Nicht im luftleeren Raum

Mann läuft durch dunklen, einsamen Tunnel Foto: Bernhard Lang/Stone/Getty Images
Räume haben starken Einfluss auf psychologische Prozesse: Ob wir jemanden als bedrohlich wahrnehmen oder nicht, hat zum Beispiel mit dem Ort der Begegnung zu tun.

Die menschliche Psyche ist niemals losgelöst von äußeren Einflüssen. Im Gegenteil: Aus psychologischer Sicht spielen auch die spezifischen Kontexte eine Rolle, in denen sich Individuen und soziale Gruppen bewegen und miteinander interagieren – darunter auch räumliche. Ihnen wandte sich jetzt das internationale Symposium „Psychology of Places“ zu. Organisiert hatten es Prof. Dr. Anette Rohmann vom Lehrgebiet Community Psychology der FernUniversität in Hagen, Dr. Iniobong Essien von der Leuphana Universität Lüneburg und Dr. Jimmy Calanchini von der University of California Riverside. Die Veranstaltung fand online statt, sodass sich an beiden Tagen rund 90 Teilnehmende aus aller Welt zuschalten konnten. Zugegen waren dabei auch Forschende anderer Disziplinen, etwa aus der Geographie oder Architektur. Gefördert wurde die Tagung von der European Association of Social Psychology.

Ort bestimmt Sicht

Was mit „Ort“ gemeint ist, das ist je nach Forschungssetting unterschiedlich gefasst. Ein Raum kann verschieden skaliert sein, sich sogar bis ins Digitale erstrecken. „Ein Ort kann eine Region sein, ein Stadtteil oder eine Universität – aber auch der Online-Bereich einer Universität“, erklärt Prof. Rohmann. Sie selbst forscht gerade gemeinsam mit Iniobong Essien zu ortsbezogenen Stereotypen, einem Ansatz, der derzeit vor allem in den USA einflussreich ist. „Auch Orte sind mit Vorurteilen und Stereotypen verbunden. Sie haben als Kontexte immer auch eine starke soziale Bedeutung“, so die Wissenschaftlerin. „Sie beeinflussen psychologische Prozesse: Wie jemand fühlt, denkt, sich verhält und wie Gruppen miteinander in Beziehung treten. Ob ich eine Person zum Beispiel als bedrohlich oder kriminell einschätze, hat auch etwas damit zu tun, in welchem Umfeld ich ihr begegne.“

Auf Deutschland übertragen

Essien und Rohmann haben den Ansatz auf Deutschland übertragen: Beispielsweise beschrieben sie in einem Experiment Nachbarschaften – das eine Mal als multiethnisch divers, ein anderes Mal als homogen und bürgerlich. „Dann sollten die Teilnehmenden ihre Assoziationen zu den beiden Nachbarschaften nennen“, fasst Rohmann zusammen. „Die diversere Nachbarschaft wurde eher als kriminell, schmutzig, laut und arm beschrieben, die homogene Nachbarschaft als ruhig und sicher.“ Mit homogenen Wohnorten fühlten sich die Studienteilnehmenden zudem stärker verbunden. „In Zukunft möchten wir herausfinden, wie diese ortsbezogenen Stereotype auf die dort lebenden Menschen abfärben – und was wir tun können, um solche Muster aufzubrechen.“

Tablet mit Augmented Reality Symbolen Foto: Maksim Lesnoj/EyeEm/Getty Images
Mit der Digitalisierung erweitert sich der räumliche Kontext oft auch um virtuelle Ebenen– etwa durch Augmented Reality.

In Stein gemeißelt

Ein Blick auf das Tagungsprogramm zeigt, wie groß die Bandbreite des Forschungsfelds ist. Rohmann nennt als Beispiel den Vortrag von Dr. Tobias Ebert (Universität Mannheim). „Sein Team hat den Zusammenhang von Religiosität und Lebensdauer untersucht, indem es sich Grabsteine auf US-amerikanischen Friedhöfen angeschaut hat.“ Das Ergebnis: Wer mit religiös verziertem Epitaph begraben wurde, hatte im Schnitt ein über zwei Jahre längeres Leben gehabt. Dieser Zusammenhang zeigte sich jedoch nur in Regionen, die generell sehr religiös sind. Um Grabinschriften von über 6400 Verstorbenen zu erfassen, mussten die Forschenden allerdings nicht selbst durchs Land fahren und Friedhöfe besichtigen – sondern konnten auf den Sammeleifer anderer zurückgreifen: „Es gibt Menschen, die Grabsteine fotografieren und in Online-Datenbanken archivieren.“

Passe ich in den Kontext?

Eine politische Dimension berührte der Vortrag von Prof. Mary Murphy (Indiana University Bloomington). Die Psychologin untersuchte psychologische Rahmenbedingungen für Gleichheit an Universitäten. „Wie kann ich räumliche Kontexte so gestalten, dass sie inklusiv sind und Diskriminierung abbauen?“, greift Rohmann die Forschungsfrage als weiteres Beispiel heraus. Wenn beispielsweise in dem Gebäude für die MINT-Fächer einer Universität die Bilder an den Wänden ausschließlich männliche Forscher zeigen, wirkt sich das darauf aus, wie Frauen ihre Zugehörigkeit wahrnehmen. Neben der konkreten Gestaltung der räumlichen Umgebung, spielt auch die Kommunikation in Infomaterialien oder im Web eine Rolle: „Es geht zum Beispiel darum, wie viel Diversität auf der Uni-Homepage gezeigt wird.“

Strategien überdenken

Zu den übergeordneten Zielen der Community Psychology gehört es, mit ihren Erkenntnissen dazu beizutragen, das gesellschaftliche Zusammenleben und allgemeine Wohlbefinden zu verbessern. Generell sollten räumliche Kontexte dabei stärker mitgedacht und mit Blick auf Maßnahmen zur Konflikt- und Problemlösung berücksichtigt werden, bilanziert Rohmann: „Wo setzt man an, wenn man etwas verändern möchte? Wir sollten bei Interventionen nicht nur auf das Individuum schauen, sondern uns auch überlegen: Wie kann man Orte, wie kann man Strukturen verändern?“

 
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Benedikt Reuse | E-Mail: benedikt.reuse
Online-Redakteur | Stabsstelle Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit

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Benedikt Reuse | 20.12.2021