Neue Psychologie-Professorin liebt Herausforderungen

„Die Stellenausschreibung war ganz breit und ohne inhaltliche Vorgaben formuliert, was sehr ungewöhnlich ist. Die FernUniversität ist eine spannende Universität mit interessanten Studierenden. Ich hatte Lust auf diese Herausforderung!“ Daher bewarb sich Dr. Aileen Oeberst bei der FernUniversität in Hagen. Mit Erfolg, seit 1. März ist sie hier Professorin für Psychologie.

Eine Frau sitzt vor einem Fenster und blickt in Richtung Kamera. Foto: FernUniversität
Prof. Aileen Oeberst an ihrer neuen Wirkungsstätte.

Dass sie Herausforderungen liebt, zeigen schon ihre Forschungsschwerpunkte: Medienpsychologie und Forensische Psychologie liegen auf den ersten Blick inhaltlich weit auseinander. Aileen Oeberst ist eine der wenigen Professorinnen und Professoren in Deutschland, die beides kombiniert. Gerade das machte sie für die FernUniversität interessant.

Für Aileen Oeberst war das Hagener Angebot höchst attraktiv: „Eine perfekte Mischung. Ich musste mich nicht für ein Thema entscheiden und das andere links liegenlassen. Für beides finde ich hier Anknüpfungspunkte. Wenn meine auf fünf Jahre befristete FernUni-Stelle entfristet werden würde, wäre das perfekt.“

Verzerrungen in der Informationsverarbeitung

Bei der Forensischen Psychologie geht es um Gerichtsverhandlungen und -urteile und psychologische Begutachtung in diesem Kontext (z.B. von Glaubhaftigkeit, Schuldfähigkeit und Kriminalprognosen). Dieses Feld mit der Medienpsychologie zu verbinden, ist schon eine Herausforderung an sich.

In ihrer Forschung zeigt sich jedoch ein gemeinsamer Kern: „Ich untersuche Verzerrungen in der Informationsverarbeitung“, erläutert Aileen Oeberst. Diese finden sich in der richterlichen Urteilsbildung ebenso wie in Medien wieder. Der „Rückschaufehler“ etwa: Wer hat nicht schon vorausgesehen, dass ein bestimmtes Ereignis eintritt? Allerdings nur in der eigenen Erinnerung: „Man blickt immer mit dem eigenen Wissen der Gegenwart in die Vergangenheit zurück.“ Als Beispiel nennt Oeberst die Duisburger „Love-Parade“-Katastrophe.

Schnittstelle zwischen Medien- und Rechtspsychologie

Sie plant, auch die wissenschaftliche Schnittstelle zwischen Medien- und Rechtspsychologie zu untersuchen: „Wie sehr beeinflusst eine ‚vernichtende Berichterstattung‘ in Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen sowie in Sozialen Medien vor einem Prozess die Urteile? Das kann man sich mit Laien anschauen, aber auch mit professionellen Entscheiderinnen und Entscheidern.“ Hierfür möchte Prof. Oeberst bisherige Veröffentlichungen in einer Metaanalyse quantitativ zusammenfassen sowie – das wäre wohl neu – Studien mit Richterinnen und Richtern durchführen.

Ein weiteres Themenfeld betrifft die mediale Darstellung von Straftaten (z.B. Terroranschlägen, Amokläufen), Straftäterinnen und Straftätern (etwa aus der „eigenen“ Gruppe und „anderen“ Gruppen), Gerichtsprozessen und -urteilen (wie beim NSU-Prozess) – und natürlich deren Wahrnehmung. Was macht es beispielsweise mit Menschen, die nach einer Katastrophe wie einem Terroranschlag einseitige Details aus dem Leben der Täterinnen oder Täter erfahren, die suggerieren, eine jede Laiin und ein jeder Laie hätte die Gefahr vorhersehen können? Verlieren Menschen dadurch zu Unrecht das Vertrauen in Behörden? Fördert es Verschwörungstheorien?

Zwei Frauen sitzen an einem Tisch und sprechen miteinander. Foto: FernUniversität
Die Rektorin der FernUniversität, Prof. Ada Pellert (li.), sieht viele Bereiche, in denen Prof. Aileen Oeberst mit ihrer Arbeit anknüpfen kann.

Ganz andere Studierende

Attraktiv war die Stellenausschreibung auch, weil Aileen Oeberst genau wie die FernUniversität sehr medienaffin ist. Das Fernstudiensystem sieht sie als außerordentlich zukunftsfähig an.

Darauf, die Studierenden kennenzulernen, freut sie sich sehr: „Sie sind ganz anders als an anderen Universitäten, divers, erfahren, berufstätig, motiviert… Eine Herausforderung für gute, insbesondere für gute virtuelle Lehre und Betreuung!“ Auch dies ist eine Herausforderung, auf die Aileen Oeberst sich freut.

Einen Ausgleich – und Herausforderungen ganz anderer Art – findet sie im Privatleben beim Lesen, Laufen, Wandern, Schwimmen, Radfahren und Yoga. Und durch ihren Sohn.

Aus Mainz nach Hagen

Nach ihrem Psychologie-Studium in Leipzig und Cagliarí (Sardinien), das sie 2005 mit dem Diplom abschloss, war die 1980 geborene Rostockerin bis 2008 Promotionsstipendiatin im von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Graduiertenkolleg „Integrative Kompetenzen und Wohlbefinden“ an der Universität Osnabrück tätig, anschließend dort bis 2010 Wissenschaftliche Mitarbeiterin. Von 2011 bis 2016 arbeitete sie am Leibniz-Institut für Wissensmedien in Tübingen. In dieser Zeit vertrat sie eine Professur für Sozialpsychologie in Osnabrück. Eine weitere Professurvertretung für Sozial- und Rechtspsychologie führte sie 2015 und 2016 zur Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Hier war Aileen Oeberst seit September 2016 Juniorprofessorin für Forensische Psychologie.

Gerd Dapprich | 21.05.2019