Die Chance nutzen, den digitalen Wandel zu gestalten

Die Frage „Digitalisierung – geht’s mich etwas an?“ wird von vielen Menschen mit einem grundsätzlichen „Ja“ beantwortet, doch in welcher Weise sie von dieser umwälzenden Entwicklung betroffen sind, ist für sie deswegen noch lange nicht absehbar. Das zeigte die gleichnamige Veranstaltung am 22. Februar in der neuen Reihe „Hagener Kontroverse“ der FernUniversität deutlich auf.

Vier Frauen und drei Männer stehen nebeneinander. Foto: FernUniversität
Prof. Robert Gaschler (li.), Prof. Ulrike Baumöl (4.v.li.), Prof. Thomas Bedorf (5.v.li.) und Prof. Julia Schütz (re.) stellten ihre jeweilige Sicht auf die Digitalisierung vor und beantworteten die Fragen aus dem Publikum, auch Rektorin Prof. Ada Pellert (3.v.li.) und Prorektor Prof. Theo J. Bastiaens (2.v.re.) lieferten wichtige Beiträge. Moderatorin war Britta Mersch (2.v.re.).

Im Emil Schumacher Museum brachten vier Professorinnen und Professoren der FernUniversität in Hagen den rund 80 Interessierten aktuelle Forschungsergebnisse gut verständlich nahe. Es ging um die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Familie, auf das Arbeitsleben und auf die Gesellschaft. Die Wirtschaftsinformatikerin Prof. Dr. Ulrike Baumöl, der Philosoph Prof. Dr. Thomas Bedorf, der Psychologe Prof. Dr. Robert Gaschler und die Bildungsforscherin Prof. Dr. Julia Schütz machten auch mit einigen persönlichen Erfahrungen die Wissenschaft greifbar. Nach kurzen Eingangsstatements beantworteten sie viele Fragen.

Eine Frage wurde allerdings nicht gestellt: Ist der Weg in die Digitalisierung umkehrbar? Kein Wunder, denn die Kölner Journalistin Britta Mersch fragte als Moderatorin zu Beginn der Veranstaltung: „Wer hat kein Handy?“ Niemand meldete sich.

Zahlreiche Personen sitzen im Veranstaltungsraum und schauen nach vorne. Foto: FernUniversität
Rund 80 Bürgerinnen und Bürger verfolgten die Kurzvorträge und Diskussionen mit großem Interesse.

Vorbereitung auf das digitale Leben

Vor allem ging es den Bürgerinnen und Bürgern um die Änderungen im privaten Leben: Wie und von wem können Kinder und Jugendliche auf das digitale Leben vorbereitet werden? Für Julia Schütz ist das zunächst Aufgabe der Eltern – so, wie sie Kinder auf den Straßenverkehr vorbereiten. Doch fehlt ihnen häufig das Wissen, etwa zu Suchmaschinen für Kinder oder Hilfestellungen zur Einrichtung von SMS.

Auch kleinere Kinder haben oft ein Smartphone, können damit schnell umgehen und sogar kleine Videos ins Netz stellen. Was macht es mit ihnen, wenn sie dafür viele Klicks und Likes bekommen? Und was, wenn nicht (mehr)? Wenn ihnen die Freundschaft gekündigt wird? Sie müssen, so Schütz, die Kompetenz erhalten zu sagen: „Ich will mich in diesem digitalen Raum nicht aufhalten!‘“ Eltern sollten Kindern Erfahrungen in der digitalen Welt ermöglichen, selbst wenn sie selbst nicht darin sind: „Haben Sie Vertrauen in Ihre Kinder und in sich selbst!“

Doch vertrauen Eltern häufig Pädagoginnen und Pädagogen, die dafür oft weder kompetent noch an einer Qualifikation interessiert sind. Daher müsste dies in die Fachausbildungen integriert werden, fordert die Bildungsforscherin.

Foto: FernUniversität Video: FernUniversität
Video: Die Impulsvorträge der vier FernUni-Wissenschaftler/-innen zur Digitalisierung.
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Digitalisierung in der Familie

Was ändert sich in der Familie durch die Digitalisierung? Zunächst stellte Prof. Ulrike Baumöl das traditionelle Bild der Familie infrage: Sie war immer Anforderungen und Megatrends unterworfen, die sich mit dem „idyllischen gemeinsamen Mahl“ nicht vereinbaren ließen. Heute macht es Technik wie Skype den oft weit entfernt lebenden Familienmitgliedern sogar leichter, am Leben der anderen teilzunehmen. So kommuniziert Baumöl täglich mit ihrer Schwiegermutter per WhatsApp.

Auf das familiäre Miteinander ging auch Thomas Bedorf ein. Der Philosoph freut sich, dass Familienmitglieder sich beim Frühstück viel schlechter hinter dem Smartphone verstecken können, als hinter einer Tageszeitung zu schweigen.

In vielen Fragen ging es um die Veränderung der Arbeitswelt. Niemand weiß, wie viele Beschäftigte von Programmen und Robotern ersetzt werden, aber es wird passieren. Baumöl: „Jeder Strukturwandel vernichtet Arbeitsplätze.“ Nicht alle wollen oder können sich der „Diktatur“ dieser Veränderungen unterwerfen und einen Platz in der veränderten Welt finden. Doch die Menschen sind ja „intelligent“, so Baumöl: „Das bedeutet, dass wir einen Weg finden werden, uns bzw. unser Umfeld anzupassen. Wir dürfen uns nicht als Opfer sehen, wir haben jetzt die Chance, diesen Wandel mitzugestalten.“

Dabei spielt auch das Bildungssystem eine wichtige Rolle: „Die Digitalisierung fordert es in einer Weise heraus, dass man nicht zögern darf. Wenn man die PCs aus den Klassenzimmern verbannt und glaubt, man hätte das gute alte Bildungssystem gerettet, so irrt man!“, sagte FernUni-Rektorin Prof. Dr. Ada Pellert hierzu.

Was treibt was?

Die Digitalisierung wird ganz wesentlich von der Technik angetrieben, nicht umgekehrt. Sie setzt auf Veränderungen in Wirtschaft, Gesellschaft und Technologie auf. Baumöl nannte hier neben der verstärkten Individualisierung einerseits die Bereitschaft zum Teilen von Wissen und Besitz andererseits: „Wer hätte vor 25 Jahren gedacht, dass man heute sein Sofa vermietet und sein Auto teilt?“ In der Wirtschaft nimmt die Vernetzung zu: Großunternehmen kooperieren mit Start-Ups, Informationen und Produkte sind überall verfügbar, wo es Internetzugang gibt. Neue Märkte und Geschäftsmodelle setzen auf dem gesellschaftlichen Wandel auf, neue Technologien entstehen. Das eine würde ohne das andere nicht funktionieren.

Thomas Bedorf war es wichtig zu verdeutlichen, dass die verschiedensten Veränderungen bereits lange vor der Digitalisierung einsetzten. Das Leben beschleunigte sich mit der Verbreitung von Maschinen bereits im 19. Jahrhundert: „Wir versuchen, die verloren gegangene Zeit wieder frei zu bekommen, in dem wir schneller auf die Anforderungen aus Arbeit und Konsum reagieren.“

Auch hinsichtlich der eigenen Identität unterscheidet das Heute sich gar nicht so sehr vom Gestern, so Bedorf weiter. Zwar „machen wir uns abhängig von Likes und Klicks“, verhalten uns auf Facebook, Instagram etc. so, wie wir gesehen werden wollen. Doch haben wir auch in der analogen Welt – je nachdem, mit wem wir sprachen – verschiedene Rollen gespielt, uns entsprechend angezogen, gesprochen und vielleicht gedacht.

Und wie ist es mit der Zerstörung der Unterscheidung von Schein und Wirklichkeit durch die Digitale Kultur? In sozialen Netzwerken und Nachrichtenportalen kann man ja nur das hören, lesen und sehen, was die eigene Weltsicht bestätigt, so Bedorf, der dagegenhält: „Habe ich nicht auch früher schon die Tageszeitung gelesen, die meiner politischen Ausrichtung entsprach?“

Foto: FernUniversität Video: FernUniversität
Video der Diskussionsrunde: Nach den Vorträgen hatte das Publikum viel Zeit, um Fragen zu stellen.
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Altbewährtes 4.0

Ein Beispiel dafür, dass in der neuen Arbeitswelt Altbewährtes gerade durch die neuen Möglichkeiten einen größeren Nutzen bietet, schilderte der Psychologe Robert Gaschler: Datengrafiken erlebten zwischen 1850 und 1900 ihr (erstes) „Goldenes Zeitalter“. Seither hat ihre Nutzung stark zugenommen. Sie sind nützlich bei der Darstellung technischer und sozialer Zusammenhänge, erlauben es, Trends und Werte abzulesen und erleichtern Kommunikation. Robert Gaschler ist überzeugt: „Das nächste ‚Goldene Zeitalter der Datengrafiken‘ durch Digitalisierung läuft schon.“ Mit frei verfügbarer Software und Daten erstellen Nutzende die Grafiken selbst. Es gibt mehr Situationen, in denen sie Vorteile haben, selbst als Akku-Anzeige und Fortschrittsbalken, bei Politbarometern, Umfragen, Quoten und Wetterprognosen. Innerhalb kürzester Zeit ermöglichen sie ein maßgeschneidertes Feedback, das in sozialen Netzwerken verbreitet werden kann.

Gaschler fordert daher, die „Graph literacy“ zu fördern: „Wir brauchen Forschung dazu, wie wir Datengrafiken nutzen – und die Vermittlung von Wissen dazu, für welchen Zweck welches Format das richtige ist.“

Einig waren die vier Fachleute sich darin, dass es weniger darum geht, wie man zum digitalen Wandel steht, sondern darum, ihn zu verstehen. Überlegt werden muss, welche Fähigkeiten zukünftig gebraucht werden und wie Menschen qualifiziert werden können. Sie müssen darüber reflektieren und auch „nein!“ sagen können und das Heft des Handelns in der Hand behalten: Wir müssen die Digitalisierung selber mitgestalten.

Mut haben, Erfahrungen sammeln

„Wir müssen vor der digitalen Welt keine Angst haben. Es war schon immer so, dass sich die Gesellschaft ändert. Nicht immer ist alles, was neu ist, auch gut. Aber auch nicht immer schlecht“, war das Fazit von Prof. Dr. Theo J. Bastiaens, Prorektor für Digitalisierung und Internationalisierung, zu der Veranstaltung im „Hagener Forschungsdialog“ der FernUniversität. „Wir als FernUniversität versuchen, die Digitalisierung zu verstehen und uns entsprechend anzupassen. Wir müssen aber noch viel mehr Erfahrungen sammeln und dafür den Mut haben, uns auf die Digitalisierung einzulassen.“

Gerd Dapprich | 01.03.2018