Wie es mit dem Welthandel jetzt weitergeht

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Expertinnen und Experten sind sich einig: Abschottung ist in einer globalisierten Welt keine Lösung.

Während die Welt versucht, die Corona-Pandemie zu verkraften, befinden sich Globalisierungs-Forschende in einer spannenden Phase. Ein Jahr ist es her, dass die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Coronavirus-Erkrankung zur Pandemie ausrief und der weltweite Handel mit China vorübergehend zum Erliegen kam. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) korrigierte ihre Wachstumsprognosen nach unten, von der Europäischen Zentralbank (EZB) hieß es, der Wachstumsmotor China würde absaufen und die halbe Weltwirtschaft mit in die Tiefe reißen.

Heute wissen wir: Die deutsche Wirtschaft ist um fünf Prozent geschrumpft, aber die schlimmsten Befürchtungen für den Welthandel sind zumindest bisher nicht eingetroffen. Und während Europa in einer Lockdown-Achterbahn fährt, hat sich der asiatische Riese scheinbar weitgehend erholt. „China ist mit Abstand der große Gewinner der Corona-Pandemie“, sagt Prof. Dr. Hans-Jörg Schmerer von der FernUniversität in Hagen. „Das Land konnte 2020 noch immer ein starkes Wachstum erzielen. Innenpolitisch konnte die Regierung Stärke zeigen und ihre Macht festigen.“ Eine Entwicklung, die den Ökonomen nicht überrascht. „Das Leben konnte nach kurzer Zwangspause weitergehen, weil die technischen Möglichkeiten zur Pandemiebekämpfungen konsequent zur Eindämmung genutzt wurden. Auch weil Datenschutz eine untergeordnete Rolle in China spielt.“

Prof. Dr. Hans-Jörg Schmerer Foto: Hardy Welsch

China ist mit Abstand der große Gewinner der Corona-Pandemie.

Prof. Dr. Hans-Jörg Schmerer

Diese Machtdemonstration war für die chinesische Regierung ein wichtiger Sieg nach dem Unentschieden im Handelskriegs mit den USA, um das Vertrauen der Bevölkerung in die Politik wieder zu festigen. Doch auch in China hat die Pandemie zu enormen Wohlstandsverlusten geführt. Prof. Dr. Hans-Jörg Schmerer erwartet für dieses Jahr allerdings eine schnelle Erholung in China. Die zukünftige Entwicklung in Deutschland sieht er angesichts des aktuellen Infektionsgeschehens und dem schleppenden Verlauf der Impfkampagne weniger optimistisch. „Zwar mehren sich die Anzeichen auch einer schnellen Erholung der deutschen Industrie, jedoch spielt dieser Bereich für den deutschen Arbeitsmarkt längst eine untergeordnete Rolle“, so der Forscher.

Welthandel ja, Demokratie nein

Was den Ökonomen deutlich mehr beunruhigt, sind die Schlussfolgerungen, die die chinesische Regierung aus dem Umgang mit der Pandemie in Ländern wie Deutschland ziehen könnte. „China geht zwar gestärkt aus der Krise heraus, aber auch bestärkt in der Annahme, dass demokratische Staaten in der Pandemiebekämpfung schlechter dastehen. Der Wunsch des Westens, die Volksrepublik nach eigenem Vorbild zu demokratisieren, dürfte damit geplatzt sein.“

In dieser mangelnden demokratischen Ordnung und der fehlenden Rechtsstaatlichkeit sieht der Professor für VWL, insb. Internationale Ökonomie, eine große Gefahr für die Weltwirtschaftsordnung. „China wird immer wieder vorgeworfen, die Welt mit billigen Produkten zu überschwemmen. Die Produkte sind natürlich nur deshalb so günstig, weil chinesische Unternehmen von der Regierung subventioniert werden. Das ist höchst unfair, aber unlauteres Vorgehen muss die Welthandelsorganisation China erstmal nachweisen – und das ist nicht so einfach.“

Abschottung bedeutet Automatisierung

Für den FernUni-Forscher ergeben sich daher nur zwei mögliche Ansätze, wie die Welt zukünftig mit China als Wirtschaftsmacht umgehen sollte. Den ersten hat er zuletzt mit anderen Globalisierungsexpertinnen und -experten bei einer internationalen Online-Konferenz der FernUniversität in Hagen und der Westminster Business School diskutiert. Demnach wäre eine Abkehr von globalen Wertschöpfungsketten denkbar. Unternehmen verkürzen ihre Lieferketten und holen Produktionsschritte zurück ins Inland – ein Schritt, der mehr Unabhängigkeit von anderen Märkten ermöglichen würde und im Laufe der Corona-Pandemie öffentlich erörtert wurde.

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Globalisierungsforschende trafen sich beim virtuellen „Global Economic Policy Group Meeting“.

Was daraufhin passieren würde, schilderte der Wirtschaftswissenschaftler und Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft Gabriel Felbermayr, den Schmerer als Gast zum „Global Economic Policy Group Meeting 2021“ geladen hatte. Eine Abschottungstaktik, in der Hoffnung sich unabhängiger von chinesischen Produkten zu machen, hätte eine Automatisierungswelle in deutschen Unternehmen zur Folge, um die Produktionskosten gering zu halten. Das wäre eine denkbar schlechte Option für den Arbeitsmarkt und würde einen enormen Wohlstandsverlust mit sich bringen.

Weitere digitale Konferenz geplant

Daher kommt eigentlich nur der zweite Ansatz zum Umgang mit China in Frage. Hierbei sehen Schmerer und die anderen Workshop-Teilnehmenden die Welthandelsorganisation in der Pflicht. Es müsse darum gehen, den Welthandel mit Blick auf China in Zukunft fairer und gerechter zu gestalten. Wie genau das gelingen könnte, auch darüber diskutieren sie regemäßig beim „Global Economic Policy Group Meeting“.

In diesem Jahr fand die Veranstaltung, die seit 2019 existiert und zu der immer renommierte Globalisierungsforschende eingeladen sind, erstmals digital statt. Neben Gabriel Felbermayr sprach Yifan Zhang von der Chinese University of Hong Kong über Aspekte der Globalisierung und Chinas Rolle in der Weltwirtschaft.

Der Workshop bietet ein Forum, um die wirtschaftlichen und handelspolitischen Fragen und Herausforderungen, die die Weltwirtschaft prägen, zu erörtern. Und: „Wenn man über Globalisierung spricht, kommt man im Moment an China nicht vorbei und das wird auch erstmal so bleiben“, prognostiziert Schmerer. Das nächste Group Meeting findet voraussichtlich im Mai wieder digital statt.

Das Center for East Asia Macroeconomic Studies (CEAMeS) der FernUniversität richtet das Global Economic Policy Group Meeting mit Forschungsbeiträgen aus aller Welt aus. Darin unterstützt sie die University of Westminster, London, UK Westminster Business School.


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Sarah Müller | 19.03.2021