Psychologie, Pädagogik und Quidditch

Eine Frau hält mit der einen Hand einen Ball fest, mit der anderen hält sie einen Plastikstab. Foto: Jaqueline Hohlmann
Felicitas Müller trainiert für ein Quidditchspiel.

Felicitas Müller ist mit Bus und Bahn zu einem Seminar in Psychologie auf dem FernUni-Campus in Hagen angereist. Die Anfahrt ist an sich nichts Besonderes. Sie hätte auch den Besen nehmen und flugs herkommen können, oder nicht? Die 25-Jährige grinst – Anspielungen an die Fantasy-Romanreihe um den Zauberer Harry Potter nimmt sie mit Humor. „Ich bin dem Hype nicht so sehr verfallen, nur ein bisschen“, erklärt sie lachend. Allerdings hat sie „dem Hype“ ihren Lieblingssport Quidditch zu verdanken. Er ist der sportliche Ausgleich für ihr Unileben: Müller studiert Erziehungswissenschaften in Münster und parallel Psychologie an der FernUniversität in Hagen.

„Ich brauchte neben meinem Pädagogik-Studium noch eine Herausforderung. Psychologie fand ich schon immer spannend“, erzählt Müller, warum sie sich zum Sommersemester 2013 an der FernUni eingeschrieben hat. „Da die beiden Fächer sich gut inhaltlich ergänzen, bin ich dabeigeblieben.“ Sie sucht sich vor allem die Module im Bereich pädagogische Psychologie aus und möchte später in der Familien- und Erziehungsberatung, vor allem mit Kindern und Jugendlichen, arbeiten.

Wettkampf um eigensinnige Bälle

Felicitas Müller hat einen festen Händedruck, ihre Arme sind durchtrainiert vom Werfen und Besenhalten. Besen? Also doch…! „Quidditch hat nichts mit Zauberei zu tun. Es ist der coolste Sport überhaupt und macht unglaublich Spaß“, strahlt Müller. Seit zweieinhalb Jahren ist sie dieser Mischung aus Rugby, Handball und Völkerball verfallen, die es von den Seiten eines Romans auf den realen Rasenplatz geschafft hat. Im fiktiven Quidditch treten zwei Mannschaften aus der Zaubererwelt auf Besen fliegend gegeneinander an, im oft dramatischen Wettkampf um eigensinnige Bälle und den goldenen Schnatz.

Spielszene aus einer Partie Quidditch: Sieben Personen in Sportkleidung befinden sich auf einem Rasenplatz, Einer hält einen Ball zum Wurf bereit. Die meisten sind in Laufposition. Foto: Remi Igbekele
In Action: Die Psychologiestudentin (mi.) geht in die Knie und macht sich bereit, um als Beater gegnerische Spielerinnen und Spieler abzuwerfen.

Das Quidditch für Muggels, also Menschen ohne magische Fähigkeiten, haben zwei amerikanische Studenten vor über zehn Jahren entwickelt: ohne Fliegen, mit Ball- und Torjagd auf einer PVC-Stange zwischen den Beinen. „Mein Freund hat nach seinem Auslandssemester in Kanada in Bonn ein Team gegründet.“ Felicitas Müller wiederum hat eine Mannschaft in Münster initiiert. „Es ist sportlich sehr anspruchsvoll, es erfordert Strategie und eine schnelle Reaktion“, beschreibt Müller. „Das Beste daran ist die Gemeinschaft. Die ist wirklich einzigartig, lauter tolerante und enthusiastische Menschen.“

  • Auf dem Platz agieren pro Team sieben Spielerinnen und Spieler jeweils mit anderen Aufgaben: Die Chaser jagen den Quaffel (ein Volleyball) durch einen von drei Torringen der gegnerischen Mannschaft. Die Tore werden vom Keeper verteidigt, während die Beater versuchen, die Spielerinnen und Spieler des anderen Teams abzuwerfen. Die einzelnen Rollen werden durch farbige Stirnbänder markiert. Der Schnatz ist ein profaner Tennisball, der in einer Socke am Hosenbund baumelt. Wer ihn fängt, beendet das rasante Spiel.

Eigenes Tempo auf dem Rasen und am Schreibtisch

Durch den Sport kommt Felicitas Müller im Land herum. In NRW treten sechs Mannschaften in der Liga an, inzwischen kämpfen Teams sogar bei einer Weltmeisterschaft gegeneinander. „Es ist schon sehr zeitintensiv durch Training und Turniere“, räumt sie ein. Dennoch zieht sie ihre Energie für die beiden Studiengänge daraus. In Erziehungswissenschaften sitzt sie mittlerweile an ihrer Masterarbeit und ist von Münster inzwischen zurück in ihre Heimatstadt Bonn gezogen und spielt bei den „Rheinos Bonn“.

Fürs Fernstudium hat sie sich im Laufe der Zeit eine Strategie erarbeitet: „Ich habe intensive Lernphasen. Da ich ohnehin der Selbstlerntyp bin, gehöre ich keiner Lerngruppe an. Durch mein Präsenzstudium fehlt mir der persönliche Kontakt im Fernstudium auch nicht.“ So kann sie das Tempo bestimmen – wie auf dem Quidditch-Feld auch. Dort ist sie als Beater mit schwarzem Stirnband unterwegs und wirft gegnerische Spielerinnen oder Spieler ab.

Wird es ihr im Studium doch mal zu einsam und sie muss vor allem über fachliche Fragen diskutieren, nutzt Felicitas Müller eine der Facebook-Gruppen, in denen sich Studierende der Psychologie an der FernUni hauptsächlich vernetzen. „Da entsteht auch Nähe, das macht das Fernstudium persönlich.“ Insgesamt schätzt sie die Online-Elemente sehr. Sogar das verpflichtende Praktikum läuft rein virtuell ab. „Wir haben in einer kleinen Gruppe eine Studie zum Thema Willensfreiheit erarbeitet und dafür haben wir uns ausschließlich im Netz getroffen.“

Nach ihrer Master-Arbeit in Erziehungswissenschaften steht der Bachelorabschluss an der FernUni auf Müllers Plan. Mit den „Rheinos“ kämpft sie mit um den Titelerhalt in der Quidditch-Liga – und im April um einen guten Platz beim European Quidditch Cup. Für dieses Jahr ist sie voll ausgelastet.

Anja Wetter | 27.02.2018