Von der „digitalen Notlösung“ zur strategischen Veranstaltungsalternative

„Aus der ‚digitalen Notlösung‘ ist wegen ihrer vielen Vorteile inzwischen eine echte Alternative zu Präsenzveranstaltungen geworden“, resümiert Dr. Jeanine Tuschling-Langewand, Fachreferentin für Geschichts- und Literaturwissenschaft der Universitätsbibliothek Hagen (UB), mit Blick auf den Corona-Lockdown. Jedoch: Zwar hat die Pandemie vieles zum Schlechten verändert, sie zeigt aber auch Chancen auf. So konnte die Bibliothek der FernUniversität in Hagen ihre öffentlichen Veranstaltungen weiterführen und nunmehr auf digitalen Wegen kulturelle Inhalte nahtlos weiterverbreiten.

Bei der Auswertung von fünf Veranstaltungen stellte Dr. Jeanine Tuschling-Langewand fest, dass zum Teil jetzt auch weit entfernt lebende Interessierte teilnahmen: „Wir werden jetzt auch weit über Hagen und die Region hinaus wahrgenommen. Bei Online-Veranstaltungen gibt es kein Nah und Fern.“ Auch Interessierten, die wegen Beruf, Kinderbetreuung, Behinderung etc. nicht persönlich kommen können, öffnet das Internet die Türen zu kulturellen und wissenschaftlich basierten Veranstaltungen. Daher finden, unabhängig von der Pandemiesituation, im Jahr 2021 alle geplanten Veranstaltungen digital statt.

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2019 konnte die FernUniversität noch künstlerische Veranstaltungen in realen Räumen durchführen - wie hier bei einer Lesung mit der Schriftstellerin Anke Stelling, die anschließend mit Jun.-Prof. Irina Gradinari...
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... und dem Publikum diskutierte. Die Erfahrung des physischen Zusammenseins fehlt natürlich bei Online-Veranstaltungen, die ...
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... jedoch auch Vorteile bieten: Unter anderem haben Interessierte, die nicht nach Hagen kommen wollen oder können, eine Teilnahmemöglichkeit.

Kernaufgabe der UB ist die Versorgung von Hochschulangehörigen sowie Bürgerinnen und Bürgern mit gedruckten und elektronischen Medien. Darüber hinaus bringt sie auch durch kulturelle Vorträge, Lesungen oder Ausstellungen Informationen in die breite Öffentlichkeit und eröffnet externen Interessierten Zugänge zu neuem Wissen. Sie ermöglicht es, zu diskutieren, zu lernen und Kultur gemeinsam zu erleben. „So kann auch die FernUni-UB Gemeinschaft stiften und maßgeblich zu ihrer ‚Dritten Mission‘ beitragen“, betont Tuschling-Langewand. „Das gilt für Präsenzveranstaltungen wie für Online-Formate.“

Hochschulstrategische Aufgaben

Der Begriff „Dritte Mission“ bezeichnet das neben Forschung und Lehre dritte Betätigungsfeld für Hochschulen: sich nach außen zu öffnen und Forschung und Lehre aktiv in die Gesellschaft hineinzutragen. Er ist eng verwandt mit dem hochschulstrategisch bedeutsamen Terminus „Transfer“, der für den Wissenschaftsrat ebenfalls eine universitäre Kernaufgabe ist. Das Konzept der „Dritten Mission“ beinhaltet über den Technologietransfer hinaus auch Wissenschaftliche Weiterbildung und soziales Engagement. Die FernUniversität hat hierfür 2020 eine Transfer-Stabsstelle geschaffen.

Den Raum hierfür bietet der „Dritte Ort“ bzw. der „Dritte Raum“, ein raumsoziologisches Konzept, das auf Freiwilligkeit und guter Erreichbarkeit beruht und dadurch identitätsstiftend wirkt. Grundsätzlich entspricht dies dem Selbstverständnis vieler Bibliotheken. Jedoch nimmt seine Bedeutung aufgrund der Pandemie-bedingten Kontaktbeschränkungen ab, so Tuschling-Langewand. Durch Digitalisierung kann der „Dritte Ort“ aber Ausgangsort der „Dritten Mission“ bleiben: „Vielleicht wird so die Kommunikation der Wissenschaft mit der physisch nicht anwesenden Öffentlichkeit auf Dauer sogar besser.“

  • Das wesentliche Konzept für den „Dritten Raum“ stellte der US-Raumsoziologe Ray Oldenburg 1989 vor: Neben dem Zuhause („Erster Raum“) und dem Arbeitsplatz („Zweiter Raum“) bildet der „Dritte Raum“ einen weiteren elementaren Sozialraum. Alles geschieht in ihm absolut freiwillig, sozialer Status hat eine geringe Bedeutung, Zugangsvoraussetzungen gibt es nicht. Das ermöglicht eine hohe gesellschaftliche Durchmischung. Kontakte untereinander, sozialer Zusammenhalt und demokratisches Leben werden gefördert, die Atmosphäre ist offen, positiv und gelöst.

    Diese Eigenschaften treffen im Prinzip auch auf Bibliotheken zu, in denen sich die Sphären des Privaten, Beruflichen und der Freizeit nicht strikt trennen lassen: Alle drei Räume bzw. Orte gehen ineinander über. Die Digitalisierung hat diesen Trend verstärkt, elektronische Medien sind auf dem Vormarsch.

    Die Bibliothek als „Dritter Ort“ versteht sich als ein Raum der Begegnung, des Lernens und der Inspiration, der sozialen, kulturellen und digitalen Teilhabe.

    (vgl. Bibliotheksportal, https://bibliotheksportal.de/informationen/die-bibliothek-als-dritter-ort/dritter-ort/)

Erfahrungstransfer innerhalb der FernUniversität

„Von unseren praktischen Erfahrungen können auch Forschende und Lehrende an der FernUni profitieren. Ihnen fehlt oft die Zeit, um sich in die digitale Öffentlichkeitsarbeit einzuarbeiten“, sagt Jeanine Tuschling-Langewand angesichts ähnlicher Herausforderungen für Wissenschaft und UB durch die Pandemie. „Auch für Forschende mit viel Erfahrung in der digitalen Lehre sind kulturelle Events ein unverzichtbares Instrument in ihrer Kommunikation.“

Veröffentlichung

Mit digitalen Veranstaltungen von Bibliotheken hat sich Dr. Jeanine Tuschling-Langewand in einem Artikel befasst, der in der informationswissenschaftlichen Fachzeitschrift „Bibliotheksdienst“ des Verlags De Gruyter erschienen ist.

https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/bd-2021-0045/pdf

Sie zieht reine Online-Veranstaltungen hybriden Formaten vor, weil diese sich manchmal ggf. zu stark an Präsenzveranstaltungen orientieren. Und für physisch Anwesende gelten auch weiterhin Sicherheitsmaßnahmen und Beschränkungen. Bei Online-Formaten können die Teilnehmenden mit Videos, Umfragen und Chats aktiv einbezogen werden, die Veranstaltungen können dadurch einem Workshop ähnlich werden. Dass ältere Interessierte gewonnen oder gehalten werden können, zeigte sich bei einer vorproduzierten Lesung der UB mit niedrigen technischen Hürden. Auch mentale Barrieren wie Hemmungen, eine Bibliothek bzw. eine Universität physisch zu betreten, werden wohl abgebaut.

Wichtig ist, dass die Veranstaltenden sich frühzeitig in die Ausrichtung digitaler Events einarbeiten und durch Kooperationen Expertise erwerben. Durch ihren Erfahrungsvorsprung können sie dann erfolgversprechende Formate etablieren und neu gewonnene Publikumskreise langfristig binden.

Dr. Jeanine Tuschling-Langewand Foto: FernUniversität

Wir werden jetzt auch weit über Hagen und die Region hinaus wahrgenommen. Bei Online-Veranstaltungen gibt es kein Nah und Fern.

Dr. Jeanine Tuschling-Langewand
Gerd Dapprich | 07.09.2021