Hagener Braille-System: Punkte, die das Studium erleichtern

Mann am PC, vor ihm liegt eine Braille-Zeile für Blindenschrift. Foto: FernUniversität
Richard Heuer an seinem ehemaligen Arbeitsplatz in der FernUni...

Seine Finger fahren routiniert über die Braille-Zeile an seiner Tastatur, um das Textdokument auf dem Monitor zu lesen. Heuer (65) kennt das: Durch einen Unfall hat er im Alter von sieben Jahren sein Augenlicht verloren. Seinen Optimismus allerdings nicht. Als er ein paar Jahre später im Radio von einem „Gerät“ namens Computer hörte, mit dem man automatisch Blindenschrift erzeugen kann, war er fasziniert. Diese Faszination hat ihn bis heute nicht losgelassen. Die blinden und sehbehinderten Studierenden an der FernUniversität profitieren seit 1984 davon, seit er Aufbau und Leitung des Arbeitsbereiches Audiotaktile Medien übernommen hatte.

Von der Uni an die Uni

Nach dem Abitur studierte Heuer Politik in Marburg. Die Stadt ist Sitz des Blindenverbandes, die Uni forscht viel zum Thema Sehbehinderung. Nach der Uni ging’s für ihn weiter an der Uni. „Ursprünglich wollte ich promovieren“, erzählt Heuer. Als Thema hatte der Politologe ausgemacht: Schulbücher in der Nachkriegszeit und wie sie die Geschehnisse des 2. Weltkriegs erklären. In der Phase erreichte ihn das Stellenangebot an der FernUniversität. Aus dem Politologen wurde ein „Computer-Mensch…heute sagt man wohl Mediendidaktiker“, lacht Heuer.

zwei Hände auf einer Braille-Zeile Foto: FernUniversität
..der zum Lesen mit einer Braille-Zeile an der Computertastatur ausgestattet ist.

Die Hochschule hatte bis Mitte der 1980er Jahre vornehmlich Einführungskurse einzelner Studienfächer übersetzen lassen. Auf Dauer war das aufwändig und zu wenig an akademischen Bedarfen orientiert, da selbst in den Druckereien für Blindenschriften viel Handarbeit geleistet werden musste.

Mit Richard Heuer gen. Hallmann begann eine neue Ära für blinde Fernstudierende. Er erweiterte das vorhandene System. „Fußnoten und Marginalien – solche Spezifika erforderten eine Übersetzung. Im wissenschaftlichen Kontext muss die Zitierfähigkeit gewährleistet sein“, so Heuer. Oder: „Historische Quellen etwa in Altgriechisch waren für Software zu schwierig. Formeln und Tabellen konnten bis dato nicht dargestellt werden.“ Heuer probierte und programmierte: Im Laufe der Jahre etablierte sich das Hagener Braille-Softwaresystem (HBS) als automatisierte Übersetzungshilfe für wissenschaftliche Texte – und wird sogar extern vermarktet.

Nach ein paar Jahren an der Hagener Uni wurde die Orientierungsspalte geboren: eine blatthohe Spalte, links abgesetzt vom Blindentext. Sie lässt Raum für fest definierte Punktschriftzeichen, die zur Orientierung im Text dienen. Blinde lesen mit dem Cursor, Zeile für Zeile. „Dabei verhaspeln sie sich schon mal beim Lesen wissenschaftlicher Texte, in denen die Sätze in der Regel lang sind.“ Wie also findet man in diesem Fall schneller zurück zum Satzanfang? Ein einzelnes Pünktchen in der Orientierungsspalte markiert einen Satzübergang. Drei Pünktchen untereinander kündigen einen Originalseitenwechsel an. Drei Punkte, die wie ein F angeordnet sind, markieren: In dieser Zeile steht eine Fußnote. Marginalien, Randbemerkungen in Studienbriefen, werden mit zwei Punkten übereinander angezeigt.

Auch Blinde verhaspeln sich beim Lesen wissenschaftlicher Texte mit in der Regel langen Sätzen.

Richard Heuer gen. Hallmann

Navigation per Tastenkombination

Vom Papier ging’s und geht’s weiter ins Netz. „Mittlerweile verliert der klassische gedruckte Studienbrief auch unter Blinden an Bedeutung“, greift er die mediale Entwicklung auf. „Auch mit einem Screenreader, der den Text von oben links nach unten rechts vorliest, muss man im Text navigieren können: etwa vom Text in die Fußnoten springen und wieder zurück an die Textstelle. Der Sprung, den das Auge macht, ist kurz, aber mit dem Cursor erst 20 Zeilen nach unten springen und anschließend 20 Zeilen wieder nach oben…?“ Heuer legte Tastenkombinationen fest, denen ein akustisches Signal zugeordnet ist: Sie gelten für Befehle wie „Gehe zu Fußnote“ oder auch „Suche Fußnote“ und „Suche die nächste Marginalie“. Das funktioniert für die Vorwärts- wie Rückwärtssuche.

Weitere Navigationshilfen mit Tastenkombinationen geben Auskunft zu Schrifttype, Fettung, Buchstabengröße und anderen Formatierungen. Der vom ihm aufgesetzte „Dokumenteninspektor“ stellt eine Statistik über Seitenzahlen, Anzahl der Überschriften und Fußnoten zusammen.

Mehr Barrierefreiheit

Viele Entwicklungen, die er mit vorangetrieben hat, gehen auch auf gesetzliche Vorgaben zurück: „Allein die gesetzliche Vorgabe der Barrierefreiheit auf Webseiten gibt Impulse“, erklärt Heuer. Die Internetpräsenz seines Arbeitsbereiches selbst prägen stark reduzierte Seiten – kurz, übersichtlich und trotzdem informativ. Dabei sind die Internetseiten so dynamisch wie möglich, ohne viele feste Vorgaben angelegt. Denn: „Sehbehinderung ist nicht gleich Sehbehinderung. Interessierte sollen sich möglichst viel selbst einstellen können, etwa Schriftgröße und Kontrast“, sagt Richard Heuer. „Es darf auf Internetseiten nicht zu viele Hierarchien geben, sonst verlieren sich Blinde und Sehbehinderte“, ergänzt er einen wichtigen Aspekt

Anja Wetter | 10.12.2020