Die Natur: Mehr als eine Reihe objektiver Tatsachen

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Vernunftmensch bleiben und vernünftig mit der Natur umgehen, ohne sie dominieren und kontrollieren zu wollen und zu können: Das ist für den kolumbianischen Philosophen Prof. Dr. Luis Eduardo Gama Barbosa eine zentrale Aussage von Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770 –1831), dem wohl wichtigsten Philosophen des deutschen Idealismus. Hegels naturphilosophische Erkenntnisse sind auch heute von brennender Aktualität, stellte Prof. Luis Eduardo Gama Barbosa im Hinblick auf weltweit zunehmende Schäden durch Naturkatastrophen wie Stürme, steigende Meeresspiegel oder Überflutungen wie im Juli 2021 in Deutschland fest: „Der Mensch kann die Natur letztendlich nie vollkommen beherrschen. Gerade dieser Tatsache muss er sich in seinem Denken und Handeln stellen.“

Der Mensch kann die Natur letztendlich nie vollkommen beherrschen. Gerade dieser Tatsache muss er sich in seinem Denken und Handeln stellen.

Prof. Luis Eduardo Gama Barbosa

Der Geist-, Sozial- und Rechtsphilosoph von der Universidad Nacional de Colombia Bogotá (Kolumbien) war drei Monate Gast am Lehrgebiet Philosophie II, Praktische Philosophie: Ethik, Recht, Ökonomie von Prof. Dr. Thomas Sören Hoffmann. Sein durch den DAAD geförderter Forschungsaufenthalt vermittelte nicht nur ihm wichtige neue Erkenntnisse, sondern kam auch seinen Gastgebern in Hagen zugute.

Die Rolle der Natur in der sozialen Wirklichkeit

Bild: anagoria Wikipedia
Georg Friedrich Wilhelm Hegel (Portrait von Jakob Schlesinger 1831)

An der FernUniversität konnte sich Gama durch den besseren Zugriff auf Unterlagen und Literatur intensiv mit der Philosophie von Hegel befassen, vor allem mit dessen Werk „Grundlinien der Philosophie des Rechts“ (1820). In diesem Buch legte Hegel dar, wie sich soziale Wirklichkeit in Familie, Gesellschaft und Staat konstituiert: in Institutionen, gesellschaftlicher Kooperation und Gesetzen. Auch wenn man „auf den ersten Blick“ sagen könne, dass die Natur dabei keine Rolle spiele, so gelang es Gama laut Prof. Hoffmann doch, die Rolle der Natur in der sozialen Wirklichkeit zu entdecken und zu artikulieren.

„Hegel warnt die Menschen davor, die Natur als bloße auszubeutende Ressource zu verstehen“, ist für Prof. Hoffmann eine zentrale Aussage seines Kollegen. „Wir schädigen uns sonst selbst. Unsere eigene Leiblichkeit ist Natur, unser eigenes ‚leben können‘ ist Natur.“

„Spannenden Mittelweg“ aufgezeigt

„Auf der anderen Seite ist Hegel jemand, der auch in der Zeit der Romantik jede Romantisierung der Natur ablehnt“, so Hoffmann weiter: „Wir sollen Vernunftwesen bleiben, uns also nicht in eine utopische Schwärmerei verlieren, die zu nichts führt. Das ist der spannende Mittelweg, den Hegel angefangen hat und den uns dann der Kollege Gama vor Augen stellt, wenn er aufzeigt, dass zum Beispiel in der Rechtsphilosophie beziehungsweise in der Rechtswirklichkeit Natürlichkeit vorkommt – ohne dass sie beherrscht wird, aber auch ohne, dass sie unterdrückt werden darf.“

Mit dem Begriff der „Natur“ setzt sich die Philosophie schon seit langer Zeit auseinander. Laut Gama liegt ein implizites Verständnis von Natur in allem, was wir machen. Dieses Vor-Verständnis setzen die Naturwissenschaften voraus, wenn sie sie empirisch untersuchen und auf Gesetze bringen wollen. Dahinter steht freilich die Idee, dass die Natur „als eine Reihe objektiver Tatsachen“ dargestellt werden kann, die durch kausale Gesetze bestimmt sind. Naturwissenschaftlerinnen und Naturwissenschaftler verstehen Natur dann leicht als etwas rein Mechanisches, als eine Art „lebloser Materialität“, die technisch beherrscht werden kann.

Naturwissenschaftliche Konzeption der Natur

In der heutigen Zeit, in der Ressourcenknappheit, ökologische Katastrophen oder der Klimawandel ein öffentliches Thema geworden sind, stellt sich laut Gama umso mehr die Frage nach den Grenzen der herkömmlichen naturwissenschaftlichen Konzeption der Natur als etwas Beherrschbarem. „Wir als Philosophen glauben, dass wir alternative Perspektiven auf die Natur anbieten und unterstützen müssen, um die Diskussion zu verbreitern“ – das ist nach Gamas Meinung der Beitrag, den die Philosophie für die Öffentlichkeit leisten kann.

Insbesondere interessiert ihn, was die Philosophen des deutschen Idealismus über Natur gesagt haben, vor allem Hegel. Seine Reflexion über die Natur ist auch für Hoffmann sehr wichtig: Hegel hat Naturphilosophie die „Befreiung der Natur“ genannt, und damit sagen wollen, dass der Mensch sich insbesondere dann vernünftig zur Natur verhält, wenn er ihr auch ihre Freiheit lässt, sie in ihrer Unabhängigkeit von uns anerkennt.

Dialog ein Gewinn für beide Seiten

Für Gamas aktuelle Untersuchungen war der direkte Dialog mit seinen Hagener Kollegen wichtig. Für Prof. Hoffmann, der unter anderem seine Habilitationsschrift der Frage nach der Natur gewidmet hatte, gilt das gleiche: „Unsere Interessen haben sich sehr schön ergänzt“, so Hoffmann: „Wo kommt die Natur als Natur auch im wirklichen Leben des sozialverfassten Menschen vor? Das hat zum Beispiel mit der Endlichkeit des Menschen zu tun, mit der sich auch das Recht auseinandersetzt. Das Recht thematisiert direkt und indirekt den Menschen als leiblich verfasstes Wesen, und schon damit verweist es direkt auf die Natur.“ Gamas Text „Die Natur im Geist. Unterwegs zu einer Bestimmung des hegelschen Begriffs der Natur“ versucht, so Hoffmann, „am Beispiel des Rechts Gründe dafür aufzuzeigen, warum wir die Natur nicht nur im Blick auf ihre Beherrschung, sondern als integralen Bestandteil unserer vernünftig zu ordnenden Lebenswelt wahrnehmen sollen“.

  • Von Prof. Dr. Luis Eduardo Gama Barbosa

    Die Frage nach der Natur ist eines der ältesten Probleme der Philosophie und zugleich eines der umstrittensten. Trotz jahrhundertelanger philosophischer Überlegungen zu diesem Thema sind wir auch heute noch weit davon entfernt, auch nur minimale Gewissheiten in diesem Bereich zu erlangen. Außerdem scheint es, dass mit dem Aufstieg der Naturwissenschaften und dem Erfolg der modernen Technik bei der materiellen Umgestaltung der Welt die Frage nach der Natur in Vergessenheit geraten ist. Sowohl für die wissenschaftlich-technische Sichtweise als auch für den gesunden Menschenverstand ist die Natur einfach das Terrain, das von diesen Disziplinen untersucht wird. Sie haben die Aufgabe, ihre Wahrheiten zu entdecken und sie in den Dienst der Zivilisation zu stellen.

    Daraus folgt, dass unter den theoretischen Positionen, die heute unser Verständnis der Natur bestimmen, der Naturalismus am dominierendsten ist. Vereinfacht ausgedrückt handelt es sich dabei um eine Auffassung, nach der die gesamte natürliche Welt auf der Grundlage von Kausalgesetzen erklärt werden kann, die mit empirischen Methoden entdeckt werden können. Für diese Position kann die Natur als eine Reihe objektiver Tatsachen betrachtet werden, deren Vielfalt auf bestimmte kausale Regelmäßigkeiten reduziert werden kann, die es uns ermöglichen, natürliche Phänomene vorherzusagen, sie zu kontrollieren und sie entsprechend unseren Interessen zu verändern. Es ist diese Vorstellung, dass die Natur vom Menschen beherrscht werden kann, die heute oft für die ökologischen Katastrophen verantwortlich gemacht wird, die immer näher zu rücken scheinen.

    Neben diesem Naturalismus, und manchmal auch als Reaktion darauf, gibt es andere theoretische Strömungen, die eine andere Sicht der natürlichen Welt zugrunde legen. Aus Sicht des so genannten Konstruktivismus oder Kulturalismus (cultural studies) scheint die Natur auf eine einfache soziale Konstruktion reduziert zu werden. Diese Disziplinen befassen sich mit der Analyse von Prozessen der Bedeutungsgebung, die mit Machtpraktiken verbunden sind, ausgehend von der Annahme, dass alle Phänomene der sozialen Wirklichkeit nur Produkte von Interpretationspraktiken sind, die ihnen Bedeutung verleihen. Diese Sichtweise wird dann auf die Natur ausgedehnt, und zwar in der Weise, dass der Natur keine eigene Realität mehr zugeschrieben wird, sondern sie als formbares Material betrachtet wird, das zu einer kulturellen Bedeutung geformt wurde. Auf diese Weise verlieren Phänomene, die als natürliche Gegebenheiten galten (Rasse, Geschlecht), jede Substanz und verschwinden als bloße Projektionen ideologischer Diskurse.

    Während der Naturalismus das Natürliche auf ein abstraktes Erklärungsmodell reduziert, reduziert der kulturalistische Konstruktivismus es auf bloße Diskurse und Machtverhältnisse. Dieses Projekt basiert auf der Überzeugung, dass Hegels Philosophie einen Naturbegriff entwickelt hat, der es wert ist, in der gegenwärtigen Diskussion neu positioniert zu werden, weil er die bereits beschriebenen Reduktionismen vermeidet.

    Für Hegel muss die Natur im Verhältnis zum Geist verstanden werden. Es handelt sich um zwei reflexive Begriffe, d. h. um zwei Begriffe, die nur in ihrer gegenseitigen Beziehung verstanden werden. In aktuelleren Termini formuliert, kann der Geist bei Hegel als die Rationalität, die Verständlichkeit und der Sinn verstanden werden, die der Wirklichkeit in all ihren Bereichen eigen sind. In diesem Zusammenhang ist die Natur kein mechanischer Bereich von Phänomenen, die durch starre Kausalgesetze bestimmt sind, sondern sie ist auch von einer höheren Rationalität bewohnt, die sich jedoch in der Kontingenz und Äußerlichkeit ihrer Prozesse verbirgt.

    Im Gegensatz zum Naturalismus bedeutet Naturerkenntnis also nicht, die Gesetze zu entdecken, die sie bestimmen, sondern die komplexen Strukturen von Rationalität und Sinn zu erkennen, die in ihr schlummern und in ihrer scheinbaren Unordnung verborgen sind. Dies ist vor allem Aufgabe des Geistes: der Philosophie, der Kunst, der Moral und des Rechts usw., und nicht nur der Naturwissenschaften.

    Im Gegensatz zum Kulturalismus wird diese Geistigkeit, die der Natur innewohnt, ihr nicht von Partikularinteressen aufgezwungen, sondern stellt ihre tiefste Wahrheit dar. Darüber hinaus kann dieser tiefere Sinn niemals vollständig enthüllt werden, da auch die Natur ihren eigenen Impuls der spontanen Vielfalt und des Zufalls hat, der es nicht erlaubt, sie zu einer rationalen Gesamtheit zusammenzufassen.

    Dieses Hegelsche Naturverständnis ist im Zusammenhang mit der gegenwärtigen ökologischen Krise hochaktuell, für die ein Verständnis der Natur als bloße, vom Menschen auszubeutende Ressource maßgeblich verantwortlich ist. Hegel lehnt diese Vorstellung ab, ohne andererseits die Natur als eine irrationale Macht zu romantisieren, mit der wir in ungehinderte Harmonie treten sollten. Es geht nicht darum, die Natur zu beherrschen, aber es geht auch nicht darum, eine vermeintlich reibungslose Einheit mit ihr herzustellen. Die Natur bleibt für Hegel eine unüberwindliche Fremdheit, aber sie hemmt die Kraft des Geistes und der Vernunft nicht, sondern kann mit deren Zielen konvergieren.

    Über diese philosophischen Analysen hinaus sollten mit diesem Projekt auch die Grundlagen für eine umfassendere Forschung geschaffen werden. Tatsächlich haben die Ergebnisse dazu beigetragen, ein Forschungsprojekt zu formulieren, das im Namen der philosophischen Fakultäten der FernUniversität Hagen sowie der Universidad Nacional und der Universidad de Los Andes in Kolumbien bei der Ausschreibung DAAD – PROCOL 2020 eingereicht wurde und erfolgreich war. All dies ist auch Teil der Aktivitäten von FILORED (Deutsch-Lateinamerikanisches Netzwerk für Forschung und Promotion in der Philosophie), das seit mehreren Jahren den akademischen Austausch und die gemeinsame Forschung in der Philosophie zwischen Universitäten in beiden Regionen unterstützt.

Zwei unterschiedliche Sichtweisen verzahnt

Prof. Hoffmann hatte seinerseits 2019 bei einem Vortrag in Bogotá die Natur, wie Hegel sie konzipiert hat, zu entfalten versucht. „Daraus hat sich auch im Rahmen von FILORED, das natürlich nicht auf Fragen der Naturphilosophie beschränkt ist, eine Diskussion ergeben, die bis heute anhält“.

Auf Interesse stießen die Thesen des Gastes aus Kolumbien auch bei anderen Angehörigen des Instituts für Philosophie. So bei Hoffmanns Wissenschaftlichem Mitarbeiter Dr. Marcus Knaup, der sich in seiner Habilitationsschrift unter anderem mit Naturphilosophie und Bioethik beschäftigt hat: „Eine gehaltvolle Bioethik setzt immer auch eine solide Naturphilosophie voraus.“

Foto: FernUniversität
Prof. Thomas Sören Hoffmman (Mitte) mit Prof. Luis Eduardo Gama Barbosa (re.) und Dr. Marcus Knaup

Bezug zu FILORED

„Natur im Geist“, so Thomas Sören Hoffmann, „ergänzt sich gut mit Forschungsthemen, die in FILORED immer wieder zur Debatte stehen“. Daher wurde auch ein Video mit einem Vortrag von Prof. Gama im Studio der FernUniversität aufgenommen und in FILORED eingespeist.

FILORED, das „Deutsch-lateinamerikanische Forschungs- und Promotionsnetzwerk Philosophie“, initiiert, unterstützt und bündelt den deutsch-lateinamerikanischen Austausch im Bereich philosophischer Forschung zur klassischen deutschen Philosophie zwischen Kant und Hegel.

Zum Jahresbeginn 2022 hat ein weiteres vom DAAD unterstütztes FILORED-Projekt unter dem Titel „Hegel und Lateinamerika“ begonnen, an dem auch Prof. Gama zusammen mit einer zweiten Universität aus Bogotá wieder teilnimmt. Auch wissenschaftlicher Nachwuchs aus Hagen und Bogotá werden daran mitwirken.

Gerd Dapprich | 21.03.2022