Psychologie stellt auf elektronische Prüfungen um

Hände bedienen Tablet Foto: Hardy Welsch
Finger statt Kugelschreiber: Die elektronischen Prüfungen funktionieren per Tablet.

Bei Klausuren ist jede Menge Gehirnschmalz gefragt – das ist an der FernUniversität in Hagen nicht anders als an Präsenzuniversitäten. Umso besser ist es da, wenn die Prüfungen als solche unkompliziert und intuitiv gestaltet sind. Zum Beispiel indem statt eigenwilliger Erfassungsbögen zum Ankreuzen und zahlreicher Zettel moderne Tablets zum Einsatz kommen. Realität wird dieses Szenario nun an der Fakultät für Psychologie, die mit dem E-Assessment in den Regionalzentren der FernUniversität ab dem Sommersemester 2020 deutschlandweit elektronische Klausuren einführt.

Die Bedingungen hierfür wurden im Rahmen eines speziellen Pilot-Projekts ausgelotet und ausgiebig getestet. Der Dekan der Fakultät Prof. Dr. Stefan Stürmer leitet das Vorhaben. Mit ihm arbeiten Expertinnen und Experten aus verschiedenen Bereichen der FernUniversität Hand in Hand – vom Studierendenservice über das Prüfungsamt der Fakultät bis hin zum Zentrum für Medien und IT. Begleitet wird das Projekt zudem von den Beauftragen für Datenschutz und IT-Sicherheit. Als externe Kooperationspartnerin ist die RWTH Aachen beteiligt. Ein übergeordneter Lenkungsausschuss, zu dem unter anderem FernUni-Rektorin Prof. Dr. Ada Pellert gehört, hält den hochschulweiten Wirkungsradius des Pilotprojekts im Blick.

Nach erfolgreichen Testläufen im letzten Semester geht es nun an die breite Umsetzung des E-Assessments: Im Wintersemester 2019/20 werden an den vier Standorten Bonn, Berlin, Stuttgart und Hamburg alle Modulprüfungen auf elektronischem Weg stattfinden. Im Sommersemester 2020 sollen die anderen neun Regionalzentren der FernUniversität nachziehen. Auch hier werden dann sämtliche Klausuren der Fakultät für Psychologie elektronisch geschrieben. Im Rahmen von Nachteilsausgleichen besteht weiterhin die Möglichkeit, Papierklausuren abzulegen. Die Pilotierung bezieht sich zunächst nur auf Deutschland, Prüfungen im Ausland behalten die klassische Form bei.

Schneller, flexibler, vielseitiger

Das neue elektronische Verfahren sorgt für eine erhebliche Entlastung bei der Organisation, Durchführung und Auswertung der Klausuren. Der verbesserte Workflow kommt den Beschäftigen der Fakultät genauso wie den Studierenden unmittelbar zugute: So werden Prüfungen schneller und störungsfreier als bisher ausgewertet und die Phase der An- und Abmeldung funktioniert flexibler. Langfristig plant die Fakultät zudem, Wiederholungstermine für ihre Klausuren anzubieten. Auch inhaltlich bringt das E-Assessment neue Möglichkeiten – zum Beispiel könnten fortan Audioquellen, komplexe Bilder und Videos in die Klausurgestaltung einfließen.

Portrait auf dem Campus Foto: FernUniversität
Prof. Stefan Stürmer ist Dekan der Fakultät für Psychologie und leitet das Projekt zum E-Assessment an der FernUniversität.

Idealer Zeitpunkt für Umstellung

Die Durchführung und Evaluation des Pilotprojekts hat das Rektorat Ende 2018 beschlossen. Etwa zur selben Zeit gründete sich die Fakultät für Psychologie. Dass sie nun eine Vorreiterrolle beim E-Assessment eingenommen hat, ist für ihren Dekan Prof. Stürmer nur folgerichtig: „Jetzt ist der beste Zeitpunkt für den Wechsel, da wir mit der Fakultätsgründung ohnehin Neuland betreten haben.“ Neben dem guten Timing spielte bei der Entscheidung auch eine Rolle, dass die Psychologiestudierenden bereits an Multiple-Choice-Klausuren gewöhnt sind. Diese lassen sich gut in eine digitale Form überführen.

Auf lange Sicht soll die erfolgreiche Pilotierung in der Psychologie der ganzen FernUniversität den Weg zum E-Assessment ebnen. „Das hatten wir von Anfang an immer im Hinterkopf “, betont Projektleiter Stürmer. Beim Blick auf die Zahlen wird schnell klar, was diese Zielvorstellung bedeutet: An der FernUniversität werden durchschnittlich 45.000 Klausuren pro Studienjahr abgelegt; allein an der Fakultät für Psychologie sind es jährlich 11.000. Auch bei so großer Nachfrage muss das neue Verfahren fair, sicher und jederzeit zuverlässig funktionieren – eine Herausforderung, die das Team in zwei Teilprojekten angeht: Während sich die eine Arbeitsgruppe um Organisation und Umsetzung der E-Klausuren kümmert, befasst sich die andere mit den infrastrukturellen Vorrausetzungen.

Spezielle Software und Tablets

Die meisten Hürden sind inzwischen genommen: So hat das Projektteam eine geeignete Software gefunden, die das Konzipieren, Schreiben und Auswerten von E-Klausuren möglich macht. Die FernUniversität profitiert hier von ihrer Kooperationspartnerin, der RWTH Aachen. Dort wurde eine Prüfungsanwendung namens „Dynexite“ entwickelt und in mehreren Studiengängen erfolgreich eingesetzt. Die FernUniversität greift auf das Programm zurück und passt es in fortlaufender Kooperation mit der RWTH Aachen weiter ihren Bedürfnissen an. „Die Software bietet eine ganze Reihe von Möglichkeiten – auch jenseits des Anforderungsprofils für psychologische Prüfungen“, erklärt Stürmer.

Aus prüfungsrechtlichen Gründen ist es nicht möglich, dass die Studierenden private Geräte für die Tests mitbringen oder von zuhause aus nutzen. Daher hat sich das Projektteam für die Anschaffung von Tablets entschieden. So können die Klausuren flexibel in den Räumen der Regionalzentren durchgeführt werden. Zudem sind die Geräte technisch leicht zu warten, haben eine lange Akkulaufzeit und lassen sich während des Semesters auch in anderen Szenarien als den Modulprüfungen gewinnbringend einsetzen – etwa für empirische Studien im Rahmen studentischer Arbeiten.

Technisches Upgrade vor Ort

Die 13 über Deutschland verteilten Regionalzentren werden mit leistungsstarker Übertragungstechnik als neue Prüfungsorte ausgebaut. „Die FernUniversität muss die E-Klausuren in Räumlichkeiten abhalten, die sie unter Aspekten der IT-Sicherheit selbst kontrolliert“, erläutert Stürmer. Damit die Kapazitäten der Regionalzentren für die vielen Prüflinge ausreichen, sind Modulklausuren seit dem Sommersemester 2019 nur noch eineinhalb Stunden anstatt vier Stunden lang.

Die Neuerungen sind insgesamt mit einem hohen finanziellen Aufwand verbunden. Hier erhält das Projekt Unterstützung durch die Kooperationsgemeinschaft „Digitale Hochschule NRW“. Über sie konnte die FernUniversität eine Fördersumme von rund 1,4 Millionen Euro für die Anschaffung der Tablets und den Ausbau ihrer IT-Infrastruktur einwerben. Die Mittel stammen aus der Digitalisierungsoffensive des Landes NRW. „Dadurch können wir alle Regionalzentren ausrüsten“, freut sich Stürmer über den nächsten entscheidenden Schritt, um die FernUniversität weiter in Richtung digitale Zukunft zu führen.

Benedikt Reuse | 02.01.2020