Stimmen der Nachkriegsjugend

Eine Forscherin, die ein Blatt in den Händen hält, sitzt am Schreibtisch - neben sich ein Karton mit Hängeordnern. Foto: FernUniversität
Beate Müller sichtete in Hagen das Roeßler-Archiv. Um ihre Arbeit an der Newcastle University fortsetzen zu können, digitalisierte sie viele der Texte.

Behutsam nimmt Dr. Beate Müller ein Blatt aus einem der Hängeordner. Die Seite ist vergilbt, etwas brüchig und in einer engen, ordentlichen Handschrift beschrieben. Es handelt sich dabei um einen von rund 76.000 Schulaufsätzen, die in den 1950er Jahren in Westdeutschland auf Initiative des Erziehungswissenschaftlers Wilhelm Roeßler verfasst wurden. Die gesammelten Schriftstücke sind seit Ende der 1980er Jahre an der FernUniversität in Hagen archiviert. Dr. Müller ist seit 1997 „Dozentin an der englischen Newcastle University. Geboren wurde sie in Hagen. Ein Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdiensts (DAAD) ermöglichte es der Germanistin, das Roeßler-Archiv zu sichten. Der historische Korpus wird als Teil des Archivs „Deutsches Gedächtnis“ am Institut für Geschichte und Biographie gepflegt.

Beate Müllers Ziel ist es, eine Edition von ausgewählten Schulaufsätzen mit Bezug zum Zweiten Weltkrieg zu erstellen. Diese Grundlagenarbeit passt zum sozial- und kulturgeschichtlichen Ansatz des Hagener Instituts, an dem unter anderem mit der Methode der Oral History geforscht wird. Im Zentrum des Erkenntnisinteresses steht der Mensch mit seiner persönlichen Erfahrung und Erinnerung. Quellensammlungen wie die Schulaufsätze sind in diesem Zusammenhang ein besonderer Schatz. „Im Laufe des Projektes möchte ich auch eine Unterrichtseinheit zum Roeßler-Archiv mitgestalten“, so Müller. „So sollen auch die FernUni-Studierenden profitieren und vielleicht Interesse für eigene Arbeiten zum Thema entwickeln.“ Die Inhalte sollen im Rahmen des geplanten Online-Kurses „Digital Humanities und biografische Forschung“ an der FernUniversität angeboten werden.

Nachwuchs zwischen Trümmern

„Als Pädagoge hat Wilhelm Roeßler interessiert, was den Jugendlichen der 1950er Jahre wichtig war“, erläutert Müller die Entstehungsgeschichte der Sammlung. Das Leben in der noch jungen Bundesrepublik war noch stark vom verlorenen Weltkrieg beeinflusst. Roeßler – damals stellvertretender Direktor des Instituts für Erziehungswissenschaft an der Universität Bonn – sah im Krieg eine pädagogische Zäsur: Oft prägten Flucht, Not und Gewalt die Familienbiografien. Viele Väter waren nicht von der Front zurückgekehrt, wodurch ein innerfamiliäres Vakuum entstand, das manche Heranwachsende selbst zu füllen suchten. „Die Kinder waren anderweitig gefragt, als einfach nur zu spielen und Hausaufgaben zu machen“, so Müller.

Von einer geregelten Schulausbildung konnte nicht die Rede sein. Einige der jungen Leute waren noch durch die Nazi-Erziehung belastet, andere wiederum hatten durch Schulschließungen im und unmittelbar nach dem Krieg Schulzeit verloren. In der Nachkriegszeit herrschte allgemein eine gewisse Unsicherheit, wie mit den Heranwachsenden umzugehen sei. „Überspitzt formuliert könnte man sagen, dass die Erwachsenen damals ein bisschen Angst vor der Jugend hatten“, sagt Beate Müller. „Sie wurde mit Sorge betrachtet.“

Kinder an einem Tisch, essend Foto: Bundesarchiv, Bild 183-U0704-501 / Krueger, Erich O. / CC-BY-SA 3.0 [CC BY-SA 3.0 de (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)], via Wikimedia Commons
Schüler bei einer Schulspeisung in der Nachkriegszeit

Jugendliche besser verstehen

Um die sogenannten „Erlebnisfelder“ der Heranwachsenden neu abzustecken und sie in ihrem sozialen Kontext zu verstehen, brachte Wilhelm Roeßler gemeinsam mit seiner Frau, der Pädagogin Dr. Elfriede Roeßler, das Aufsatz-Projekt ins Rollen: Schülerinnen und Schüler in ganz Westdeutschland sollten über ein breites inhaltliches Spektrum schreiben. Themenvorgaben lauteten zum Beispiel: „Was mir vom 2. Weltkrieg erzählt wurde“, „Wie stellen Sie sich die Gleichberechtigung von Mann und Frau vor?“, „Können Sie verstehen, dass jemand Kommunist ist?“ oder „Was ich einmal auf der Straße erlebt habe“. Die Themen wurden bewusst so formuliert, dass die Jugendlichen eine persönliche Schwerpunktsetzung vornehmen konnten. Bei der Umsetzung des Projekts halfen die deutschen Kultusministerien und Schulämter.

Wege zur fertigen Edition

In der geplanten Edition möchte Müller sich auf Aufsätze mit Kriegsbezug konzentrieren. Es liegen fast 7.000 Schriftzeugnisse zu diesem Thema vor. An Forschungsmaterial mangelt es also keineswegs; dafür sind bei der Auswertung des Korpus andere Hürden zu nehmen: Oft fehlen zum Beispiel wichtige Rahmendaten. „Die Informationen über die Schülerinnen und Schüler, die die Aufsätze geschrieben haben, sind sehr unterschiedlich“, erklärt Beate Müller. „Manche haben vollständig ihre Namen, ihr Alter und die Klassenzugehörigkeit dazugeschrieben. Andere hingegen haben ihre Aufsätze ganz anonym verfasst.“ Auch die Urheber- und Persönlichkeitsrechte sind Faktoren, die es bei der Erschließung der schriftlichen Selbstzeugnisse zu bedenken gilt. Eine weitere Herausforderung besteht darin, aus der Fülle von Texten die richtige Auswahl für die Edition zu treffen: „Ich habe hier die Qual der Wahl.“ Sicher ist für Beate Müller, dass sie für ihre Forschungsarbeit noch weitere Male nach Hagen reisen wird.

Benedikt Reuse | 04.12.2018