Pandemie und Klimakrise haben erstaunliche Gemeinsamkeiten

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Die Politik sollte sich viel stärker und früher als bisher auf die Ergebnisse der Wissenschaft verlassen, fordert Prof. Robert Schmidt.

Corona-Pandemie und Klimakrise: Bei aller Unterschiedlichkeit haben beide viel mehr miteinander gemein als nur die Tatsache, dass sie die ganze Welt vor riesige Herausforderungen stellen. Das Klimaproblem analysiert Prof. Dr. Robert Schmidt bereits seit Jahren aus ökonomischer Sicht, jetzt hat der Inhaber des Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre, insb. Mikroökonomie an der FernUniversität in Hagen „erstaunliche Parallelen zwischen Klima- und Coronakrise“ erkannt: „Die Coronakrise kann als ‚Lehrstück‘ dafür betrachtet werden, wie insbesondere demokratische Staaten mit Problemen einer bestimmten Art umgehen.“

Da die beiden Probleme unterschiedlich schnell verlaufen, werden etwaige Fehler der Politik beim Umgang mit der Coronakrise schon nach einigen Wochen sichtbar, wohingegen der dramatische Mangel an adäquater Bekämpfung des Klimawandels erst mit vielen Jahren Verzögerung sichtbar wird: „Vielleicht können aus der Coronakrise Lehren für den Umgang mit dem Klimawandel gezogen werden“, hofft Prof. Schmidt. Der Mikroökonom befasst sich schwerpunktmäßig mit der Klima- und der Politischen Ökonomie und setzt sich zudem seit längerem für eine flächendeckende CO2-Besteuerung, verbunden mit einem steuerlichen Grenzausgleich (ähnlich wie jetzt von der EU Kommission geplant) ein.

Erfolge werden erst spät sichtbar

Eine von mehreren Gemeinsamkeiten zwischen Corona-Pandemie und Klimawandel ist, dass bei beiden Krisen frühzeitige Anstrengungen entscheidend sind, um spätere Schäden – wirtschaftliche wie menschliche – drastisch zu reduzieren. Daher ist frühzeitiges, sehr vorausschauendes Handeln der Politik gefragt.

Der Umgang mit dem Klimawandel wird offensichtlich durch die zeitliche Verzögerung zwischen den Anstrengungen zur Senkung der Emissionen und ihren Früchten, die vor allem zukünftigen Generationen zugutekommen, erschwert. „Auch bei Corona gibt es eine zeitliche Verzögerung zwischen den Anstrengungen, die Verbreitung des Virus einzudämmen, und den möglichen Erfolgen“, so Robert Schmidt. „Während der Klimawandel jedoch auf einer Zeitskala von Jahrzehnten abläuft, verläuft das Geschehen bei Corona quasi im Zeitraffer.“

Chancen verpasst

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Prof. Robert Schmidt

Dennoch ist die zeitliche Verzögerung auch bei Corona ein massives Problem. In einem kürzlich veröffentlichten Kommentar in der englischsprachigen Fachzeitschrift Journal of Environmental Studies and Sciences blickt Schmidt zurück auf die frühe Phase der Corona-Epidemie, noch bevor diese zur Pandemie wurde. „Harte, zeitlich begrenzte Maßnahmen Anfang Februar 2020 hätten womöglich eine globale Ausbreitung des Virus, also die Pandemie, noch verhindern können und es eventuell gestattet, das neuartige Corona-Virus vollständig auszurotten.“

Dafür wären jedoch zeitnah nach dem Ausbruch der Epidemie in China massive Einschränkungen der Bewegungsfreiheit von Menschen zwischen Ländern oder Regionen, wo das Virus bereits grassierte, und solchen, wo dies nicht der Fall war, von Nöten gewesen, sowie drastische Maßnahmen in den betroffenen Regionen. „Der Reiseverkehr zwischen betroffenen Regionen und Corona-freien Ländern hätte zu einem sehr frühen Zeitpunkt nahezu zum Erliegen kommen müssen. Dazu hätten Flüge, Zugverbindungen etc. in und aus betroffenen Regionen drastisch reduziert werden müssen. Darüber hinaus hätten Menschen, die aus betroffenen Ländern in nicht betroffene Länder oder Regionen zurückkehren, sich in eine streng überwachte, etwa zweiwöchige Quarantäne begeben müssen, und sich vor dem Verlassen der Quarantäne auf das Virus testen lassen müssen.“ Als Beispiel nennt Schmidt Neuseeland, das das Virus mit frühzeitigen massiven Einreise- und Quarantänebestimmungen in Schach halten konnte.

Beispiel Neuseeland

Am Beispiel Neuseelands lässt sich laut Schmidt aufzeigen, wie eine solche Strategie in der Praxis ausgesehen hätte, und wie effektiv sie sein könnte in der Eindämmung der Epidemie, insbesondere dann, wenn viele Länder der Erde hierbei koordiniert gehandelt hätten. In einem Artikel schrieb die BBC (www.bbc.com/news/amp/world-asia-53274085), dass Neuseeland einen Tag nach dem ersten Covid-19-Todesfall außerhalb Chinas auf den Philippinen seine Grenzen für alle Ausländer, die aus oder über China anreisten, schloss. Zu diesem Zeitpunkt gab es keine bekannten Fälle in Neuseeland. Alle Neuseeländer, die aus China zurückkehrten, mussten sich 14 Tage lang isolieren. Dieses frühe Handeln gestattete es, das Einströmen des Virus und dessen Verbreitung im Land zu stoppen. „Eine solche Strategie könnte überall funktionieren, wo es eine funktionierende Regierung und Infrastruktur gibt“, wird ein Experte aus Neuseeland in dem Artikel zitiert. Er war überrascht, dass Länder wie Großbritannien oder auch die EU und Nordamerika nicht ähnliche Strategien entwickelten.

Derartige Maßnahmen hätten Anfang Februar 2020 vermutlich noch drakonisch gewirkt, was es für die Politik schwierig gemacht hätte, diese vor der Bevölkerung zu rechtfertigen. Aus ökonomischer Sicht wären diese aber durchaus zu rechtfertigen gewesen: „Das Einschleppen eines gefährlichen Virus in ein noch nicht betroffenes Land ist wie eine Hyper-Externalität." In der Klimaökonomik bezeichnet man beispielsweise schädliche CO2-Emissionen als eine „Externalität“, da diese externe (Klima-bezogene) Schäden bei anderen Akteuren erzeugen, die die Emissionen nicht verursacht haben.

Extreme Externalität rechtfertig drastische Maßnahmen

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Abstand halten, Mund-Nase-Schutz tragen, auf Hygiene achten: Das sind noch mit die Corona-Maßnahmen mit den geringsten Auswirkungen.

Wenn man bei Corona die ganze Kette an potenziellen Ansteckungen betrachtet, die eine einzelne, infizierte Person in einer zuvor noch nicht betroffenen Region verursachen kann, wird deutlich, dass es sich hier um eine extreme Form von Externalität handelt.“ Prof. Schmidt argumentiert, dass sich dadurch frühzeitige Reisebeschränkungen und Quarantänemaßnahmen hätten rechtfertigen lassen. „Im Übrigen sind die späteren Beschränkungen für die gesamte Bevölkerung viel drastischer und die gesellschaftlichen Kosten ungleich höher, verglichen mit einer zeitlich begrenzten Einschränkung der Reisefreiheit in oder aus einer Handvoll betroffener Regionen Anfang Februar 2020.“

Eine weitere Parallele zwischen dem Klimaproblem und der Coronakrise besteht laut Schmidt in der Unsicherheit, die mit dem jeweiligen Problem verbunden ist. Ob die Pandemie mit einer bestimmten Strategie wirklich hätte verhindert werden können, ist natürlich ungewiss. Auch beim Klimawandel ist die Höhe der zukünftigen Schäden und die Wahrscheinlichkeit eines möglichen Außerkontrollegeratens des Problems nicht genau bekannt. Dies erschwert es der Politik zusätzlich, frühzeitig harte Maßnahmen zu ergreifen.

Fehlanreize in der Politik

Prof. Schmidt erklärt sich das – aus seiner Sicht – globale Versagen in der (sehr) frühen Phase der Corona-Krise zudem durch Fehlanreize für Politiker, sich des Problems anzunehmen. „Die Bevölkerungen der noch nicht betroffenen Länder haben die Notwendigkeit harter Maßnahmen damals noch nicht eingesehen“, sagt Schmidt rückblickend auf die frühe Phase der Corona-Epidemie. „Ein Zyniker könnte sagen, dass die Schäden der Epidemie erst für jedermann sichtbar gemacht werden mussten, also die Pandemie musste zunächst ihren Lauf nehmen, bevor entschiedenes Handeln in einer Demokratie eine Mehrheit gewinnen konnte. Anschließend konnten sich Politiker sogar als Krisenmanager profilieren, während drastische Maßnahmen noch vor dem Auftreten erster Fälle in noch nicht betroffenen Staaten zu der Zeit drakonisch und unverhältnismäßig gewirkt hätten.“ Ähnliches gilt auch für die Klimakrise. „Auch hier, so scheint es, müssen die Schäden erst sichtbar für jedermann gemacht werden, bevor entschiedenes Handeln in einer Demokratie möglich wird.“

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Die Wissenschaft ist sich einig, dass die Zunahme verheerender Wettereignisse im Zusammenhang mit den Klimaveränderungen steht, denen die Politik in aller Welt lange recht tatenlos zusah.

Zu einem solchen Zeitpunkt ist es nötig, auf den Rat von Expertinnen und Experten zu hören, um das Problem antizipieren zu können, noch bevor es für die breite Bevölkerung sichtbar wird.

Prof. Robert Schmidt

Prof. Schmidt würde sich daher wünschen, dass demokratische Systeme weiterentwickelt werden, damit sie komplexe Probleme so wie z.B. den Klimawandel, aber auch Artensterben, übermäßigen Pestizideinsatz, die Übernutzung von Antibiotika und ähnliche, sich schleichend entwickelnde Probleme frühzeitig mit entschiedenen Maßnahmen adressieren können, noch bevor diese akut werden. „Zu einem solchen Zeitpunkt ist es nötig, auf den Rat von Expertinnen und Experten zu hören, um das Problem antizipieren zu können, noch bevor es für die breite Bevölkerung sichtbar wird.“

Lehren aus der Pandemie

Die zentrale Lehre für zukünftige Pandemien lautet aus Schmidts Sicht, dass es ein Frühwarn-System und einen Early Action Plan geben sollte, damit in zukünftigen epidemischen Lagen viele Staaten der Erde sich etwa so verhalten könnten, wie Neuseeland das im Februar und März 2020 getan hat: das Virus durch Einreisebeschränkungen und harte Quarantänevorschriften bei der Einreise weitgehend fernhalten und die Infektionsherde, die dennoch auftreten im Land, sofort austreten.

Schmidt: „Wenn viele Länder der Erde sich genau so verhalten hätten, dann hätte die Pandemie vermutlich verhindert werden können. Diese Lehre sollte man für zukünftige pandemische Bedrohungslagen ziehen.“

Gerd Dapprich | 10.09.2021