Institut für Geschichte und Biographie feiert 25. Jubiläum

Redner an Pult Foto: FernUniversität
Prof. Gerd Dietrich gab Einblick in die teils indifferente DDR-Kulturpolitik der 1960er Jahre und die zeitgenössischen Reaktionen darauf.

Seit 25 Jahren gibt es das Institut für Geschichte und Biographie (IGB) der FernUniversität in Hagen – Grund genug für eine Feier. Auf ihren Erfolgen ausruhen wollten sich die Historikerinnen und Historiker jedoch nicht und warfen daher mit einer Tagung rund um ihr Jubiläumsfest prompt neue wissenschaftliche Fragen auf: An zwei Tagen ging es um „Empowerment? Selbstbestimmung und bürgerliches Engagement in der DDR“. Zu Gast waren zahlreiche Weggefährtinnen und -gefährten des IGB sowie Historikerinnen und Historiker aus ganz Deutschland.

Prof. em. Dr. Gerd Dietrich (Humboldt-Universität zu Berlin) eröffnete die Debatte als Experte für DDR-Kulturgeschichte mit einem Vortrag zum Thema „Aufbruch der Künste in eine Ersatzöffentlichkeit Anfang der 60er Jahre“. Gemeinsam mit dem Publikum erörterte er die Reaktionen der ostdeutschen Gesellschaft und ihren Kunstschaffenden auf die DDR-Kulturpolitik im Kontext der Entstalinisierung.

Auf Geschichte und Profil des IGB ging dessen Direktor Prof. Dr. Arthur Schlegelmilch ein. Angesichts künftiger Herausforderungen für die Geschichtswissenschaft zeigte er sich voller Tatendrang: „Wir können sehr zuversichtlich in die Zukunft schauen, weil wir nicht nur die Dinge fortführen, die vor 25 Jahren begonnen wurden, sondern auch immer wieder versuchen, neue Aufgaben anzunehmen – wie die Digitalisierung.“

Subjektiver Erfahrungsschatz im Blick

Das Institut für Geschichte und Biographie besteht seit 1994. Angesiedelt ist es an der Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften. Lange Zeit lag seine Führung bei einer Doppelspitze: Gründungsdirektor und bis 2007 geschäftsführender Direktor war PD Dr. Alexander von Plato. Prof. Dr. Peter Brandt war bis 2014 leitender Direktor. Inzwischen liegt das Direktorenamt in einer Hand bei Prof. Schlegelmilch. Seinen Standort hatte das IGB bis 2012 in Lüdenscheid, bevor es in die Villa (Gebäude 10) der FernUniversität umzog.

Zwei Männer und eine Frau, lächelnd Foto: FernUniversität
Mit PD Alexander von Plato (li.), Prof. Dorothee Wierling und Prof. Lutz Niethammer traf sich ein starkes Team von früher wieder: Die drei „Oral Historians“ forschten gemeinsam an der FernUniversität…

Bekannt geworden ist das Institut vor allem wegen seines speziellen wissenschaftlichen Zugangs, bei dem die individuellen Erlebnisse der Menschen im Mittelpunkt stehen: Entgegen einer einseitigen Geschichtsschreibung „von oben“ beziehen die Forschenden den subjektiven Erfahrungsschatz derjenigen ein, die Geschichte selbst miterlebt haben. Biographische Selbstzeugnisse werden am IGB dokumentiert, ausgewertet und für die Zukunft bewahrt. Der Ansatz der „Oral History“, den das Institut über die Jahre fortentwickelt hat, stützt sich unter anderem auf offen geführte Gespräche mit den Zeitzeuginnen und Zeitzeugen. So gelang es den Forschenden in der Vergangenheit zum Beispiel, persönliche Erinnerungen aus der Zeit von Nationalsozialismus und Stalinismus zu sichern.

Geschichte(n) bewahren…

Alle Zeitzeugeninterviews, die aus der Forschungsarbeit des Instituts und Vorläuferprojekten seit den frühen 1980ern stammen, führt das IGB in seinem Archiv „Deutsches Gedächtnis“ zusammen. Die große Sammlung umfasst darüber hinaus schriftliche Erinnerungszeugnisse wie Autobiographien, Tagebücher, Aufsätze oder Briefe. Eine Auswahl von Zeitzeugengesprächen steht auch online zur Verfügung. Die Leitung des Archivs liegt bei Dr. Almut Leh. Sie setzt sich unter anderem mit der digitalen Aufbereitung des über die Jahrzehnte gewachsenen Bestands auseinander.

Gesprächsrunde in Sesseln auf Podium Foto: FernUniversität
…unter anderem im wegweisenden Projekt „Die volkseigene Erfahrung“, von dem die drei bei einem Podiumsgespräch mit der IGB-Historikerin Almut Leh (li.) berichteten.

…und anschaulich vermitteln

In seiner Einführungsrede bekräftige Prof. Schlegelmilch den Anspruch des Instituts, historisches Wissen nicht nur in der universitären Lehre, sondern auch einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Ein wichtiges Format hierfür ist die Veranstaltungsreihe „Lüdenscheider Gespräche“. Nicht zuletzt wegen ihrer oft prominenten Gäste aus Politik, Kultur und Wissenschaft ist sie über die Grenzen des Sauerlands hinaus beliebt. Beispielsweise teilten in den Jahren seit 1994 Joachim Gauck, Hans-Dietrich Genscher, Gregor Gysi oder Rita Süssmuth ihre Erinnerungen mit dem Publikum.

Ein Stück Forschungsgeschichte

Einen Höhepunkt der Tagung bildete ein Podiumsgespräch mit drei Forschenden, die den „Oral History“-Ansatz von Hagen aus maßgeblich konturiert und vorangebracht hatten: PD. Dr. Alexander von Plato, Prof. em. Dr. Lutz Niethammer und Prof. Dr. Dorothee Wierling. Als erfahrungsgeschichtlicher Pionier war es Prof. Niethammer, der die progressive Methode Anfang der 1980er etablierte – allen voran mit einem ersten großangelegten Vorhaben an der FernUniversität zur Lebensgeschichte und Sozialkultur im Ruhrgebiet.

Gemeinsam mit Prof. Wierling und von Plato sammelte er 1987 im Projekt „Die volkseigene Erfahrung“ Zeitzeugeninterviews aus der DDR. In der Gesprächsrunde berichteten die drei „Oral Historians“ der ersten Stunde von ihrer gemeinsamen Forschungsarbeit, die sich spätestens nach dem Mauerfall als wissenschaftlicher Coup herausstellte: „Vor der Wende in der DDR Interviews durch westdeutsche Historiker und eine Historikerin geführt zu haben“, stelle eine Sensation dar, so Moderatorin Almut Leh.

Das entstandene Material zeigt beispielhaft den wissenschaftlichen Wert, den die Arbeit des IGB und seiner Vorläuferprojekte bislang hatte und weiterhin haben wird: Dank ihr gehen authentische, subjektive Stimmen auch künftig nicht zwischen den Zeilen der offiziellen Geschichtsschreibung verloren.

Benedikt Reuse | 02.01.2020