Persönliche Berichte von Krieg und Flucht

Zwei Frauen stehen vor einem Bücherregal. Eine der Frauen hält einen Ordner in der Hand, die andere ein Diktiergerät. Foto: FernUniversität
Die Vorsitzende des Kriegskinder-Vereins Monika Weiß (li.) überreichte Almut Leh die neuen Interview-Aufzeichnungen gesammelt auf einer Festplatte.

Das Archiv „Deutsches Gedächtnis“ am Institut für Geschichte und Biographie der FernUniversität in Hagen ist um einige authentische Stimmen reicher: Der Verein „Kriegskinder e.V. – Forschung, Lehre, Therapie“ zeichnete 40 Interviews mit ehemaligen Kriegskindern auf, um sie dem Archiv zur Verfügung zu stellen. Die Vereins-Vorsitzende Monika Weiß traf sich nun mit der Archiv-Leiterin Dr. Almut Leh und überreichte ihr das digital gespeicherte Material.

Bereits im Mai 2017 hatte der Kriegskinder-Verein eine Sammlung von rund 50 Zeitzeugenberichten an das Archiv „Deutsches Gedächtnis“ weitergegeben, das seit den 1980ern Selbstzeugnisse von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sammelt. Mit Marianne Pollich und Manfred Hübner waren damals zwei ehemalige Kriegskinder persönlich anwesend während der Übergabe in der Villa Bechem auf dem Hagener Campus. Ihre emotionalen Augenzeugen-Schilderungen von Krieg und Flucht unterstrichen die wichtige gesellschaftliche Funktion des Hagener Archivs. Im Anschluss an die Berichterstattung meldeten sich viele Seniorinnen und Senioren bei dem Verein, um ebenfalls von ihren Erlebnissen im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg zu berichten.

Bewegende Geschichten

Infolge machten sich Monika Weiß und andere Mitglieder des Vorstands abermals an die Arbeit und begannen, Gespräche mit den neuen Freiwilligen zu führen. Wie schon bei den vorausgegangen Interviews konnten die ehemaligen Kriegskinder ihre Erinnerungen assoziativ und ohne Zeitdruck erzählen. „Die Zeitzeuginnen und Zeitzeugen waren sehr offen und haben äußerst bewegende Geschichten aus ihrer Kindheit erzählt“, so Weiß.

Von ihrer Gesprächsbereitschaft profitierten einerseits die Befragten selbst, für die es oft befreiend war, sich im Interview zu öffnen – teils auch im Sinne einer persönlichen Trauma-Bewältigung. Vielen lag zudem am Herzen, dass ihre persönlichen Erinnerungen für die Nachwelt bewahrt werden. Andererseits ermöglicht die Aufzeichnung in Ton und Bild die anschließende wissenschaftliche Auswertung im Verständnis der „Oral History“. Diese Methode, nach der am Institut für Geschichte und Biographie geforscht wird, nimmt bewusst die subjektiven Erfahrungen und Erinnerungen der Menschen in den Blick.

Erinnerungen, die bleiben

Die externe Bestandserweiterung ist ein wertvolles Geschenk für das Archiv „Deutsches Gedächtnis“. „So ein Interview zu führen, bedeutet mindestens einen Tag Arbeit“, betont Almut Leh. „Es ist toll, dass die Vereins-Mitglieder ehrenamtlich so viel Zeit investiert haben.“ Derzeit archiviert das Institut für Geschichte und Biographie rund 3.000 Interviews, von denen etwa zwei Drittel aus eigenen Forschungsprojekten der FernUniversität stammen.

Benedikt Reuse | 04.12.2018