„Ein Gerichtsverfahren kann man nicht aus Büchern lernen“

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Prof. Karl August Prinz von Sachsen Gessaphe ist es wichtig, den Lehrstoff in der praktischen Anwendung zu zeigen.

Die Sicherheitsvorkehrungen an diesem Morgen sind strenger als sonst im Landgericht Hagen. Ein weiterer Verhandlungstag im Rockerkrieg-Prozess steht an. Es geht um versuchten Mord. Auch 15 Studierende der FernUniversität sind geladen, doch nicht etwa als Zeugen aus dem Rockermilieu. Sie sind auf Exkursion und dürfen einen Verhandlungstag im Landgericht miterleben.

„Ein Gerichtsverfahren kann man nicht aus Büchern lernen.“ Mit diesen Worten begrüßt der Professor die Studierenden. Karl August Prinz von Sachsen Gessaphe unterrichtet unter anderem Zivilprozessrecht an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der FernUniversität. „Ich würde den Studierenden heute gerne zeigen, dass die praktische Anwendung juristischer Arbeitsweisen etwas anders abläuft als im Lehrbuch.“

Richter beeindruckt mit professioneller Lockerheit

Doch statt des Rocker-Prozesses vor dem Schwurgericht stehen für die Teilnehmenden heute Vergleichsverhandlungen auf dem Programm. Wie sich zeigt, sind diese nicht weniger spannend. Denn dank Jürgen Wrenger, Vorsitzender Richter der 8. Zivilkammer des Landgerichts Hagen, bekommt die Gruppe einen lehrreichen und unterhaltsamen Einblick in die Prozessordnung. „Vergleichsverhandlungen sparen viel Zeit, vor allem weil man kein Urteil schreiben muss“, scherzt Wrenger zunächst und macht dann eindringlich deutlich: „Ich kämpfe immer für einen Vergleich, weil mit einer gütlichen Einigung der Rechtsfrieden wiederhergestellt ist.“ Eine Aufforderung zur Einigung sei darüber hinaus gesetzlich festgeschrieben.

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Jürgen Wrenger ist Vorsitzender Richter der 8. Zivilkammer des Landgerichts Hagen.

Immer wieder nutzt der Richter kurze Unterbrechungen und Pausen zwischen den Verhandlungen, um den Studierenden der FernUniversität sein strategisches Vorgehen zu erläutern – wie er mit den Rechtsanwälten frotzelt und die anwesenden Parteien von vermeintlich festen Standpunkten zu Kompromissen bewegt. „Es hat sich etwas angefühlt wie in einer Sitcom“, beschreibt eine der Teilnehmerinnen die Atmosphäre im Gerichtssaal.

Abgas-Skandal: Daimler wird verklagt

Und so ist selbst der Verfahrensgegenstand „vorsätzliche sittenwidrige gewerbliche Schädigung“ alles andere als langweilig. Es handelt sich um eine Klage gegen die Daimler AG im Rahmen des Diesel-Abgas-Skandals. Landgerichte in ganz Deutschland sind derzeit mit einer Klagewelle gegen Automobil-Hersteller beschäftigt. Daimler gab sich bisher nicht vergleichsbereit oder legte gegen gesprochene Urteile Berufung ein. Zu einem Vergleich kommt es auch bei dieser Verhandlung nicht. Keine Überraschung für den Richter. „Der gesunde Menschenverstand ist immer ein guter Ratgeber für die juristische Entscheidungsfindung“, sagt Wrenger und gibt den Studierenden weitere Tipps für ihre – teilweise noch neuen – Berufswege.

Als Kind immer Barbara Salesch geguckt

Einige von ihnen kommen per Quereinstieg als Fotografin, Steuerberater, Verwaltungsangestellter ins Studium. Andere haben schon mehrere Abschlüsse in der Tasche. Daniel Budke hat Islamwissenschaft und Linguistik in Köln studiert. „Die Jobsituation in den Geisteswissenschaften ist nicht gerade prickelnd“, sagt der 35-Jährige über seinen Entschluss für das rechtswissenschaftliche Studium. Budke möchte Rechtsanwalt werden: „Ich habe als Kind schon immer Richterin Barbara Salesch im Fernsehen geguckt und der Tag heute hat noch mal alles getoppt. Toll, dass die FernUni so etwas macht.“

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Gerichtssprecher Bernhard Kuchler (4.v.r.) begrüßte die Exkursionsteilnehmenden der FernUniversität im Landgericht Hagen.

Budkes nächstes Ziel ist das erste Staatsexamen, eine juristische Prüfung, die seit dem Wintersemester 2016/ 2017 auch im Rahmen des Fernstudiums in Hagen möglich ist. Ein Ziel, das Exkursionsteilnehmerin Ann-Kathrin Sittek ebenfalls ins Auge gefasst hat. Die gelernte Rechtsanwalts- und Notarfachangestellte möchte ihre fast zehnjährige Berufslaufbahn mit theoretischem Wissen unterfüttern und stellt ernüchtert fest: „Sich von der praktischen Herangehensweise noch mal in die Theorie einzuarbeiten, das ist ganz schön hart.“

Exkursion wird fortgesetzt

Wie die meisten anderen FernUni-Studis steht Sittek fest im Berufsleben. Das Fernstudium war für sie die einzige realistische Option. Ein Karriereweg, den sich Richter Wrenger so gar nicht vorstellen kann: „Nicht nur, weil es dieses Angebot zu meiner Zeit noch nicht gab, sondern auch, weil ich einfach mehr Studentenleben wollte.“

Doch wie die Exkursion beweist, bietet auch ein Fernstudium die Möglichkeit, mit Kommilitoninnen und Kommilitonen in Kontakt zu kommen. Viele lernen an diesem Tag ihren Professor zum ersten Mal persönlich kennen. Dieser zeigt sich sehr zufrieden mit dem „spannenden Tag sowie außerordentlich lehrreichen Fällen“. Für ihn könne die Exkursion im Studiengang zum Bachelor of Laws gerne zu einem regelmäßigen Termin werden.


Rechtswissenschaftliche Fakultät

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Die Exkursion zum Landgericht Hagen wurde von den Wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern organisiert, die am Lehrstuhl Bürgerliches Recht, Zivilprozessrecht, Internationales Privatrecht und Rechtsvergleichung unter der Leitung von Prof. Dr. Karl August Prinz von Sachsen Gessaphe tätig sind. Die Rechtswissenschaftliche Fakultät an der FernUniversität in Hagen ist mit über 11.000 Studierenden die größte juristische Fakultät in Deutschland.

Erstes Staatsexamen an der FernUni

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Mit dem Hagener Modell bietet die FernUniversität als einzige Universität in Deutschland Studierenden die Möglichkeit, sowohl die Befähigung als auch die Zulassung zur „Ersten Juristischen Prüfung“ (EJP) neben dem Abschluss als Bachelor of Laws im Wege des Fernstudiums zu erlangen.

Landgericht Hagen

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Das Landgericht Hagen ist eines von zehn Landgerichten im Bezirk des Oberlandesgerichts Hamm und besteht aus neun Strafkammern, einer Strafvollstreckungskammer und zwölf Zivilkammern, von denen zwei für Handelssachen zuständig sind. Das heutige Gerichtsgebäude wurde 1925 bezogen und steht heute unter Denkmalschutz.


Sarah Müller | 02.01.2020