Intensivmedizin in Zeiten der Corona-Krise

In Zeiten der Corona-Krise herrschen ungewohnte Töne. Staatsoberhäupter, etwa der französische Präsident Emmanuel Macron oder die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel, verglichen die Situation gar mit Kriegsszenarien. Wie von einem Schlachtfeld wirkten auch die Bilder aus Krankenhäusern, die in den vergangenen Wochen aus Italien zu sehen waren. Insbesondere Ärztinnen und Ärzte stehen dort vor schwierigen Gewissensentscheidungen, da Intensivbetten und Beatmungsgeräte nicht für alle schwer an Covid-19 Erkrankten ausreichen.

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Jun.-Prof. Orsolya Friedrich beschäftigt sich mit ethischen Fragen in der Medizin.

Wie eine Ärztin oder ein Arzt in dieser Ausnahmesituation eine gut begründete Entscheidung treffen kann, ist auch Gegenstand der Medizinethik. „Die Verteilung (intensiv-)medizinischer Ressourcen ist natürlich ein Thema, welches in der Medizinethik aktuell intensiv und auch kontrovers diskutiert wird“, sagt Orsolya Friedrich, Juniorprofessorin für Medizinethik an der FernUniversität in Hagen.

Jeder Mensch ist anders, hat aber die gleichen Rechte. „Die verfassungsrechtlich geltende und ethisch begründete Garantie der Menschenwürde fordert grundsätzlich, dass jedes menschliche Leben den gleichen Schutz genießt und keine Differenzierungen anhand bestimmter Merkmale wie Alter, Herkunft oder Geschlecht vorgenommen werden“, erklärt Friedrich. Die große Schwierigkeit in der Covid-19-Pandemie bestehe in manchen Regionen, wie in Italien, darin, die knappen Behandlungsressourcen trotzdem ethisch gut begründet zu verteilen.

In einer Ausnahmesituation gelten besondere Regeln

Eine Methode, nach der Ärztinnen und Ärzte in solchen Ausnahmesituationen entscheiden können, ist die so genannte Triage, so Friedrich. Diese käme aus der Kriegs- und Katastrophenmedizin. Die Triage diene bei medizinischer Ressourcenknappheit dazu, die Anzahl der Überlebenden zu maximieren. „Abhängig von der Schwere der Erkrankung, vom erwarteten Erfolg und von der Dringlichkeit der Behandlung werden bei der Triage Patientinnen und Patienten in Gruppen unterteilt, die unterschiedlich behandelt werden“, sagt sie dazu. Das dafür relevante Kriterium der Überlebenschance sei jedoch nicht, wie oft angenommen, an das Alter der Patientinnen und Patienten gebunden.

Grundsätzlich darf man aus ethischer Sicht menschliches Leben nicht bewerten oder gegeneinander abwägen.

Jun.-Prof. Orsolya Friedrich

Die Triage sei aber nicht unumstritten. „Grundsätzlich darf man aus ethischer Sicht menschliches Leben nicht bewerten oder gegeneinander abwägen“, betont Friedrich. Allerdings müssten beim Auftreten einer Ressourcenknappheit in der Covid-19-Pandemie Verteilungsentscheidungen getroffen werden, mit denen Ärztinnen und Ärzte weder psychologisch noch moralisch alleine gelassen werden sollten.

Was bedeutet das für deutsche Ärztinnen und Ärzte?

Damit es in Deutschland nicht zu einer ähnlichen Situation kommt wie in Italien, gibt es aktuell weitreichende gesamtgesellschaftliche Maßnahmen. Diese sollen verhindern, dass sich das Coronavirus so schnell ausbreitet, dass Intensivbetten und Beatmungsgeräte nicht mehr ausreichen. Zudem werden die Krankenhäuser aktuell für den Notfall ausgerüstet.

Für den Fall, dass es dennoch zu einer gravierenden Knappheit medizinischer Ressourcen kommen sollte, haben verschiedene Fachgesellschaften, unter anderem die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) und die Akademie für Ethik in der Medizin (AEM), Ende März klinisch-ethische Empfehlungen veröffentlicht, um Ärztinnen und Ärzte bei schwierigen Entscheidungsfindungen zu unterstützen.

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Intensivmedizinische Maßnahmen gerecht an Coid19-Infizierte zu verteilen konfroniert Ärztinnen und Ärzte mit ethisch schwierigen Fragen.

Die Empfehlungen sind rechtlich nicht bindend, aber laut Friedrich eine gute Hilfestellung. Sie folgen Grundsätzen, die in möglicherweise auftretenden Dilemma-Situationen noch am ehesten ethisch begründbar sind. Zudem schlagen die Empfehlungen ein konkretes, praxisnahes Vorgehen vor. Friedrich bekräftigt, dass die vorgelegte Empfehlung auf Transparenz, berufs- und fachgruppen-übergreifende, gemeinsame Entscheidungen mit einem „Mehraugen-Prinzip“ sowie auf eine sachgerechte Dokumentation Wert lege. Auch klinisch-ethische sowie psychosoziale Unterstützungsangebote seien für Medizinerinnen und Mediziner in solchen Krisensituationen sehr wichtig und werden aktuell eingerichtet. Die FernUniversität in Hagen bietet in ihrem Weiterbildungsprogramm „Medizinethik“ ebenfalls die Möglichkeit, sich mit komplexen ethischen Fragen in der Medizin auseinanderzusetzen.

Carsten Sander | 30.04.2020