedoch genauer hinschaue, sehe das ganz anders aus: „Ich bin sofort bereit zu widerrufen, wenn Ihr mir aus der Schrift beweist, dass ich falsch liege“, gibt Sokoll weitere Worte Luthers wider, der bei einem Sola Scriptura-Beweis also keine Gewissensprobleme gehabt hätte.

„Luther ist – wie Galileo Galilei – ein Held der modernen Gewissensvorstellung“, so Sokoll. „Die Trennung von Staat und Kirche auf ihn zurückzuführen ist völlig unzulässig. Er wäre der letzte gewesen, der sie getrennt hätte.“ Besonders die lutherische Kirche sei immer im Schulterschluss mit dem Staat und mit den bestehenden Ordnungen, gewesen.

In dieses Bild passt Luthers Haltung zu den aufständischen Bauern, die aufgrund der spätmittelalterlichen Agrarkrise von ihren Herrschaften immer stärker ausgepresst wurden. Gegen „Auswüchse“ beschwerten sich die Bauern: „Wir geben der Herrschaft gerne, was der Herrschaft gebührt.“ Auch den Großen Zehnt – das Getreide, das an die Kirche ging – wollten sie gerne zahlen, „denn der steht in der Bibel“. Nicht jedoch den dort nicht erwähnten Kleinen Zehnt (Kleinvieh und Gemüse). Luther hatte nichts gegen diese Forderungen, die „ganz lutherisch“ (Sokoll) aus der Bibel heraus begründet wurden.

Nur bitten, nicht fordern

Luther ging mit beiden Seiten ins Gericht und forderte die Grundherren auf, die Forderungen der Bauern zu prüfen und ein Nachsehen zu haben. Die Bauern sollten die Herrschaften um Rücknahme ihrer Forderungen bitten – ein Recht, dieses zu fordern, hätten sie aber nicht. Als die Bauern Klöster plünderten, kam es zum Bruch.

Die „Frage der Gerechtigkeit“ war für Luther eine Frage der politisch Verantwortlichen, der sozialen Eliten. Verweigerten sich diese einer Einigung, müssten Christen unter Umständen leiden, dürften aber keine Gewalt ausüben. Sokoll: „Die Bauern hatten sich in Luthers Augen ein Recht angemaßt, das ihnen nicht zustand.“ Nach der Zwei-Reiche-Lehre ist die Kirche für das geistliche Wohl zuständig: Sie kann vergeben. Das weltliche Reich liegt in der Verantwortung der Herrschaft, die auch strafen muss. So rief er in seiner zweiten Bauernkriegsschrift „Wider die aufrührerischen Rotten der Bauern“ die Herrschaft auf: „Ihr habt das Schwert und jetzt nehmt es. Ein ‚aufsässiger Mensch ist wie ein toller Hund‘ – den kann man nur erschlagen!“

Pathologisch und modern

Für Sokoll hat diese Schrift „fast pathologische Züge“. Im Kern gehe es darum, dass für Luther die Obrigkeit von Gott eingesetzt ist. Es gebe ein Oben und Unten. Wer dabei die Obrigkeit sei – ein König, eine Eidgenossenschaft –, spielte in seinem Weltbild keine Rolle. Ein moderner Zug darin sei andererseits, dass man als „Privatmann“ sein Recht nicht mit der Waffe durchsetzen dürfe. 1495 waren die Fehden, in denen jeder waffenfähige Adelige seine Interessen verfolgen konnte, vom Reichstag verboten worden. Anfang des 16. Jahrhunderts hörten sie auf: „Dieser Modernisierungsschub setzte genau zu Luthers Zeit ein, diesen Aspekt nimmt er mit auf.“

Auch in anderer Hinsicht war Luther modern: „In Glaubensdingen darf es keinen äußeren Zwang geben“, fasst Sokoll dessen Haltung zusammen.

Eine kleine Ideal-EU

Als fast alle Reichsstädte und die weite Teile Nordwest- und Mitteldeutschlands im Zuge der Reformation protestantisch wurden, kam es zu Konflikten mit Katholiken, die letztlich in den Dreißigjährigen Krieg mündeten. Bei der folgenden Neuordnung entstanden protestantische und katholische Territorien, die bis heute erkennbar sind.

War Deutschland also in Folge dessen zu einem rückständigen territorialen Flickenteppich mit religiösen Scheuklappen, Kleinstaaterei und Zollschranken herabgesunken, wie es die ältere Forschung gerne darstellte, während England und Frankreich als moderne Nationalstaaten mit einheitlicher Konfession, starkem König und einer „anständigen Hauptstadt“ galten?

„In der Forschung sprechen wir heute von der ‚Vielfalt der Konfessionskulturen‘ in Deutschland“, widerspricht er der Meinung, dass die Kleinstaaterei eine Folge der Reformation ist. „Überspitzt gesagt: Was die EU gerne einmal sein wollte, gab es im Kern schon damals.“ Etwa eine Vielfalt unterschiedlicher Territorien, in der auch winzige Fürstentümer plötzlich eine unglaubliche kulturelle Ausstrahlung bekamen wie das provinzielle Weimar im späten 18. Jahrhundert, wo sich die geistige Prominenz Deutschlands „tummelte“ (Sokoll). Zahlreiche, auch sehr kleine Fürstentümer und die Reichsstädte standen in „produktiver Konkurrenz“.

Gleiches galt für die drei großen Bekenntnisgemeinschaften der Lutheraner, der Reformierten (Calvinisten) und der Katholiken: „Die Katholische Kirche wurde sich erst in der Antwort auf die protestantische Herausforderung darüber klar, was sie eigentlich wollte.“ War früher von „Reformation und Gegenreformation“ die Rede, so spricht man heute von der „Konfessionalisierung“ als umfassendem Reformprozess. Aus dieser Perspektive bildet das Konzil von Trient den Auftakt zur katholischen Reform. Die neuere Forschung spricht hier sogar von der „katholischen Reformation“. Entscheidend ist dann weniger, dass Luther den Anstoß für die Veränderung gab, sondern dass die Gegenseite den Ball ziemlich rasch aufnahm und weiterspielte.

Verhältnis der Konfessionen

Informationen zu dem Verhältnis der christlichen Konfessionen in früheren Zeiten in Deutschland und aktuelle Bezüge sind in dem Artikel „Wege aus der Vergangenheit in die Zukunft“ zu finden.

Gerd Dapprich | 30.10.2017
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