Bildungsvielfalt aus einer Hand

Vater mit Sohn auf dem Schoß, arbeitet am Laptop Foto: Cavan Images/Cavan/GettyImages
Hochschulbildung für alle: Eine offene digitale Uni würde das Bildungssystem sozial durchlässiger machen.

Was wäre, wenn alle Hochschulen in Deutschland an einem Strang zögen, um ein länderübergreifendes, sozial durchlässiges, diverses und digitalisiertes Bildungsangebot zu schaffen? Ideen zu einer solchen German Digital Open University (GDOU) gibt es schon länger in Politik und Wissenschaft. Doch wie realistisch ist so ein Vorhaben überhaupt? Wie lässt es sich am besten umsetzen und worin liegen die Vorteile für alle Beteiligten? „Wir haben das Feld aufbereitet, systematisiert und zeigen, welche Möglichkeiten es gibt“, erklärt die Bildungsexpertin Prof. Dr. Eva Cendon von der FernUniversität in Hagen. Ein Team aus ihrem Lehrgebiet Wissenschaftliche Weiterbildung und Hochschuldidaktik hat zum Thema geforscht. Das Projekt „German Digital Open University: Entwicklung von Verbundstrukturvorschlägen digitaler Hochschullehre in Deutschland“ lief von April bis September 2021. Inzwischen steht ein ausführlicher Forschungsbericht online. Neben Eva Cendon arbeiteten ihre wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen Dorothée Schulte, Elise Glaß und Anita Mörth mit Unterstützung von Viola Beckmann am Projekt. Finanziert wurde es vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen des Förderschwerpunkts „Digitale Hochschulbildung“.

Systematische Analyse

Den strategischen Nutzen einer GDOU illustriert Elise Glaß mit einigen Beispielen: „Das Schöne an einem Universitätsverbund wäre etwa, dass man gewisse Angebote gemeinsam machen kann. Jede Institution könnte so ihre Stärken einbringen – mit Blick auf Inhalt, Ausstattung und Expertise.“ So wären die Formate dann auch leichter skalierbar, vom vollen Studium bis zur gezielten Weiterbildung. Ferner könnte die technische Infrastruktur von einer Bündelung der Kräfte profitieren. „Außerdem geht es auch um den Dialog und Wissenstransfer mit der Zivilgesellschaft“, unterstreicht Dorothée Schulte den Aspekt der Offenheit. Was vielversprechend klingt, sind keineswegs Luftschlösser: Mit ihren Ergebnissen bildet das Forschungsteam den Status Quo der Bildungslandschaft empirisch ab. „Fantasieren können wir viel“, so Schulte. „Aber wir wollten keine Utopie entwerfen, sondern eine starke Anbindung an die Realität.“

Die Studie erfüllt diesen Anspruch, indem sie das Feld genau exploriert hat, erläutert Anita Mörth: „Was gibt es schon in Deutschland und international für vergleichbare Verbünde, was entsteht gerade und was ist in Planung?“ Die Analysedaten flossen in ein umfassendes und differenziertes Mapping unterschiedlicher Serviceeinrichtungen, Plattformen, Verbünde und Netzwerke ein. „Auf dieser Basis haben wir dann untersucht, was eine GDOU darüberhinausgehend leisten kann.“

Fernunis als mögliche Avantgarde

„Den meisten funktionalen Strukturen sind wir auf Länderebene begegnet“, fasst Dorothée Schulte zusammen. Die Arbeit zeigt mit Blick auf die internationale Bildungslandschaft zudem das besondere Potential von offenen Fernhochschulen. Cendon: „Im Kontext der Open Universitys gibt es Beispiele, dass eine Distance University durchaus eine Vorreiterrolle einnehmen kann – natürlicherweise durch die Expertise, die sie aufgrund der Bereitstellung ihres grundständigen Angebots mitbringt.“ Auf Deutschland übertragen, sieht die Professorin somit auch gute Anschlussmöglichkeiten für die FernUniversität in Hagen an eine GDOU. Einiges von dem, was eine entsprechende Verbundstruktur leisten müsste, trägt die Hagener Hochschule ohnehin im didaktischen Werkzeugkoffer: „Mit ihrer spezifischen Position könnte die FernUniversität eine wichtige Rolle in einer solchen Entwicklung spielen“, prognostiziert Cendon.

Gruppenfoto: Vier Personen auf dem Campus Foto: Lehrgebiet Cendon
Das FernUni-Forschungsteam (v.li.): Anita Mörth, Eva Cendon, Elise Glaß, Dorothée Schulte

Impulse für Politik und Hochschulen

Der Forschungszeitraum war mit einem halben Jahr nicht lang bemessen, entsprechend rasch und konzentriert arbeitete das Team. Mit dem Resultat ist es zufrieden: „Wir sind weiter gekommen, als wir ursprünglich erwartet hatten“, freut sich Dorothée Schulte. So gebe es sogar schon konkrete Vorschläge zur Finanzierung eines solchen Vorhabens, zu Strukturen und Formen der Kooperation. „Man braucht eine gemeinsame Vision“, hebt Anita Mörth zudem die wichtige ideelle Dimension des Berichts hervor. „Was macht das Lernen von morgen aus? Was ist uns in der Welt wichtig?“ Neben didaktischen Qualitätsstandards spielten eben auch soziale Fragen und Aspekte der Nachhaltigkeit eine große Rolle. „Es braucht unseren Bericht um zu zeigen: Lasst uns doch mal größer denken!“, bringt es Elise Glaß auf den Punkt.

Wenn nicht jetzt, wann dann?

Was folgt also im Anschluss an das Projekt? „Man kann die Studie in einem nächsten Schritt in den entsprechenden Verbünden, Organisationen und Institutionen weiter diskutieren“, empfiehlt Eva Cendon. „Außerdem können wir als FernUni überlegen, inwiefern wir in eine Vorreiterrolle gehen möchten – auf Basis der eigenen Bedingungen.“ Der Bundesregierungswechsel, die Coronakrise, das dringende Gebot zu Ökologisierung und Digitalisierung – all das macht den Zeitpunkt für neue Denkansätze günstig. Den Verantwortlichen auf allen Ebenen will das Team daher Mut machen, die Gelegenheit zu nutzen und niedrigschwellig anzufangen. „Man sollte den Gedanken nicht zu lange reifen lassen“, rät Anita Mörth.

 
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Benedikt Reuse | E-Mail: benedikt.reuse
Online-Redakteur | Stabsstelle Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit

 

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Benedikt Reuse | 20.12.2021