„Luise“ gewinnt Bildungshackathon

Nach gerade einmal drei Stunden Schlaf und etwas dösen im Zug tippen Marcus Mühl und Jakob Lochner erste Befehle in ihre Notebooks. Nur ein Tag Zeit bleibt den beiden Studierenden, um die vage Idee einer sprachgesteuerten Lernapp in ein vorzeigbares Konzept zu verwandeln.

Zumindest im Ansatz steht der Plan eines virtuellen Tutors. Eine Künstliche Intelligenz im Hintergrund soll künftig Studierenden helfen, ihren Lernfortschritt realistisch einschätzen zu können. Sie spricht etwa Empfehlungen aus, ob sich Studierende für die nächste Prüfung anmelden oder lieber noch etwas mehr lernen sollten.

„Unsere Plattform ist die Lösung aller Probleme“, verkünden die aus Heidelberg und Mannheim angereisten Freunde stolz mit einem Augenzwinkern. Chance auf den Sieg? „Na selbstverständlich, was für eine Frage!“, sagt Informatiker Mohamad Albikai der sich den beiden am Morgen spontan angeschlossen hat.

#HackUcation ist Hacken plus Bildung plus FernUni

Die Tutor-App entsteht im Rahmen des ersten Bildungshackathons an der FernUniversität in Hagen. Unter dem Motto #HackUcation waren Studierende aller Hochschulen und Fachrichtungen aufgerufen, sich gedanklich einen Tag lang in den Räumen der FernUni einzuschließen und in lockerer Arbeitsatmosphäre Apps, Programme oder Prototypen für die Zukunft der Bildung zu entwickeln.

„Die Digitalisierung eröffnet im Studium wahnsinnig viele neue Möglichkeiten“, fasst Rektorin Ada Pellert die Motivation hinter dem deutschlandweiten Aufruf zum Hackathon zusammen. „Wenn wir die Digitalisierung im Bildungsbereich zielführend voranbringen wollen, dann brauchen wir den Austausch mit den Studierenden, denn sie wissen genau, was ihnen an Angeboten noch fehlt.“

Der Hagener Hackathon ist zwar als Codier-Wettbewerb gedacht, er zeichnet sich aber vor allem durch sein ergebnisoffenes Konzept ohne allzu feste Vorgaben aus. Selbst die 1000 Euro Preisgeld, die die Gesellschaft der FernUni-Freunde zur Verfügung stellt, rutschen in den Hintergrund. Nicht die Konkurrenz, sondern der Netzwerk-Faktor rückt in den Mittelpunkt der Veranstaltung.

Über die Grenzen der Informatik hinaus

Für den Medizinstudenten Jakob Lochner ist es der erste Hackathon, bei dem er nicht ausschließlich auf andere Gesundheitsexperten trifft: „Gerade den Input aus anderen Berufszweigen empfinde ich als besonders inspirierend. In unserem Team arbeiten ein Mediziner, ein Wirtschaftswissenschaftler und ein Geoinformatiker zusammen. Unter diesen Voraussetzungen etwas vollkommen Neues zu erschaffen, das zeichnet für mich einen gelungenen Hackathon aus.“

Welche Köpfe stecken hinter Luise? Die Gewinnerinnen im Audio-Interview.

Gelungen scheint auch die Verpflegung zu sein, denn von Chili, Currywurst und Mate-Tee ist am Ende des Tages nicht mehr viel übrig. Geleerte Kaffeetassen können wohl ebenso als Zeichen hochkonzentrierten Arbeitens gesehen werden wie zerknüllte Zettel, und zum Flussdiagramm umfunktionierte Klebebandstreifen an Flipcharts und Stellwänden.

Am Nachmittag stehen Laptops wie Studierende dann unter Dauerstrom. Jetzt, kurz von den Pitches, packt sie der Ehrgeiz. Noch während die Fachjury vor der Bühne Platz nimmt, holen sich die Teams praktische Tipps für ihren Elevator Pitch. „Gesundes Selbstvertrauen kann bei der Präsentation durchaus helfen, um die Idee auf den Punkt zu bringen“, sagt Veranstalter Markus Deimann, der den Bildungshackathon nach Hagen gebracht hat. „Wichtig ist es, sich zu fokussieren und die Aufregung in den Griff zu bekommen.“

Das sind die #HackUcation-Gewinnerteams

Platz 1: „Von der hierarchischen zur individuellen Lernsituation“ von Johanna Franka Schleipen, Dagmar Schlüter und Christine Redeker.

Platz 2: „Virtueller Tutor – Das KI-Trainingstool“ von Marcus Mühl, Jakob Lochner und Mohamad Albikai.

Platz 3: „Trendscouting – Neue Trends für den Hochschulbereich“ von Sebastian Habla, Franziska Hinterland, Marc Woidschützke und Philipp Cords.

An einem Tag von der Idee zum Elevator Pitch

Die große Herausforderung des Tages: Jede Gruppe hat nur drei Minuten Zeit, um ihre Idee der Jury und den anderen Teams vorzustellen. Die Stoppuhr vor der Bühne zählt die Sekunden runter. Eine gelungene Vortragsweise fließt ebenso in die Jury-Bewertung mit ein wie Machbarkeit und Innovationsgehalt. „Wir haben es uns nicht leichtgemacht, aber es war trotzdem eindeutig“, fasst Volker Ruff, Chef der HAGENagentur nach fast einstündiger Beratung die Entscheidung der Jury zusammen.

Sie fällt auf „Luise“. Drei junge Frauen springen auf und jubeln. Sie haben sich Luise ausgedacht, einen Avatar, der sich durch den Plattformdschungel einer deutschen Universität kämpft. Sämtliche Studien-Informationen muss sich Luise mühselig zusammensuchen. Denn Seminarinhalte, Anmeldefristen oder Prüfungstermine sind oftmals gut versteckt nur über unterschiedliche Plattformen einsehbar. Luise ist überfordert und wünscht sich einen digitalen Knotenpunkt, mit dem sie ihr Studium losgelöst von hierarchischen Strukturen und auf sich zugeschnitten leichter organisieren kann. Gerade dieser bildungskritische Ansatz kommt bei der Jury offenbar besonders gut an.

Foto: FernUniversität
Die Jury bei der Bewertung (v.l.n.r.): Studierende und Mitarbeiterin Jutta Stöppel, Veranstalter Markus Deimann, HFD-Vertreter Philipp Neubert und HAGENagentur-Chef Volker Ruff.

Den Sieg knapp verpasst

Das Team rund um den virtuellen Tutor verpasst den Sieg dagegen knapp. Jakob Lochner und seine Kollegen landen auf Platz zwei. Enttäuscht darüber, nicht ganz oben auf dem Siegertreppchen zu stehen, ist keines der Teams. Alle Teilnehmenden freuen sich über den Ausklang des Tages bei Bier und Beats und die FernUni über viele weitere spannende Ansätze wie ein Peer2Peer-Learning-Konzept, einen Chatbot für eine personalisierbare Lernstrategie und einen Motivationsassistenten für Langzeitstudierende.

„Ich bin überwältigt, zu welchen Ergebnissen die Teams in dieser kurzen Zeit gekommen sind“, fasst Veranstalter Markus Deimann den Tag zusammen. Beeindruckt überreicht er den drei frisch gekürten Entwicklerinnen den Gewinner-Scheck. Ob das Geld in Luises Weiterentwicklung fließt, das wissen die Preisträgerinnen noch nicht. Lohnen würde sich eine Investition in jedem Fall.


Kooperationspartner des Bildungshackathons in Hagen war das Hochschulforum Digitalisierung (HFD).

Sarah Müller | 30.04.2020