Spannungsreiches Verhältnis: der „Westen“ und die „Welt des Islams“

Historisches Foto mit Männern auf einer Treppe vor dem Schloss Versailles in Frankreich in Uniformen oder mit arabischen Kopfbedeckungen Foto: Wiki Commons
Historischer Anblick: Treffen der Eliten aus dem Westen und Islam in Versailles

Die spannungsreichen Beziehungen zwischen dem „Westen“ und der „Welt des Islams“ für (geschichts-)wissenschaftliche Perspektiven wieder ins Gedächtnis zu rufen, ergibt sich aktuell von selbst. Die Gewalteskalationen im Nahen Osten, der NATO-Truppenabzug aus Afghanistan oder Atomgespräche mit dem Iran halten den spaltenden Charakter in Diskussionen um „den“ Islam lebendig.

Aktuelle Konflikte mit historischen Wurzeln

Die aktuellen Konfliktlagen haben dabei eine weitaus längere Vorgeschichte als journalistische oder auch akademische Kommentare vermuten lassen. Deshalb lohnt sich ein Blick auf das lange 19. wie das frühe 20. Jahrhundert sowie der auf die imperiale Vergangenheit Europas. Die Jahrestagung der Gesellschaft für Überseegeschichte an der FernUniversität in Hagen „Islam und Empire. Muslimische Gesellschaften, islamische Bewegungen und europäischer Herrschaftsanspruch in Asien und Afrika“ wagte diesen.

„Wir möchten aktuellen Debatten historische Wurzeln verleihen und diese in vergleichende Konzepte überführen“, leitete Veranstalter Prof. Dr. Jürgen G. Nagel ein. Der Leiter des Lehrgebiets Geschichte Europas in der Welt an der FernUniversität eröffnete die Online-Tagung mit einem Impuls über das Verhältnis zwischen Islam und Empire.

Foto in schwarz-weiß: Königin Victoria sitzt unter einem Baldachin im Freien an einer Schreibmaschine. Neben ihr steht ihr indischer Diener Abdul Karim. Foto: Wiki Commons
1893: Königin Victoria und ihr indischer Diener Abdul Karim

Die ursprünglich bereits für vergangenes Jahr vorgesehene Tagung analysierte die Beziehungen im Kontext der Europäischen Expansion, der imperialen Machtausweitung und der kolonialen Herrschaftsausübung aus verschiedenen geschichts- und islamwissenschaftlichen, sozial- sowie kulturwissenschaftlichen Perspektiven. Dabei konzentrierte sich die Konferenz besonders auf die Epoche der „Europäischen Moderne“, um ein möglichst vielschichtiges Bild eines Aspektes der modernen Globalgeschichte zu zeichnen.

Bildung als Machtinstrument

„Rückblickend ist es uns gelungen“, zog der Historiker Jürgen G. Nagel ein Fazit, der sich vor allem über den regen Austausch im Chatforum freute. Insbesondere das bereichernde Spektrum interdisziplinärer Perspektiven habe sich als „reziprokes Stimulans hinsichtlich vermeintlich grundlegender Begriffe und konzeptioneller Sichtweisen“ erwiesen. Mark Häberlein von der Uni Bamberg hob als Vorsitzender der Gesellschaft für Überseegeschichte in der Abschlussdiskussion die Vielstimmigkeit europäisch-islamischer Verflechtungen hervor.

Als wesentliche Ergebnisse der Konferenz stellte Nagel heraus: „Bildung ist als Instrument der Integration von Muslimen ebenso wie als Instrument von Marginalisierung und Kontrolle muslimischer Gruppen ein wichtiger Beherrschungsfaktor.“ Darüber hinaus: „Ohne die Kooperation zwischen Europäern und Muslimen wäre imperiale Herrschaft schlechterdings nicht umsetzbar gewesen. Für künftige Forschungsansätze wird es sich lohnen, breitere Gesellschaftsschichten in den Blick zu nehmen, statt nur vereinzelte muslimische Vordenker und ihre Kontakte mit Imperialmächten zu untersuchen.“

Deutlich geworden ist, dass ein pluraler Ansatz in der Forschung dazu beitragen kann, die verschiedenen Ebenen des Islam deutlicher begreifen zu können. Geplant ist, die interdisziplinäre Bandbreite der Vorträge in einem Tagungsband zu bündeln.

Anja Wetter | 07.09.2021