Ethos, Pathos und Logos aus Selfie-Perspektive

Portrait Foto: Volker Wiciok
FernUni-Professorin Katharina Gräfin von Schlieffen

Was macht gute Juristinnen und Juristen aus? Oft müssen sie mehr in die Waagschale werfen als reines Bücherwissen: Sie brauchen sprachliche Kraft, Wortgewandtheit und ein professionelles Gespür für die eigene Wirkung. Das alles sind Inhalte, die Jura-Studierende der FernUniversität in Hagen im Modul „Rhetorik, Verhandeln und Mediation“ lernen. Prof. Dr. Katharina Gräfin von Schlieffen und ihr Lehrstuhl für Öffentliches Recht, juristische Rhetorik und Rechtsphilosophie bieten es semesterweise an. Normalerweise gipfelt das Modul in einem zweitägigen Präsenzseminar, das ein wichtiger Bestandteil der Prüfungsleistung ist: Im Kreis der Kommilitoninnen und Kommilitonen beweisen die Teilnehmenden hier ihre rechtsrhetorischen und analytischen Fähigkeiten.

Die Termine für Mai und Juni 2020 standen bereits fest, als das Coronavirus in die Planung grätschte und größere Zusammenkünfte unmöglich machte. Die beliebten Treffen einfach ausfallen lassen? Das wollte Prof. von Schlieffen trotzdem nicht. „Für die Studierenden ist das eine wichtige Gelegenheit, sich kennenzulernen und miteinander zu kommunizieren – und laut dem Feedback, das wir bekommen, auch immer ein Highlight im Studium“, betont die Juristin. Eine schnelle und sichere Lösung musste her. Also entwickelten sie und ihr Team die „Netzgestützte Modulabschlussarbeit“.

Fiktiver Fall, realistische Problemstellung

Die Studierenden bekamen alle nötigen Handreichungen und einen Monat Zeit, um einen eigenen Redebeitrag auszuarbeiten, zu filmen und beim Lehrstuhl einzureichen. Dabei war das Thema nicht beliebig, sondern bezog sich auf einen fiktiven Sachverhalt: Der EU-Mitgliedstaat „Lamovia“ verlässt den Pfad der Rechtsstaatlichkeit, sodass die Frage nach einem Rechtsstaatsverfahren im Raum steht. Dazu sollten die Teilnehmenden in der Rolle von Mitgliedern des Europäischen Parlaments Position beziehen. Teil der Prüfung war es zudem, die eigene Rede rechtsrhetorisch zu analysieren. Abschließend zeigten die Studierenden bei einer Online-Debatte, was sie gelernt hatten.

Überwältigende Teilnehmendenzahl

„Wir haben dieses Format in kürzester Zeit auf die Beine gestellt“, sagt Rechtsanwalt Mehmet Bartu. Der Wissenschaftliche Mitarbeiter am Lehrstuhl betreut das Rhetorik-Modul mit. Eine organisatorische Herausforderung sei die große Teilnehmendenzahl gewesen. Rund 430 Fernstudierende hatten sich angemeldet, mehr als dreimal so viele wie sonst. „Auch die technische Umsetzung war teilweise sehr kompliziert“, erinnert sich Bartu. „Das gesamte Lehrstuhl-Team hat – überwiegend aus dem Home-Office – an der Umsetzung mitgewirkt.“ Der beherzte Einsatz für die Studierenden habe sich jedoch gelohnt: „Insgesamt haben wir eine sehr positive Resonanz erhalten.“ Für den Dozenten ist klar: „Auch im kommenden Semester planen wir, dieses Format anzubieten. Es hat sich bewährt!“

Üben im geschützten Raum

Auch aus Sicht der Lehrstuhlleiterin war die multimediale Variante ein Erfolg. Die Leistungen der Studierenden seien dieses Mal sogar besonders gut gewesen – vielleicht auch deshalb, weil es durch die digitale Beitragsform weniger Hemmungen beim freien Vortragen gab. „Man wächst eben auch durch die Wiederholung. Aber wann gibt man sich selbst schon mal die Chance, so intensiv zu üben? Zuhause haben die Studierenden genau das gemacht“, resümiert Prof. von Schlieffen. „Manche haben sich zwanzig Mal hintereinander aufgenommen, bis sie zufrieden waren.“ Inhalt und Wirkung mussten stimmen. Teure Aufnahmetechnik brauchten die Teilnehmenden indes nicht – auch mit dem Smartphone oder der Webcam gefilmte Reden konnten überzeugen.

Erfolgsgeschichte mit Fortsetzung?

Einige der informellen Lösungen erwiesen sich für die Studierenden als vorteilhaft. Deshalb denkt die Rhetorik-Expertin nun auch langfristig über eine Mischform aus virtuellem und Präsenzformat nach. Vielleicht werden ausgewählte Elemente nach der Krise Bestandteil des regulären Angebots. „Physische Interaktion ist von großem Wert. Aber auch die Gelegenheit, sich zuhause auszuprobieren, selber etwas zu gestalten und gezielt rhetorisch zu analysieren, war ein großer Gewinn.“

Benedikt Reuse | 09.12.2020