Kneipengeschichte(n) unter der Lupe

Zeichnung einer Szene in einer vollen Kneipe: Männer mit Zylindern, Arbeiter mit Schiebermützen, Frauen in Kleidern und Hüten Foto: Heinrich Zille, Public domain, via Wikimedia Commons
„In der Kneipe“ von Heinrich Zille, 1913

Zweites Wohnzimmer, Parteitreff, Jobbörse, Partylocation oder Pforte zur Unterwelt: Kneipen erfüllen die verschiedensten Funktionen in der Gesellschaft. Früher waren sie für die Menschen noch wichtiger als heute, weiß Dr. Mareen Heying von der FernUniversität in Hagen. Die Wissenschaftlerin im Lehrgebiet „Geschichte der Europäischen Moderne“ bringt Licht in ein Forschungsfeld, das mit Blick auf die deutsche Historie erst wenig untersucht wurde. „Für den Zeitraum des Kaiserreichs und der Weimarer Republik sind Kneipen noch unterforscht“, so Heying. Mit ihrem Habilitationsvorhaben möchte sie nun dazu beitragen, diese Lücke zu schließen.

Als soziale Räume sind Kneipen eng mit dem im 19. Jahrhundert rasant wachsenden Arbeiter-Milieu verbunden. Nach anstrengenden Schichten in Fabriken, Bergwerken oder Industriehäfen kamen die Männer alltäglich in Wirtshäusern zusammen – oft auch, um den beengten Verhältnissen in den eigenen vier Wänden zu entkommen. „Viele Personen, insbesondere aus der Arbeiterklasse, wohnten unter hygienisch miserablen Bedingungen. Die Wohnungen waren wahnsinnig klein, meist sprangen viele Kinder darin herum und andere Arbeiter übernachteten dort als Schlafgänger“, beschreibt Heying. Die Kneipe sei ein wichtiger Ort gewesen, um wenigstens etwas Bewegungsfreiheit zu erfahren.

Benedikt Reuse | 08.09.2021