Die Tanten-Metapher

Eine Erzieherin liest drei Kindern vor. Foto: Zero Creatives/Cultura/GettyImages
Erzieherinnen wünschen sich mehr gesellschaftliche Anerkennung für ihre pädagogische Arbeit.

Die „Basteltante“ im Kindergarten, die „Labertante“ in der Weiterbildungsberatung und die „soziale Tante“, die den Jugendtreff aufsperrt: In ihrer Studie zum Anerkennungserleben von pädagogischen Akteurinnen und Akteuren ist Prof. Dr. Julia Schütz zufällig auf die Verwendung der „Tanten-Metapher“ gestoßen. Eine Beobachtung, die sie nicht mehr loslässt und die sie zum Titel ihrer Antrittsvorlesung gemacht hat. Mit ihrem Vortrag zur pädagogischen Berufsarbeit und sozialen Anerkennung hat sich die Hamburgerin jetzt offiziell vorgestellt. Die Wissenschaftlerin leitet seit gut einem Jahr das Lehrgebiet Empirische Bildungsforschung an der FernUniversität in Hagen.

Prof. Dr. Julia Schütz erforscht das professionelle Handeln pädagogischer Berufsgruppen. Mit pädagogischer Berufsarbeit und sozialer Anerkennung hat sich die Empirikerin unter anderem in ihrer Habilitation befasst, die Anfang 2018 erschienen ist.

eine Frau trägt vor Foto: FernUniversität
Prof. Julia Schütz forscht zu pädagogischer Berufsarbeit und sozialer Anerkennung.

Bewertung des gesellschaftlichen Ansehens

Die Bewertung des gesellschaftlichen Ansehens durch die pädagogischen Akteurinnen und Akteure selbst zeichnet sich durch große Unterschiede aus. So fällt im Hochschul- und Weiterbildungsbereich die Zufriedenheit mit dem Ansehen der eigenen Berufsgruppe deutlich positiver aus als im Elementarbereich und an der Hauptschule. Eine wichtige Einflussgröße zur gesellschaftlichen An- und Aberkennung ist unter anderem das Geschlecht. Demnach besagt ein zentrales Forschungsergebnis zum Anerkennungserleben: Je mehr Frauen in einem Berufsfeld tätig sind, desto weniger soziale Wertschätzung erfährt diese Berufsgruppe. „Der Erziehungs- und Bildungsbereich ist gewissermaßen weiblich“, so Schütz. „Die Anerkennungsarena innerhalb des direkten Arbeitsumfelds reicht vielen nicht aus. Es geht ihnen um mehr gesellschaftliche Wertschätzung.“

Vor diesem Hintergrund ist für Julia Schütz die Entdeckung der Tanten-Metapher in den Gruppendiskussionen der Anerkennungsstudie mehr als ein rhetorisches Phänomen. Auch wenn sie die Wahl des Selbstattributs der Tante aufgrund des familiären Bezugs ein Stück versöhnlich stimmt, stuft Schütz den Schaden durch die Verwendung höher als den Nutzen ein. „Sprache konstruiert Wirklichkeit“, erklärt sie. „Das Selbstattribut der Tante wird von den Akteurinnen und Akteuren im abwertenden Kontext genutzt.“

Hagen wird Zentrum für pädagogische Berufsgruppenforschung

Die Tanten-Metapher wird Julia Schütz auch im kommenden Jahr bei der Fortführung ihrer Anerkennungsstudie nicht loslassen. „Wir stehen hier noch am Anfang“, sagt die Professionsforscherin. Den Kinderschuhen mittlerweile entwachsen ist die Gründung des Zentrums für pädagogische Berufsgruppen- und Organisationsforschung (ZeBO) in Hagen.

„Kleine Gelegenheiten sind oft der Anfang von großen Unternehmungen“: Mit diesen Worten des griechischen Redners Demosthenes lädt die Wissenschaftlerin zur Gründungsfeier am 23. Mai 2019 auf dem Campus der FernUniversität ein, die gleichzeitig Auftakt einer Spring School zur Empirischen Bildungsforschung ist. „Das Zentrum wird ein ideelles Dach für den Austausch zwischen Disziplin und Profession darstellen“, sagt Julia Schütz in ihrer Funktion als ZeBO-Sprecherin. Gründungsmitglieder sind außerdem ihre langjährigen Wegbegleiter Prof. Dr. Rudolf Tippelt (Ludwig-Maximilians-Universität in München) und Prof. Dr. Dieter Nittel (Goethe-Universität in Frankfurt am Main) sowie ihre wissenschaftliche Mitarbeiterin Dr. Christina Buschle (FernUniversität/Deutsches Jugendinstitut).

Zuhörende bei der Antrittsvorlesung, vorne trägt eine Frau vor. Foto: FernUniversität
Neugierig waren die Teilnehmenden der Antrittsvorlesung, was es mit der "Tanten-Metapher" auf sich hat.

Ländermonitor Frühkindliche Bildungssysteme

Weitere Schwerpunkte im Lehrgebiet Empirische Bildungsforschung sind derzeit der Ländermonitor und der Länderreport Frühkindliche Bildungssysteme im Auftrag der Bertelsmann Stiftung sowie die Fortführung der Studie „Pädagogische Erwerbsarbeit im System des lebenslangen Lernens“ (PAELL) mit dem neuen Schwerpunkt Medienbildung und Digitalisierung (DIGI-PAELL). „Wir haben viele Ideen für unsere Forschung und Lehre“, sagt Julia Schütz und möchte daher gemeinsam mit ihrem Team „möglichst schnell und lange laufen. Für unsere Projekte bietet die FernUniversität das ideale Umfeld.“

Carolin Annemüller | 06.12.2018