Eine besondere Form von Einsamkeit

Frau mit Smartphone am Fenster. Foto: Kathrin Ziegler/DigitalVision/Getty Images
Wer räumliche Nähe vermisst, muss sich nicht grundsätzlich einsam fühlen.

Abstandsregeln, Kontaktverbote, Schulschließungen – all das macht etwas mit den Menschen. Aber wie haben sich die Corona-Maßnahmen in Deutschland konkret auf das psychische Wohlbefinden ausgewirkt? Inwiefern leiden Menschen an Gefühlen von Einsamkeit? Das haben Dr. Helen Landmann und Prof. Dr. Anette Rohmann vom Lehrgebiet Community Psychology der FernUniversität in Hagen untersucht. Gleich zu Beginn des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020 starteten sie eine achtwöchige Tagebuchstudie. „Hierbei werden die Teilnehmenden immer wieder angestupst, um Fragen zu beantworten. So lassen sich auch Veränderungen über einen Zeitraum hinweg erfassen“, erklärt Helen Landmann das Format. Insgesamt nahmen 480 Personen zwischen 18 und 72 Jahren bis zum Ende an der Studie teil.

Die Psychologinnen zeigen mit ihrer Arbeit vor allem auf, dass eine weitere Differenzierung von Einsamkeit sinnvoll ist. Denn in der Vergangenheit unterschieden Forschende oft nur zwischen sozialer und emotionaler Einsamkeit. Dem fügte das Team nun eine dritte Dimension hinzu: physische Einsamkeit. Emotionale Einsamkeit beschreibt eine fehlende seelische Verbindung mit anderen. Bei sozialer Einsamkeit sind Menschen grundlegend mit ihrem sozialen Netzwerk unzufrieden. Mit physischer Einsamkeit ist jedoch gemeint, dass jemand die tatsächliche Anwesenheit und Gesellschaft anderer vermisst.

Technik kompensiert nicht alles

In vielen Lebensbereichen gibt es zwar digitale Ausgleichsangebote; doch egal, ob bei Konzerten, Sportaktivitäten oder einem gemeinsamen Plausch – echte räumliche Treffen oder gar Berührungen fühlen sich einfach anders an als ein Videostream. Die Studie zeigt, wie wichtig es ist, diesen Aspekt zu berücksichtigen: „Physische Einsamkeit ist im ersten Corona-Lockdown stark angestiegen“, so Landmann. Dahingegen blieben die anderen beiden Einsamkeitsdimensionen in einem unauffälligen Bereich. Vermutlich ließen sie sich besser auf virtuellem Weg ausgleichen. „Einerseits ist es schön, dass wir hier eine Resilienz sehen. Andererseits zeigt sich: Die neue Technik erleichtert vieles, kann aber eben auch nicht alles kompensieren.“

Portrait Foto: FernUniversität
Helen Landmann ist Erstautorin der Studie.

Abhängig von Person und Alter

Die Studie zeigt auch, dass das Alter und die Persönlichkeit der Probandinnen und Probanden eine Rolle spielen: „Es gibt Leute, die leben vielleicht eh ein bisschen zurückgezogener – zum Beispiel ältere oder introvertierte Menschen. Denen hat die räumliche Trennung weniger ausgemacht“, fasst Landmann die Ergebnisse zusammen. Extrovertierte und junge Personen, die in der Regel eher den räumlichen Kontakt suchen, hätten im Befragungszeitraum hingegen mehr an physischer Einsamkeit gelitten. Dafür konnten sie wiederum soziale Einsamkeit besser kompensieren.

Physical Distancing

Solch eine differenzierte Betrachtungsweise setzt sich auch in Beziehung zur Sprache. „Schon zu Beginn des Lockdowns gab es Stimmen, die gesagt haben: Wir müssen weg von dem Begriff ‚Social Distancing‘, weil es ja trotzdem noch eine Verbundenheit zwischen den Menschen gibt“, sagt Landmann. Viel treffender sei es, von Physical Distancing zu sprechen. „Unsere Befunde zur physischen Einsamkeit passen dazu.“

Einsam fühlten sich die Studienteilnehmenden – zumindest im getesteten Zeitraum – eben vornehmlich in räumlicher Hinsicht, nicht unbedingt sozial oder emotional. Persönlich zieht die Psychologin auch Zuversicht aus dieser Erkenntnis: „Zu reflektieren, dass es in einem Bereich Defizite geben kann, die anderen beiden Säulen aber deshalb nicht gleich zusammenbrechen, hat auch etwas Beruhigendes.“

Die Studie

Landmann, H. & Rohmann, A. (2021). When loneliness dimensions drift apart: Emotional, social and physical loneliness during the COVID-19 lockdown and its associations with age, personality, stress, and well-being. International Journal of Psychology, https://doi.org/10.1002/ijop.12772

Zur Studie mit Ergebnissen

 

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Benedikt Reuse | 25.06.2021