Was „Unsicherheit“ bedeutet, ist selbst nicht sicher

Portrait von Uwe Vormbusch Foto: FernUniversität
Prof. Uwe Vormbusch koordiniert den Aufbauprozess des neuen Forschungsschwerpunkts.

Ein Blick über die aktuellen Schlagzeilen reicht, um sich verunsichern zu lassen: Klimawandel, Brexit, Finanzkrise, Handelskrieg, Hackerangriffe, Dieselskandal – fast endlos scheint die Liste der Reizworte. Das subjektive Urteil „Wir leben in besonders unsicheren Zeiten“ ist da schnell gefällt. Die wissenschaftliche Sicht auf das Thema ist weitaus differenzierter; mit ihr einher gehen viele kritische Fragen: Gab es Verunsicherungen nicht schon immer und in jeder Gesellschaft? Was sind ihre Quellen? Wie gehen Menschen damit um? Und was genau ist mit dem Begriff „Unsicherheit“ überhaupt gemeint?

Frische Erkenntnisse soll ein neuer Forschungsschwerpunkt bringen, der zurzeit an der Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften (KSW) der FernUniversität in Hagen aufgebaut wird. Das großangelegte Vorhaben bündelt wissenschaftliche Potenziale aus mehreren Lehrgebieten unter dem Titel „Figurationen von Unsicherheit“. Seit rund einem Jahr treffen sich Forschende der Fakultät, um das Vorhaben voranzutreiben und schrittweise zu institutionalisieren. Prof. Dr. Uwe Vormbusch, Leiter des Lehrgebiets „Soziologie II / Soziologische Gegenwartsdiagnosen“, koordiniert den Prozess. Neben der inhaltlichen Konturierung des Schwerpunkts geht es um organisatorische Fragen – zum Beispiel die Ausarbeitung von Anträgen für externe und hochschulinterne Fördermittel.

Gute Anschlussfähigkeit

Die fachliche Bandbreite des Schwerpunkts ist groß. Forschende sämtlicher KSW-Institute sind beteiligt. „An unserer Fakultät sind so viele Disziplinen vertreten, dass all das, was wir hier tun, grundsätzlich interdisziplinär ist“, betont Prof. Vormbusch. Mit am Tisch sitzen Vertreterinnen und Vertreter aus der Geschichtswissenschaft, Politologie, Literaturwissenschaft, Philosophie, Soziologie und der Bildungswissenschaft. „Die Beteiligten vertreten ganz unterschiedliche Ansätze. Das ist toll!“ Auch über die Fakultätsgrenzen hinaus entwickelt das Thema Anziehungskraft: So verstärken Prof. Dr. Andreas Mokros (Lehrgebiet Persönlichkeitspsychologie, Diagnostik und Beratung) und Prof. Dr. Werner Kirsch (Lehrgebiet Stochastik) den Schwerpunkt.

Symbolbild: Kreide-Fragezeichen auf Asphalt Foto: Michael Zwahlen/EyeEm/Getty Images
Begriffliche Fragezeichen: Was „Unsicherheit“ genau meint, ist noch nicht eindeutig definiert.

Forschung im Spannungsfeld

Was „Unsicherheit“ eigentlich bedeutet, ist selbst nicht sicher eingegrenzt. Sie hat verschiedene Gesellschaften in verschiedenen Epochen auf verschiedene Weisen beschäftigt – entsprechend ambivalent wurde sie verarbeitet und eingeordnet. „Das Thema begleitet uns seit der Moderne, also seit einigen hundert Jahren“, sagt Uwe Vormbusch mit Blick auf den philosophischen Diskurs. „Aber auch Steinzeitmenschen kannten schon Unsicherheit, das ist klar. Worin nun das historisch Spezifische der Unsicherheit heute besteht, wollen wir herausarbeiten.“

Wer glaubt, es ginge dem Menschen stets nur um die Vermeidung oder den Abbau von Unsicherheiten, täuscht sich: Innerhalb von Gesellschaften lassen sich gleichermaßen Strategien und Phänomene beobachten, die Verunsicherung erzeugen. So verheißt etwa der gegenwärtige Kapitalismus mit seinen freien Märkten materiellen Gewinn. Für viele Menschen bringt er jedoch zugleich biografische Fährnisse mit sich – beispielsweise durch einen unsicheren Job oder die unsichere Aussicht auf Rente. Vormbusch unterstreicht die hohe Komplexität, aber auch die Prozesshaftigkeit des Gegenstands: „Einfach nur zu sagen: ‚Die Gesellschaft ist unsicher‘ – das wäre ein Allgemeinplatz!“ Ein erklärtes Ziel des Soziologen ist daher, zur Entwicklung einer „neue Sprache“ beizutragen, um wissenschaftlich präzise und fundiert über das Thema sprechen zu können.

Auftakt zur wissenschaftlichen Debatte

Eine erste Dialog-Plattform bildete die zweitägige Tagung „Figurationen von Unsicherheit“ auf dem FernUni-Campus. Rektorin Prof. Dr. Ada Pellert, Prof. Dr. Jürgen Nagel, Dekan der Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften, und Prof. Vormbusch begrüßten hierzu Gäste aus Hagen und ganz Deutschland. Diese näherten sich dem Gegenstand in ihren Vorträgen und Diskussionsbeiträgen aus verschiedenen Richtungen an – und bestätigten damit abermals das interdisziplinäre Potenzial des Vorhabens. „Die Diskussionen waren bereits hochinteressant“, resümiert Vormbusch. „Es wurde klar, dass jede Disziplin andere Fragen stellt und etwas anderes an dem Thema ausgräbt.“ Mit Blick auf den weiteren Aufbau des Forschungsschwerpunkts ist das ein vielversprechendes Fundament.

Benedikt Reuse | 21.05.2019