Demokratie ist kein Naturgesetz

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Ein historischer Ort für die Demokratie: der Reichstag in Berlin

Zunächst jedoch blieb die Diskussion eng an dem Sachbuch „Demokratie – eine deutsche Affäre“ von Prof. Hedwig Richter, das als Grundlage für den Politischen Salon – eine Veranstaltungsreihe der FernUniversität in Hagen, des Theaters Hagen und des Emil Schumacher Museums Hagen – diente. Richter beschreibt den Weg der Deutschen vom 18. Jahrhundert bis heute beschreibt: geprägt von vordemokratischen Reformen, sozialstaatlichen Revolutionen, aber auch von harten Rückschlägen. „Es ist eine spannende und strukturierte Darstellung“, ordnete Andreas Meyer-Lauber als Schirmherr der Veranstaltung das Buch ein – und sparte nicht mit Kritik: „Allerdings legt es eine Blindheit gegenüber wirtschaftlicher Macht und der Zeit des Nationalsozialismus ein.“ Dem schloss sich FernUni-Historikerin Prof. Dr. Alexandra Przyrembel an und fügte hinzu: „Das Buch erzählt Demokratie als Fortschrittsgeschichte. Das ist zu eindimensional.“ Demokratie sei Aushandlungsprozess, Leidenschaft und Ringen um Demokratie seien notwendig.

Demokratie als emotionales Projekt

„Wir brauchen ein emotionales Verhältnis zur Demokratie“, sagte FernUni-Rektorin Prof. Dr. Ada Pellert und nahm das Buch als Impuls für die Debatte: „Wir müssen die EU im momentanen Wettstreit der Systeme als großes emotionales Projekt aufladen.“ Darauf ging Podiumsteilnehmer Gandhi Chahine – Regisseur, Autor, Sänger, Musiker aus Hagen – ein. Chahine, der viel in Projekten mit Kindern und Jugendlichen arbeitet, appellierte: „Demokratie ist ein Lernprozess, den wir am besten im Kindergarten anstoßen. Wir müssen bei jungen Menschen für Demokratie werben, denn Demokratie ist kein Selbstläufer, kein Naturgesetz. Wir müssen dafür kämpfen.“ Chahine, der selbst 1977 nach Deutschland kam und erst 20 Jahre später wählen durfte, schwört auf Partizipation aller und das Wahlrecht für Mirgrant:innen.

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Auf dem Podium saßen unter anderem Schirmherr Andreas Meyer-Lauber und FernUni-Historikerin Prof. Alexandra Przyrembel.

Der Feind Gleichgültigkeit

„Der größte Feind der Demokratie ist die Gleichgültigkeit“, stellte René Röspel, ehemaliger Bundestagsabgeordneter für Hagen fest. Wie aber erreicht man Menschen, die nicht wählen gehen und ihre demokratischen Rechte daher nicht wahrnehmen? „Wir müssen Zugang zu Demokratie schaffen, Menschen müssen sich an Entscheidungen beteiligen können, dann akzeptieren sie die Entscheidung – auch wenn sie nicht immer ihre ist“, meinte Wolfgang Jörg, Landtagsabgeordneter aus Hagen. Aus dem Publikum warf jemand die Frage auf: Ist es nur eine Bringschuld des Systems oder auch eine Holschuld der Einzelnen?

Versuch und Irrtum

Anspruch des Politischen Salons ist es, zum Nachdenken und Weiterdiskutieren anzuregen – eine Antwort liefert er nicht immer. Im Falle des Abends zur Demokratie lässt sich festhalten: Es lohnt sich dranzubleiben, politische Bildung zu betreiben. „Versuch und Irrtum müssen erlaubt sein“, meint Gandhi Chahine.

Welchen Beitrag leistet Kultur an dieser Stelle? „Sie kann provozieren, Spitzen setzen“, so Theaterintendant Francis Hüsers. „Wenn ich ein Stück inszeniere, dann ist das kein demokratischer Akt. Es ist meine ästhetische Entscheidung.“ Anschließend müsse man sich der Diskussion stellen. „Im Austausch miteinander erfahren wir Pluralismus, ein wichtiger Leitfaden für Demokratie.“


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Anja Wetter | 22.06.2022