Europas Detektive – auf der Suche nach einer Verfassung

Foto: FernUniversität
Die beiden jüngsten Veröffentlichungen Band 3 der Reihe zum 19. Jh. und Band 5 zum 20. Jh. erschienen 2019 und 2020.

Eine gemeinsame Verfassung hat Europa bekanntlich nicht – oder? Als im Jahr 2006 der Vertrag von Rom endgültig scheiterte, platzte damit auch das Vorhaben einer Verfassung für die Europäische Union. Was folgte, war mit dem Vertrag von Lissabon eine Reform der bisherigen Verträge, allerdings ohne Verfassungstopos. Doch für den Historiker Dr. Werner Daum von der FernUniversität in Hagen stellt sich die Frage, ob Europa nicht ohnehin auf gemeinsamen europäischen Verfassungsgrundsätzen erbaut ist. Und zwar mindestens schon seit 1789 und damit lange bevor überhaupt auch nur die Idee der EU als institutionelles Gefüge ausgesprochen war.

Die Zeit um 1800 war die Zeit nach der Französischen Revolution, in der viele Regionen auf dem europäischen Kontinent damit beschäftigt waren, neue Bündnisse einzugehen und Staaten zu gründen. Sie errichteten Gemeinwesen und schrieben erste Verfassungsgrundsätze auf Papier. Bei der Frage, wie ein Staat aufgebaut sein soll, wer Gesetze beschließt und welche Rechte der einzelne Mensch hat, spickten sie manchmal bei ihren Nachbarn – absichtlich und unabsichtlich. „Etliche Konstitutionalisierungswellen überrollten das gesamte 19. Jahrhundert hindurch Teile Europas, bei denen politische Ideen und Verfassungsfragmente zwangsläufig weitergetragen wurden“, erklärt Daum. „Ein gutes Beispiel hierfür sind die Eroberungszüge Napoleons. Er hatte bei seinen Kriegen gewissermaßen immer auch die gerade geltende französische Verfassung im Gepäck.“

„Ganz sicher ist das ein Lebenswerk“

Doch wie genau sich aus solchen Transferprozessen die jeweiligen Grundzüge der staatlichen Eigenheiten Deutschlands, Italiens, Rumäniens und Portugals herausbildeten, woher das heutige Europa seine verfassungspolitischen Gemeinsamkeiten bezieht, damit hat sich die Forschung lange nicht mit angemessener Gründlichkeit befasst. Bis zum Jahr 2006, als der erste Band eines umfangreichen Handbuch- und Editionsprojektes erschien, dessen Koordinator und Mitherausgeber Werner Daum ist. Ein Projekt, das so umfangreich ist, dass es bis heute – 15 Jahre später – gerade mal Halbzeit hat.

Dr. Werner Daum Foto: Privat

Unter den Herausgebern der Gesamtreihe kursiert das Bonmot, wenn wir den letzten Band nicht mehr ganz erleben, möge man ihn uns bitte ins Grab legen.

Dr. Werner Daum

„Ganz sicher ist das ein Lebenswerk“, ordnet der Historiker das Projekt in seine eigene Biografie ein, gerade weil er die Projektarbeit nur nebenberuflich betreiben kann. „Unter den Herausgebern der Gesamtreihe kursiert das Bonmot, wenn wir den letzten Band nicht mehr ganz erleben, möge man ihn uns bitte ins Grab legen. Aber Projekte wie dieses haben eben sehr lange Laufzeiten, manchmal auch drei oder noch mehr Jahrzehnte.“ Die anderen Herausgeber sind die Historiker Prof. Dr. Peter Brandt, der bis zu seinem Ruhestand 2014 an der FernUniversität in Hagen forschte und lehrte, Prof. Dr. Arthur Schlegelmilch, Leitender Direktor des „Instituts für Geschichte und Biographie“ in Hagen, sowie Dr. Martin Kirsch, der u.a. an der Humboldt Universität zu Berlin tätig war.

Neun Bände in zwei Reihen

Werner Daum zufolge, der hauptberuflich das Regionalzentrum Karlsruhe der FernUni leitet, haben im Wesentlichen diese drei Kollegen das Projekt „Europäische Verfassungsgeschichte 1789 bis 2013“ langfristig am Leben erhalten und vorangetrieben. Es umfasst genau genommen zwei Handbuch-Reihen. Die erste ist auf vier Bände angelegt und liefert eine systematisch-vergleichende Darstellung der gesamten europäischen Verfassungsstaatlichkeit vom späten 18. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg. Die zweite Reihe führt die Analyse in fünf Bänden bis in den europäischen Integrationsprozess seit 1989 fort.

Mehr zum Projekt

Über die Konzeption und den Fortgang des Projekts informiert neben der Projektseite auch ein diesjähriger Vortrag in der Karlsruher Veranstaltungsreihe „Gespräche am Tor“, die seit 2014 der lokalen bildungsinteressierten Öffentlichkeit Forschungsleistungen der FernUni vermittelt.

Jeder bereits erschienene Band ist ungefähr 1.500 Seiten stark, beiden Reihen liegt ein für alle Länder einheitliches Gliederungsschema zugrunde, anhand dessen die Autorinnen und Autoren die verfassungsrelevanten Teilbereiche des politischen und gesellschaftlichen Lebens darstellen. Die Länderbeiträge decken das gesamte geografische Europa einschließlich Russlands und des Osmanischen Reichs bzw. der Türkei ab. Mehr als 30 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler pro Band spüren für ihre Beiträge in detektivischer Arbeit Informationen über die jeweilige Verfassungsgeschichte auf und tragen die Ergebnisse zusammen. Das ist, weiß Werner Daum, nicht immer einfach, denn „nicht alle verfassungsrelevanten Quellen sind archivalisch, bibliothekarisch oder gar digital einfach zugänglich und eine Herausforderung sind ohnehin diejenigen Länder, die vielleicht gar keine vollumfänglich geschriebene Verfassung hatten.“

Die Quellensammlung – eine eigene Suchmaschine

Die Autorinnen und Autoren betreten demnach oftmals Neuland auf der Suche nach den grundlegenden Strukturen einer staatlichen Ordnung. Damit die nachfolgende Forschung es leichter hat, ist der ersten Reihe zum 19. Jahrhundert eine üppige Quellensammlung auf CD beigelegt. „Wenn Sie so wollen, handelt es sich dabei um ein eigenes Google, mit dem man auch innerhalb der Texte nach Begriffen suchen kann. Auf Papier gedruckt wären das pro Band mehr als 10.000 verfassungshistorische Textseiten. Dieses Editionswerk bietet zusammen mit den Handbuchbänden jetzt erstmals die Arbeitsgrundlage für vergleichende Forschung über alle europäischen Länder hinweg, das hat es so bisher noch nicht gegeben.“

  • Das Handbuch- und Editionsprojekt wird am Dimitris-Tsatsos-Institut für Europäische Verfassungswissenschaften (DTIEV) an der FernUniversität in Hagen verwirklicht. Hierbei handelt es sich um eine an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät angesiedelte interdisziplinäre Einrichtung von Rechts- und Geschichtswissenschaftlern. Seit 2006 fördert das Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung das Projekt, Band 1 der Reihe 20. Jahrhundert wird außerdem von der Volkswagenstiftung gefördert. Alle Bände erscheinen im Bonner Dietz-Verlag.

Das Werk ist vor allem für die Geschichts-, Politik- und Rechtswissenschaft interessant, für die es ein hilfreiches Arbeitsmittel bereitstellt, um sich vollumfänglich über die Entstehung und Fortentwicklung der europäischen Verfassungsstaatlichkeit zu informieren. Doch Werner Daum empfiehlt die Bände auch „europapolitischen Akteur:innen in der heutigen Zeit, um auf diesem Weg das Bewusstsein zu schärfen für die verfassungshistorische Vielfalt, die unseren Kontinent auf der einen Seite ausmacht, und für die Gemeinsamkeiten der europäischen Verfassungsidee auf der anderen, die ohne Zweifel vorhanden sind.“ Es könne jedenfalls nicht schaden, wenn Verantwortliche gerade auf der EU-Ebene, aber auch in der Bundespolitik, die historische Perspektive nutzten, um gegenwärtige verfassungspolitische Vorgänge besser einordnen zu können.

Zu den bisherigen Publikationen

 

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Sarah Müller | 18.03.2021