Die richtige Geburt

Portrait der Stipendiatin Foto: Susanne Knebel, Fotografie
Sarah Eckardt betrachtet in ihrer Promotion an der FernUni die Geburt aus soziologischer Sicht.

Schwanger und dann? In Deutschland gibt es immer weniger Hebammen. Kleinere Geburtsstationen schließen. Werdende Eltern nehmen oft lange Anfahrtswege zu den großen Geburtskliniken in Kauf. Und die Kaiserschnitt- und Interventionsrate steigt weiter an. Angesichts der Entwicklung in der Geburtshilfe ist die Frage nach der richtigen und sicheren Geburt aktueller denn je.

Wie Frauen Geburt erleben

Wie Frauen Geburt erleben, deuten und gestalten, untersucht Soziologin Sarah Eckardt (31) aus Radebeul bei Dresden in ihrer Promotion an der FernUniversität in Hagen. „Ich bin selbst Mutter und kenne in meinem Umfeld einige Hebammen“, sagt sie über die Wahl ihres Themas. „Zudem fehlt in der Soziologie eine spezifische Betrachtung der Geburt.“ Die Lage der Hebammen und Geburtsstationen hat sich in den vergangenen Jahren zugespitzt und wird öffentlich stark diskutiert. „Dieses wichtige gesellschaftliche Thema möchte ich daher aus soziologischer Perspektive analysieren“, führt Eckardt weiter aus.

Seit 2015 wird Sarah Eckardt als Stipendiatin des Promotionskollegs „Familie im Wandel“ gefördert. Mit ihrer Forschung bringt sie sich in die Veranstaltungen der Hochschule ein. Bei den Soziologie-Tagen auf dem Campus in Hagen analysierte und deutete sie zusammen mit Dr. Franka Schäfer sowie FernUni-Studierenden Geburtsratgeber. In der BürgerUniversität Coesfeld sprach und diskutierte sie über die „richtige Geburt“ im Spannungsfeld zwischen „Gebären oder entbunden werden“.

Mutter mit Säugling Foto: iStockphoto
Wie deuten und erleben Frauen Geburt? Darum geht es im Promotionsprojekt von Sarah Eckardt.

Kulturelle Deutung und Interviews

Individuelle Konzepte auf der einen, der öffentliche Diskurs auf der anderen Seite: Welches Verständnis von Geburt haben Frauen? Wie erleben und verarbeiten sie die Geburt? Diese Fragen bestimmen das Projekt von Sarah Eckardt. Im ersten Teil nimmt die Promovendin eine kulturelle Deutung und Einordnung von Geburt vor. Auf dieser Basis führt sie im zweiten Teil problemzentrierte Interviews mit Frauen, jeweils sechs Wochen vor und nach der Geburt.

„Es gibt ein Spannungsfeld zwischen den Vorstellungen der Frauen und dem konkreten Erleben von Geburt“, fasst Sarah Eckardt zusammen. Bei der Analyse des Interviewmaterials ist sie auf Passiv-Aktiv-Ambivalenzen im Erzählen über Geburt gestoßen. Etwa, wenn die Frauen über das Aushandeln des weiteren Vorgehens mit der Hebamme oder das Ausgeliefertsein innerhalb des Geburtsprozesses sprechen. „Auffällig ist, dass die Befragten den Begriff der Selbstbestimmung nicht benutzen und auf Nachfrage zu diesem Aspekt wenig sagen, obwohl er in der öffentlichen Diskussion über Geburtshilfe eine wichtige Rolle spielt“, so Eckardt.

Sarah Eckardt ist seit 2015 Stipendiatin des Promotionskollegs „Familie im Wandel. Diskontinuität, Tradition und Strukturbildung“ des Instituts für Soziologie. Betreut wird ihre Dissertation zum Thema „Die richtige Geburt. Geburtspraktiken in individuellen Praxen und öffentlichem Diskurs“ von Prof. Dr. Frank Hillebrandt (Lehrgebiet Soziologie 1, Allgemeine Soziologie und Soziologische Theorie).

Die FernUni-Wissenschaftlerin spricht sich dafür aus, Selbstbestimmung in der Geburtshilfe als Indikator für eine gute Geburt neu zu denken. Dabei sei Geburt als soziales Gefüge des Aufeinanderbezogen-Seins zu begreifen. Das heißt, als sozialer Prozess, an dem die gebärende Frau, das Kind, aber auch Partner, Hebammen sowie Ärztinnen und Ärzte beteiligt sind. „Die sichere Geburt ist eine, die menschlich gut begleitet wird“, sagt Sarah Eckardt und verweist ergänzend zu ihrer Forschung auf quantitative Studien der Medizin. „Demnach wünschen sich Frauen eine natürliche Geburt.“

Weitere Station in der Wissenschaft

Im Laufe des Jahres wird Sarah Eckardt ihre Promotion beenden. Parallel lehrt sie derzeit in der Qualitativen Sozialforschung an der Uni Erfurt. Danach kann sie sich gut eine weitere Station in der Wissenschaft vorstellen.

Die öffentliche Debatte über die Geburtshilfe in Deutschland wird sie in jedem Fall weiterverfolgen. Aus privatem und wissenschaftlichem Interesse. „Ich bin sehr gespannt, wohin die Entwicklung in den nächsten Jahren gehen wird“, sagt Sarah Eckardt. In Deutschland nimmt die Debatte zwischen Eltern, Hebammen, Ärztinnen und Ärzten sowie Krankenkassen weiter Fahrt auf. Sarah Eckardt beobachtet vorerst interessiert, wie sich eine mögliche Große Koalition positionieren wird.

Carolin Annemüller | 28.02.2018