Hagener Geschichte(n) postkolonial erzählt

Collage aus Personen, Straßenschildern, Landkarten und Gebäuden Foto: Mike Glüsing
Die Collage macht die Verbindungen zwischen lokaler und kolonialer Geschichte deutlich: über Personen, Straßennamen, Vereine und stereotype Darstellungen indigener Menschen.

Kolonialgeschichte streift ihre Nebenrolle ab: Klassischerweise wird sie als Geschichtsschreibung von oben angelegt, erzählt aus der Perspektive von Imperien, Kaisern, Ministerien. Mittlerweile etabliert sich eine Globalgeschichte „von unten“, drängt sich in die National- und insbesondere Lokalgeschichte. „Die historische Perspektive hat sich in den vergangenen Jahren verändert“, bestätigt Dr. Fabian Fechner, Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Lehrgebiet Geschichte Europas in der Welt an der FernUniversität in Hagen.

Mit Fokus auf die Stadt Hagen hat Fechner gemeinsam mit seiner Kollegin Barbara Schneider nach Verbindungen zwischen Kommune und Kolonialismus für die Zeit zwischen 1850 und 1960 gesucht, dabei Erstaunliches herausgefunden – und die Geschichte(n) in einem Seminar für Studierende verarbeitet. Nachlesbar sind sie in einer Publikation und einem Stadtplan.

Wirtschaftliche Not

Nach Bielefeld und Düsseldorf nun also Hagen: „Wir sind die dritte Uni bundesweit, die Spuren der Kolonialzeit vor Ort aufgespürt hat und dauerhaft dokumentiert“, sagt Fechner zu dem jungen Zweig der Lokalhistorie. „Deutschland war zur Zeit des Kolonialismus ein Auswanderungsland“, beschreibt der Historiker. „Die große Not, die in Deutschland herrschte, trieb überall Menschen dazu, nach Übersee zu gehen.“ Für Frauen etwa bedeutete die Missionsarbeit einen Sprung in der sozialen Hierarchie und mehr persönlichen Handlungsspielraum, wie Barbara Schneider erarbeitet hat.

Um in die lokale Geschichte einzutauchen, wühlten sich Barbara Schneider und Fabian Fechner durch Archive und sichteten Quellen, blätterten händisch alte Zeitungsausgaben durch und sortierten Fotos. Neben drei Hagener Archiven waren vor allem die Bestände der Archiv- und Museumsstiftung der Vereinten Evangelischen Mission in Wuppertal ausschlaggebend. Ansätze für Geschichten fanden Schneider und Fechner viele: Völkerschauen und palmengeschmückte Kolonialfeste als Unterhaltungsprogramm, revisionistische Heldenverehrung auf Straßenschildern, die Betrügereien durch den Hagener „Bund für Siedlung in Brasilien“, der zur Schau getragene Rassismus des Brauereibesitzers Carl Horst Andreas – und: Wie kam eigentlich der Kaffee nach Hagen?

Koloniale Grundierung

Hagens koloniale Spuren zeigen dabei einen Querschnitt durch die lokale Gesellschaft: vom Tagelöhner und der Zugehfrau bis zum Admiral und Millionenerben werden sie repräsentiert, ebenso wie durch Kolonialgesellschaften, Kriegervereine und Missionsorganisationen. „Letztere machten die Menschen mit dem kolonialen Gedankengut vertraut und sorgten für die koloniale Grundierung der Bevölkerung“, so Barbara Schneider. Denken und Handeln in dieser Kategorie war fest im Alltag verankert.

An dem Seminar, das das Lehrgebiet anbot, nahmen überdurchschnittlich viele Studierende teil. „Das Interesse an Lokalgeschichte und Zeithistorie ist offenkundig groß“, freut sich die Geschichtswissenschaftlerin über die Resonanz. Insgesamt 23 Bachelor- wie Promotionsstudierende zogen los, forschten ebenfalls in Archiven und Bibliotheken. Neben einigen Hausarbeiten schrieben alle einen Artikel zu ihrem Thema, die zu einer umfangreichen Broschüre mit Lokalkolorit zusammengefasst werden.

Buchpräsentation

Was: Forschungsergebnisse und Buchpräsentation „die welt in hagen – hagen in der welt“
Wann: 17. September von 18 bis 20 Uhr
Wo: Kunstquartier Hagen, Museumsplatz 1

„Darin finden sich viele Aspekte, die so in Hagen noch nicht aufgearbeitet wurden und die vor allem das koloniale Erbe über Einzelpersonen, Institutionen, Kunstwerke, Sammlungen und symbolische Handlungen veranschaulichen“, so Schneider und Fechner.

Die südlichste Nilquelle

Im Sauerländer Heimatkalender von 1956 fand Fechner selbst zufällig einen Hinweis auf den Entdecker der südlichsten Nilquelle, Burkhart Waldecker. Der Afrikaforscher und Ethnologe stammt aus Hagen und machte sich 1937 auf nach Belgisch-Kongo. Unermüdlich suchte auch er – wie bereits andere vor ihm – in den Bergen nach der südlichsten Quelle des Nils. Nachdem er sie gefunden hatte, schichtete er nach der Entdeckung eine drei Meter hohe Pyramide auf. Für den Tourismus im heutigen Burundi sind die Nilquelle und der Forscher noch von großer Bedeutung. „Was in Hagen aber weist auf Burkhart Waldecker hin?“, fragt Fechner.

Zusätzlich zur Broschüre erscheint im September ein Stadtplan, in dem 21 für die Kolonialgeschichte bedeutsame Orte markiert sind. Darunter die Stelle, an der Waldeckers Geburtshaus stand, und die Hinweise auf das Kaffeepflückerinnen-Fenster sowie einstige Straßennamen. Unterstützt haben das Forschungsprojekt vor allem die FernUniversität, die HAGENagentur und die Stadtverwaltung im Rahmen des Jubiläums „100 Jahre Bauhaus”.

Anja Wetter | 24.09.2019