Ein „Modell für Europa“ war Folge des großen Tötens

Eine blutige Auseinandersetzung zwischen Katholizismus und Protestantismus, bei der in- und ausländische Heere ganze Landstriche verheerten: So hat sich der Dreißigjährige Krieg, der am 23. Mai 1618 begann, ins kollektive Gedächtnis der Deutschen eingebrannt. Dabei ging es den kriegsbeteiligten Staaten weniger um Religion als um Macht. Vor allem aber sorgte der Westfälische Frieden von 1648 nicht nur für ein friedliches konfessionelles Miteinander, sondern er wirkte sich auch positiv auf die staatliche Entwicklung im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation aus. Der Historiker Prof. Dr. Thomas Sokoll von der FernUniversität in Hagen verweist daher darauf, dass der katastrophale Krieg auch positive Folgen für Deutschland hatte: Seine Festlegungen werden von der neueren Forschung als „ein Modell für das heutige (oder besser: das künftige) Europa“ gesehen werden.

Eine Darstellung des Zweiten Prager Fenstersturzes in einem Kupferstich aus dem Jahr1662. Foto: Wikimedia Commons, gemeinfrei
Eine Darstellung des Zweiten Prager Fenstersturzes in einem Kupferstich von Johann Philipp Abelinus, veröffentlicht 1662 in Matthäus Merians Geschichtswerk „Theatrum Europaeum“.

1555 hatten sich die protestantischen und katholischen Landesherren im Augsburger Religionsfrieden auf den „Bekenntnisbann“ geeinigt: Der Landesherr konnte seinen Untertaninnen und Untertanen die Konfession vorschreiben (ius reformandi: „cuius regio, eius religio“). Katholisches und lutherisches Glaubensbekenntnis waren gleichberechtigt, das reformierte blieb dagegen ausgespart, so der Wissenschaftler im Lehrgebiet Geschichte und Gegenwart Alteuropas (Prof. Dr. Felicitas Schmieder). Allerdings versuchte die katholische Seite ab etwa 1580, die Vereinbarungen auszuhebeln und die Protestanten zurückzudrängen.

Ausgelöst wurde der Krieg durch den „Zweiten Prager Fenstersturz”: Am 23. Mai 1618 warfen die Vertreter der böhmischen Stände die beiden kaiserlichen Statthalter und den Kanzleisekretär aus einem Fenster der Prager Burg. Zwar überlebten diese, doch kam die geplante Provokation als symbolischer Angriff auf den Kaiser einer Kriegserklärung gleich. Grund dafür war, dass Kaiser Matthias – ebenso wie sein Nachfolger Ferdinand II. ein „Re-Katholisierungsfanatiker“ (Sokoll) – die Religionsfreiheit rückgängig machen wollte, die sein Bruder und Vorgänger Rudolf II. den Ständen 1609 zugesichert hatte.

Der Prager Fenstersturz ist auch ein Hinweis auf die mit Konfessionsfragen verwobenen komplizierten Machtverhältnisse zwischen dem Kaiser und den Reichsständen (geistliche und weltliche Fürsten sowie Reichsstädte mit Sitz und Stimme im Reichstag).

Ein Portrait von einem Mann Foto: FernUniversität
Der Historiker Prof. Thomas Sokoll hat sich mit den Gründen, dem Verlauf und den Folgen des Dreißigjährigen Krieges befasst.

Ausländische Einflüsse

Großen Einfluss auf den Dreißigjährigen Krieg hatte auch das Ringen europäischer Großmächte um die Vormachtstellung: Spanien und die „Republik der Sieben Vereinigten Provinzen“ führten von 1568 bis 1648 mit Unterbrechungen den „Achtzigjährigen Krieg“ um die Unabhängigkeit der Vereinigten Niederlande, Schweden und Dänen von 1643 bis 1645 den Torstenssonkrieg um die Vormachtstellung im Ostseeraum. Besondere Bedeutung hatte der lange Streit zwischen Spanien und Frankreich um die Vormachtstellung in Europa, der 1635 bis 1659 zum Krieg führte. Im Dreißigjährigen Krieg kämpfte Spanien – wie Österreich von den katholischen Habsburgern regiert – an der Seite der „Liga“ deutscher katholischer Fürsten. Das ebenfalls katholische Frankreich verbündete sich jedoch mit der protestantischen „Union“. „Der Dreißigjährige Krieg war Teil einer Abfolge machtpolitischer und konfessioneller Auseinandersetzungen“, erläutert Sokoll.

Das Bild zeigt einen Baum, an dem zahlreiche Menschen gehängt wurden. Foto: Wikimedia Commons, gemeinfrei
Die Schrecken des Krieges: Einen Galgenbaum zeigt die Radierung von Jacques Callot aus dem Jahr 1632.

Westfälischer Frieden

Das große Töten dauerte bis zum 24. Oktober 1648, als der Westfälische Frieden nach fünfjährigen Verhandlungen fast aller europäischen Mächte in Münster und Osnabrück in Kraft trat. Er war zunächst ein Waffenstillstandsvertrag, Einzelheiten der Friedensordnung wurden 1649 und 1650 beim Nürnberger Exekutionstag verhandelt. Seither sind katholische, lutherische und reformierte Konfession gleichberechtigt. 1624 wurde zum „Normaljahr“ erklärt: Was die Konfessionen an dessen 1. Januar besessen hatten, erhielten sie endgültig.

Besonders wichtig war, dass sich die protestantische und die katholische Seite im Reichstag einigen mussten, „sonst gab es eben keine reichsrechtliche Regelung“, so Sokoll. „Der Gedanke der religiösen Toleranz wurde juristisch fixiert, das war der politisch entscheidende Gesichtspunkt.“ Toleranz war keineswegs eine Folge der Reformation: „Die Menschen beider Konfessionen brauchten eineinhalb Jahrhunderte, bis sie verstanden: ‚Mit Gewalt lösen wir das Problem nicht‘.“

Auch auf europäischer Ebene war der Friedensvertrag wichtig. Die Niederlande wurden endgültig auch verfassungsrechtlich von Spanien unabhängig und verließen, ebenso wie die Schweizerische Eidgenossenschaft, den Reichsverband (de facto waren beide schon vorher ausgeschieden).

Dramatische Verluste

Die Gesamtzahl der Opfer auf deutschem Boden war – gemessen an den jeweiligen Bevölkerungszahlen – 1618 bis 1648 erheblich höher als im I. und II. Weltkrieg: rund 30 Prozent der Bevölkerung starben, mehr durch Hunger und Seuchen als durch Kämpfe. Auf dem Land gab es mehr Opfer als in den Städten. Auch die regionale Verteilung war sehr unterschiedlich, späteres Ruhrgebiet und Westfalen etwa blieben weitgehend verschont. „In Württemberg sind dagegen in einzelnen Ämtern zwei von drei Menschen gestorben“, erläutert Sokoll.

Die Grausamkeiten wurden durch falsche Informationen noch überhöht: Als im Mai 1631 kaiserliche Truppen Magdeburg eroberten, waren viele der 20.000 Toten nicht Opfer einer entfesselten Soldateska, sondern einer Feuersbrunst, die Generalissimus Tilly weder befohlen hatte noch wollte. Sokoll: „Er hatte der Stadt zuvor mehrfach angeboten, sich zu ergeben, und bei der endgültigen Einnahme Plünderungen ausdrücklich verboten.“

Auch andernorts wurden Soldaten bestraft (mitunter auch hingerichtet), die trotz Verbot plünderten. Die Offiziere und Kriegsunternehmer wie Wallenstein wussten, dass es unsinnig war, die Bauern, die die Heere mit Lebensmitteln versorgen mussten, umzubringen oder ihre Scheunen niederzubrennen. Sokoll: „Viele der meist einfachen Söldner waren jedoch selbst dem Verhungern nahe, was dann zu grausigen Übergriffen führte, bei denen ein armer Teufel den anderen tötete.“

Langfristige Gewinne

Bis 1806, als das Heilige Römische Reichs aufhörte zu existieren, „wirkte sich der Westfälische Frieden als Teil der Reichsverfassung positiv auf die bunte Vielfalt von Königreichen, Fürstentümern sowie Freien und Reichsstädten auf deutschem Boden aus“, so Sokoll. Auch kleinere Staaten konnten in friedlichem Wettbewerb bedeutend werden, Städte durch Handel reich oder – wie das beschauliche Weimar – kulturelle Zentren. „Das föderale Konstrukt einer Europäischen Union mit Einzelstaaten, die Teile ihrer Souveränität abgeben, wurde damals bereits ansatzweise verwirklicht. Vor allem dieses ‚System gestufter Souveränität‘ hat dazu geführt, dass die Zeiten weitgehend friedlich blieben.“

Das Reich ging damit einen anderen Weg der Staatsbildung als Frankreich, Großbritannien oder Russland, die über politische Zentralisierung zum Nationalstaat wurden.

Schon die Staatsrechtler im 17. und 18. Jahrhundert lobten die kunstvolle Ausbalancierung der unterschiedlichen Interessen und Machtstrukturen im Westfälischen Frieden „als eine föderale Ordnung mit dem Kaiser als überwölbenden Autorität, der das Ganze zusammenhielt“, so Sokoll. „In Frankreich oder Großbritannien dagegen war politisch und kulturell im Grunde nur das tonangebend, was in Paris bzw. London stattfand.“

Im 19. Jahrhundert wurde dagegen kritisiert, dass nur Frankreich von diesem „verfluchten“ Frieden profitiert habe, weil er das Reich zu einem machtlosen Flickenteppich zerstückelt und so die Bildung eines deutschen Nationalstaats unnötig verzögert habe. Diese historische Mission habe dann, so die herrschende Meinung der Historikerzunft, Preußen mit der Proklamation des Deutschen Reichs 1871 – ohne Österreich – zu einem glücklichen Ende geführt.

Gerd Dapprich | 24.05.2018