Der Macht-Index: „Wer hat das Sagen?“

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Schematische Darstellung eines sozialen Netzwerks. Die Personen bilden die Knoten, ihre Verbindungslinien die Kanten ab.

Wo Menschen sind, ist Macht. Sie stellt soziale Ordnung in Staaten her, sichert den Erfolg von Unternehmen, Machtallianzen beherrschen die Weltwirtschaft. Doch warum sind einige Menschen mächtiger als andere? Und wie lässt sich ihr Einfluss messen? Diesen Fragen haben sich zwei Forscher der FernUniversität in Hagen gewidmet. Mit ihren Ergebnissen liefern sie auch neue Erkenntnisse über das bekannte Terrornetzwerk 9/11.

„Wir wollten im Grunde folgendes wissen“, fasst Dr. Andreas Dellnitz seinen Ansatz zusammen, „wer hat in einem sozialen Netzwerk das Sagen und warum?“ Wenn der Forscher vom Lehrstuhl für BWL, insbesondere Quantitative Methoden und Wirtschaftsmathematik, von sozialen Netzwerken spricht, denkt er nicht an Facebook, Twitter oder Instagram. Für ihn sind soziale Netzwerke abstrakte Verbindungen aus Knoten und Kanten. Und genau diese Muster finden sich überall, wo Menschen miteinander verhandeln – in Wirtschaftskonzernen, der Politik, „aber auch wenn Sie in Ihrer Familie etwas ausdiskutieren“, sagt der FernUni-Forscher.

Die Suche nach der Zauberformel

Hierbei gilt: Wer andere leicht überzeugen kann, verändert ein Netzwerk zu seinen Gunsten. Er oder sie gilt als besonders mächtig. „Personen in zentralen Positionen sind meist gut vernetzt, was ihnen viele Handlungsalternativen verschafft“, sagt Dellnitz. Dadurch haben sie gleichzeitig ein größeres Machtpotenzial. Die Netzwerkforschung analysiert dieses Machtpotenzial seit den 1960er Jahren in Laborversuchen, indem sie Personengruppen verhandeln lässt. Danach wird ihr Kräfteverhältnis analysiert und daraufhin ihre jeweilige Verhandlungsmacht beurteilt.

Doch Versuche dieser Art sind aufwändig und teuer. Dellnitz und sein ehemaliger Doktorvater Prof. Wilhelm Rödder suchten daher schon länger nach einem universellen mathematischen Konzept, mit dem sich Macht einfacher und schneller berechnen lassen sollte. Ironischerweise ging der Idee zu ihrem Macht-Index selbst eine hitzige Diskussion voraus. „Forschungsideen entstehen bei uns fast immer so“, erinnert sich Dellnitz. „Und sie enden meistens im Konsens und schließlich in einer wissenschaftlichen Untersuchung, weil wir beweisen müssen, ob der entwickelte Gedanke passt.“

Terrornetzwerke: soziologisch gut erforscht

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Andreas Dellnitz erlangte wichtige Erkenntnisse, um das Terrornetzwerk 9/11 transparenter zu machen.

Folgt man den gemeinsamen Ausführungen der beiden, die sie auch in der Fachzeitschrift Scientific Reports veröffentlicht haben, liefert die Untersuchung jedoch vollkommen überraschende Ergebnisse. Als Untersuchungsgrundlage diente den Wissenschaftlern das soziologisch gut erforschte Terrornetzwerk 9/11, das die Anschläge auf das World Trade Center in New York verübt hat. „Jeder der Attentäter in dem Netzwerk hatte eine Funktion“, erklärt Dellnitz, „vom Piloten über den Mittelsmann bis hin zum Oberboss. In diesem zentralsten unserer Knoten mit den meisten Verbindungen agierte Mohammed Atta, der Anführer der Piloten der entführten Flugzeuge.“

Attas Macht-Index sei mit einem Wert von 6,55 sehr hoch, was für den Forscher aufgrund der zentralen Rolle Attas noch wenig überraschend gewesen sei. Doch schon der vermeintlich zweitwichtigste Terrorist im Netzwerk gemäß bisheriger Analysetechniken, Salem Alhazmi, hat mit einem Wert von 2,56 ein nicht mal halb so großes Machtpotenzial. Durch seine Nähe zum Piloten Hani Hanjour stand er zwar weit oben im Terrornetzwerk, sein Machtpotenzial war aber gering. „Das war für uns eine sehr überraschende Erkenntnis“, erinnert sich Dellnitz, „denn bisher ging man davon aus, dass der gut vernetzte Alhazmi mit seinen vielen Kontakten auch viel Macht hätte ausüben müssen.“ Doch die Zahlen zeigen eindeutig ein anderes Bild.

Mit ihrem Macht-Index könnten Dellnitz und Rödder daher einen wichtigen Ansatz liefern, um Terrorzellen und deren Machtverhältnisse zu entschlüsseln. Und die Forscher gehen noch einen Schritt weiter: „Wir können bereits jetzt berechnen, welche Personen auf ihren Positionen mit Macht ausgestattet werden müssten, um ein Netzwerk zu dominieren.“ Das heißt im Umkehrschluss, Ermittlungsbehörden könnten diese Informationen nutzen, um ein Netzwerk zu zerschlagen. Doch bis dahin sei es sicher noch ein weiter Weg, befürchtet Dellnitz.

Werbetreibende Unternehmen wollen immer gerne wissen, mit welchen Influencern sie auf Instagram zusammenarbeiten müssen, um maximale Werbeerfolge zu erzielen.

Dr. Andreas Dellnitz

Wertvoll für Werbetreibende

Viel eher könne er sich einen Anwendungsfall innerhalb der Betriebswirtschaft vorstellen: „Werbetreibende Unternehmen wollen immer gerne wissen, mit welchen Influencern sie auf Instagram zusammenarbeiten müssen, um maximale Werbeerfolge zu erzielen.“ Mit dem Mächtigkeitsindex ließe sich das leicht herausfinden. „Voraussetzung ist bei unserer Analyse allerdings immer, dass die Netzwerkstruktur im Vorfeld bekannt ist.“

Was bei Social-Media-Plattformen über die Programmierschnittstelle recht einfach zu beschaffen sei, das könnte bei analogen Netzwerken deutlich komplizierter sein. Dellnitz denkt an Netzwerk-Treffen wie etwa den G-20-Gipfel, zu dem Staatsoberhäupter, Diplomatinnen und Diplomaten zusammenkommen. Absprachen in diesem Rahmen finden nicht ohne Störfaktoren wie unter Laborbedingungen statt. Die jeweiligen Netzwerkstrukturen seien daher nur schwer zu beurteilen. Hier muss die Netzwerkforschung also sicherlich noch ihren Beitrag leisten, um den Macht-Index in der Praxis zu erproben.

In einem nächsten Forschungsprojekt wollen sich Dellnitz und Rödder mit Machtverhältnissen auf politischer Ebene befassen. Eine naheliegende Entscheidung, die ausnahmsweise einmal ohne kontroverse Diskussion der beiden Forscher auskam.

Zur Studie

Dellnitz, A., Rödder, W. An entropy-based framework to analyze structural power and power alliances in social networks. Sci Rep 10, 10697 (2020). https://doi.org/10.1038/s41598-020-67542-0

Online-Veröffentlichung

Sarah Müller | 10.12.2020