Leben und Arbeiten gesund gestalten

Ein Mann steht vor einem Schreibtisch, telefoniert und spielt mit einem Ball. Foto: Westend61/GettyImages
Flexibles Arbeiten – im Dienste der Gesundheit sollte man die Balance halten.

Ständig unterwegs, ohne geregelte Arbeitszeiten, immer erreichbar – die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmen zunehmend. Wie kriege ich Privatleben und Karriere in Einklang, halte die Balance zwischen vollem Einsatz und notwendiger Pause? Prof. Dr. Jan Dettmers untersucht Faktoren und Gestaltungsansätze, die darüber entscheiden, ob man die Balance finden und Ressourcen aktivieren kann. An der FernUniversität in Hagen leitet er seit April das Lehrgebiet für Arbeits- und Organisationspsychologie.

Autonomie und Selbststeuerung

„In meiner Forschung geht es um Arbeitsbedingungen, die einerseits ein hohes Ausmaß an Autonomie und Selbststeuerung beinhalten, auf der anderen Seite aber herkömmliche Strukturen aufweichen“, fasst der 43-Jährige zusammen.

Mit seinen Forschungsthemen trifft er auf die aktuellen Entwicklungen der Arbeitswelt, „die neuen Formen der Arbeit“. Seine Schwerpunkte liegen in den Bereichen flexible Formen der Arbeit und Gesundheit, Work-Home-Interaktion, Dienstleistungsarbeit und Innovation. „Das bringt positive wie negative Effekte mit sich“, so Dettmers. „Mir geht es immer um die Bedingungen und Parameter.“ Wenn Unternehmen von Beschäftigten Flexibilität erwarten, sollten sie die Einzelnen etwa darüber mitbestimmen lassen, zu welchen Zeiten sie – im Gegenzug – nicht erreichbar sind oder sie selbst Prioritäten hinsichtlich Aufgaben definieren lassen.

Projekt Online-Coach

Auf der Grundlage seiner empirischen Befunde aus Projekten für Unternehmen oder auch Krankenkassen entwickelt Dettmers Gestaltungs- und Trainingskonzepte für den gesundheitsförderlichen Umgang mit erweiterter Verfügbarkeit und flexiblen Formen der Steuerung. „Wir stellen vermehrt eine Abkehr vom direktiven System hin zu eigenverantwortlicherem Arbeiten fest.“ Hohe Arbeitsautonomie ist grundsätzlich positiv zu betrachten, kann aber auch belastende Aspekte enthalten und Stress verursachen. „Wie gehe ich damit um, welche Techniken gibt es, die vor allem nicht weiteren Stress verursachen?“

In einem Projekt wird ein Online-Coach zur Vermittlung von Arbeitsgestaltungskompetenz für Beschäftigte entwickelt, die große Anteile ihrer Arbeit selbst gestalten können oder müssen. Sie sollen dabei lernen, ihre Arbeit selbst gesundheitsförderlich zu gestalten.

Portrait von Jan Dettmers Foto: FernUniversität
Hat die „neue” Arbeitswelt im Blick: Prof. Jan Dettmers.

Wissenschaftlicher Werdegang

Sein Studienfach kristallisierte sich heraus, als Dettmers seinen Zivildienst leistete. In der Zeit betreute er psychisch Kranke. „Mein Bild von der Psychologie differenzierte sich dadurch.“ Bis dahin hatte er sich vor allem mit Theoriemodellen beschäftigt. „Aber es geht eben auch um die Technik respektive Methoden, sich mit Facetten des menschlichen Geistes zu beschäftigen.“

Dettmers studierte Psychologie in Hamburg und Rom, engagierte sich nebenbei politisch. „Das wiederum drehte meinen Anspruch ans Studium“, sagt Dettmers rückblickend. „Wie kann ich die Bedingungen fürs Leben und Arbeiten beeinflussen und gegebenenfalls ändern?“ Zu seinen Fächern zählten auch Soziologie und Informatik. Die Kombination prägte Dettmers eigenen beruflichen Weg.

Berufliche Praxis

Der verschlug ihn nach seinem Studienabschluss als Diplom-Psychologe 2004 zunächst nach Italien, wo er als Programmierer und Systemadministrator bei einer Presseagentur in Rom arbeitete – und Praxiserfahrung sammelte. Zurück in Deutschland kehrte er nach Hamburg zurück und startete sein Promotionsprojekt, in dem er die Rolle des Aufgabenverständnisses von Handwerkern für die Innovativität und Kundenorientierung von Handwerksbetrieben untersuchte.

Im Anschluss arbeitete er zunächst als freiberuflicher Berater, Trainer und Dozent und absolvierte 2010 eine Weiterbildung für Systemische Organisationsentwicklung – bis die Wissenschaft erneut lockte. Dettmers übernahm die Leitung für ein Forschungsprojekt, in dem die psychischen und physiologischen Auswirkungen von Rufbereitschaft untersucht wurden sowie Kriterien für die Gestaltung von Rufbereitschaft entwickelt wurden.

Kurz darauf erhielt er den Ruf auf eine Juniorprofessur für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Universität Hamburg. Damit war der akademische Werdegang bereits gefestigt. „Wenn ich zurückschaue bin ich sehr froh, Theorie und Praxis in meinem eigenen Berufsleben so verschränkt zu haben. Es gibt mir immer wieder neue Impulse und Rückhalt für mein Fach.“

Es folgten ein Lehr- und Forschungsaufenthalt in Sydney/Australien und eine Vertretungsprofessur an der Universität Leipzig. Im Oktober 2015 übernahm der Psychologe die Professur für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Medical School Hamburg.

Wechsel zur FernUni

Von dort wechselte Dettmers an die FernUniversität. „Das besondere Klientel hat mich gelockt. Durch die Diversität der Studierenden kann ich anders an meine Studieninhalte herangehen.“ Dettmers setzt dabei auch auf Präsenz und bietet im Sommer drei Veranstaltungen an. „Der direkte, persönliche Kontakt ist wichtig.“ Andererseits schätzt er die grundsätzliche Konzeption der Fernlehre und kennt die hohe Nachfrage der Studierenden nach E-Learning-Tools und Online-Coaching.

Anja Wetter | 25.09.2019