Versteinerte Geschlechter

eine Frau trägt vor dem Plenum vor Foto: FernUniversität
Irina Gradinari stellte sich mit ihrer Antrittsvorlesung über das allegorische Potenzial des Kinos der Hochschulöffentlichkeit vor.

Die Bilder sind bewegt, doch die Geschlechter versteinert: Über das allegorische Potenzial des Kinos sprach Irina Gradinari in ihrer Antrittsvorlesung. Die Junior-Professorin für literatur- und medienwissenschaftliche Genderforschung stellte damit einen Teilaspekt ihrer Forschung vor, den sie in ihrer zukünftigen Arbeit an der FernUniversität in Hagen vertiefen wird.

Irina Gradinari erforscht Kino als kulturelle Institution und untersucht seine geschlechtsspezifischen Repräsentationsstrategien. „Zum Einsatz kommen konservative Geschlechterbilder, sodass der bildliche Anschluss der Zuschauenden an die Geschichte Bilder heteronormativer Männlichkeit und Weiblichkeit voraussetzt“, fasst sie zusammen. „Zudem werden vorwiegend weiße Figuren eingesetzt, welche immer neu als Norm oder sogar als Ideal legitimiert werden. Das Kino nutzt das affektive Potenzial bislang selten dafür, marginalisierte Gruppen zu ermächtigen und den ‚Anderen‘ Anerkennung zu gewähren.“ Mit ihrer Analyse von Historien- und Kriegsfilmen will sie dazu beitragen, versteinerte Geschlechterbilder aufzubrechen.

Justitia personifiziert Gerechtigkeit

Welchen Beitrag zum Entstehen dieser Bilder leisten dabei filmische Allegorien? Der Begriff Allegorie stammt aus dem Altgriechischen und bedeutet wörtlich übersetzt „Anders-Sagen“. Es handelt sich um eine Stilfigur der metaphorischen Rede, die im Falle der Personifikation in einer Figur zum Ausdruck kommt. Justitia personifiziert Gerechtigkeit.

Mit einem Exkurs in die Kunstgeschichte verdeutlicht Gradinari die Tradition der Nationalallegorien, die vorwiegend als Frauenfiguren inszeniert werden. Tugenden, Laster, Wissenschaft, Kunst, Musen, Gerechtigkeit, Weisheit, Natur und Jahreszeiten sind weibliche Gestalten. Männliche Figuren präsentieren dagegen reale historische Persönlichkeiten. Sie treten als historisch und politisch handlungsfähige Subjekte auf, während weibliche Allegorien keinen individuellen Charakter und keine Geschichte haben.

Die allegorische Darstellung kann damit im ausgehenden 19. Jahrhundert als politische Praxis identifiziert werden, die im 20. Jahrhundert zunehmend Anwendung in verschiedenen Formen der bildlichen, filmischen und nationalistischen Propaganda fand. „Frauen waren aus der politischen Praxis ausgeschlossen, zugleich jedoch in ihrer mythischen, von Männern imaginierten Bildlichkeit dazu berufen, politische Entscheidungen zu repräsentieren und legitimieren“, führt Gradinari aus.

Durch die Genre-Logiken von Kino und Fernsehen wird das nationale Bewusstsein stärker universalisiert und unifiziert. Im Gegensatz zur Kunstgeschichte erfolgt die Allegorisierung im Film aber nicht nur über das Andere, sondern insbesondere über die Hauptfigur. Das erklärt auch, warum im Film zahlreiche männliche Allegorien zu finden sind. „Diese werden in Korrespondenz zur aktuellen Geschlechterordnung hergestellt“, betont Gradinari. „Dabei wird die Figur auf eine andere, höhere Bedeutungsebene gehoben und in die Idee der Nation verwandelt.“

Diffamierung der Genderforschung

Mit ihrer Forschung zur Rolle des Geschlechts in Medien greift Gradinari gesellschaftlich und politisch relevante Fragen auf. Dabei ist ihr Themenspektrum mit voller Wucht der aktuellen Diffamierung der Genderforschung ausgesetzt. „Die Genderkritik hat einen neuralgischen Punkt unserer Gesellschaft getroffen“, sagt Gradinari über den öffentlichen Gegenwind in Presse und Politik. „Dabei werden die Gender Studies als Disziplin stellvertretend zum Schauplatz, an dem die steigende Zahl von Frauen in der Wissenschaft gerechtfertigt sowie die kulturelle Bedeutung der Wissenschaft ausgehandelt wird.“

Die Debatte über ihr akademisches Fach hat sie auch beim Aufbau eines Wahlmoduls für Gender Studies am Institut für Neure deutsche Literatur- und Medienwissenschaft im Blick. Darüber hinaus setzt sie sich als Vorstandsmitglied der deutschen Fachgesellschaft Geschlechterstudien für die Verbesserung des gesellschaftlichen Renommees der Gender Studies in Deutschland ein. 2019 wird sie die Jahrestagung der Fachgesellschaft in Hagen organisieren.

Carolin Annemüller | 03.09.2018