Neue Probleme durch Problemlösungen: Bioökonomie kann verzwickt sein

Foto: L.Schultz_WiD
Die MS Wissenschaft im Hamburger Hafen

„Leinen los“ hieß es jetzt für die MS Wissenschaft mit einer Ausstellung zur „Bioökonomie“, dem Thema des Wissenschaftsjahres 2021. An Bord befindet sich auch ein Exponat der FernUniversität in Hagen. Nachdem die Tour im Vorjahr Pandemie-bedingt ausfallen musste, kann die Ausstellung jetzt auch im Internet besucht werden, nicht nur an den Anlegestellen. „Verzwickte Bioökonomie“ wurde am Lehrgebiet Politikfeldanalyse und Umweltpolitik von Prof. Dr. Annette Elisabeth Töller entwickelt. Bei dem Lernspiel können die Spielerinnen und Spieler neues Wissen und neue Erkenntnisse gewinnen.

Anlässlich der Wiedereröffnung der Ausstellung im Hamburger Sandtorhafen, direkt im Schatten der Elbphilharmonie, sprach Prof. Töller stellvertretend für die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die mit Exponaten auf dem Schiff vertreten sind: „Bioökonomie bedeutet, ganz grob gesagt, dass die fossilen Ressourcen in unserem Wirtschaftssystem durch nachwachsende Ressourcen ersetzt werden.“ Dabei entstehen Zielkonflikte. Annette Töller ist auch wissenschaftliche Leiterin des Interdisziplinären Fernstudiums Umweltwissenschaften (infernum) von FernUniversität und Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT in Oberhausen.

Nicht nur ersetzen, sondern auch verzichten

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Prof. Annette Elisabeth Töller

Aus Sicht der Umwelt ist, so Töller, Bioökonomie ein wichtiges Instrument, um die Emission von Treibhausgasen zu reduzieren. Denn biobasierte Produkte setzen bei der Verbrennung weniger Treibhausgasemissionen frei als Produkte aus fossilen Rohstoffen wie Öl. „Aber im Sinne des Umweltschutzes kann Bioökonomie nicht bedeuten, bei allen Produkten und Verfahren so weiterzumachen wie bisher und nur 1:1 fossile Rohstoffe durch biobasierte Rohstoffe zu ersetzen. Auf viele Produkte muss man vielmehr ganz verzichten.“ Als Beispiele nannte sie Einwegbestecke, -becher und -teller aus Plastik, Plastiktüten etc. Es sei wichtig, zu verstehen, dass mit der Bioökonomie auch neue Zielkonflikte entstehen, z.B., weil Biomasse nicht unendlich verfügbar ist, auch als Nahrung benötigt wird und ihre Herstellung auch Umweltauswirkungen hat.

Die Pandemie hat gezeigt, wie wichtig es ist, dass Wissenschaft und Gesellschaft konstruktiv miteinander kommunizieren

Prof. Annette Elisabeth Töller

Im Hinblick auf die Corona-Krise betonte die FernUni-Professorin, die auch Mitglied im Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) ist: „Die Pandemie hat gezeigt, wie wichtig es ist, dass Wissenschaft und Gesellschaft konstruktiv miteinander kommunizieren. Wissenschaftler*innen müssen dabei transparent machen, was sie wissen und was nicht, und auch zugeben, wenn sie sich mal irren. Bürger*innen müssen verstehen, dass wissenschaftliche Kontroversen kein Zeichen von Schwäche sind und dass Zielkonflikte nicht von der Wissenschaft, sondern von der Politik entschieden werden müssen.“

Aus der Wissenschaft ins Spiel

Nach den Worten von Dennis Kurrek, Wissenschaftlicher Mitarbeiter im FernUni-Lehrgebiet, kann es frustrierend sein, wenn jede Lösung eines Problems durch Zielkonflikte neue Probleme aufwirft. Dann ist es gut, frühzeitig zu erkennen, dass dies passieren kann und mögliche Folgen mitzudenken. Ein Beispiel für einen Zielkonflikt: Biokraftstoffe und Nahrungsmittel konkurrieren um Ackerfläche. Die politisch Verantwortlichen müssen entscheiden, was wichtiger ist und welche Folgen dies haben kann. Enttäuscht sein können so oder so umweltbewusste Menschen.

Die Spielerinnen und Spieler können anhand vorgeschlagener Antworten selbst entscheiden, wie reale Probleme gelöst werden sollten. Sie bekommen die Konsequenzen aufgezeigt und erfahren, wie die Politik tatsächlich mit dem Fall umgegangen ist.

Ziel war, so Dennis Kurrek, mit dem Spiel Wissenschaft für junge Menschen verständlich zu machen, ohne den Boden der Wissenschaft zu verlassen. Entstanden ist das Exponat im Rahmen des Forschungsprojektes „Politische Prozesse der Bioökonomie zwischen Ökonomie und Ökologie – BIO-ÖKOPOLI“ von FernUniversität und Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg.

Gerd Dapprich | 25.06.2021