Forschung zwischen Hirn und Hand

Liepelt an einem Schreibtisch mit Büchern, einem Handmodell aus Holz und dem Modell eines Kopfes Foto: FernUniversität
Prof. Roman Liepelt mit psychologischen Anschauungsobjekten

Menschen erfassen schon früh die Welt um sich herum, sie erleben sich selbst und ihren Körper als Teil dieser Welt, sie entscheiden und handeln. Wie körperliche und geistige Vorgänge miteinander verwoben sind, erforscht Prof. Dr. Roman Liepelt an der FernUniversität in Hagen. Er leitet jetzt das Lehrgebiet „Allgemeine Psychologie: Urteilen, Entscheiden, Handeln“ der Fakultät für Psychologie. Den FernUni-Campus sieht er als ein ideales Umfeld für seine wissenschaftliche Arbeit. „Ich möchte mich gerne innerhalb des Forschungsschwerpunkts ‚Digitalisierung, Diversität und Lebenslanges Lernen‘ vernetzen “, so der Psychologe. „Für meine Forschung bietet der Bereich Digitalisierung viele Anknüpfungspunkte und besondere Möglichkeiten für Untersuchungen.“ Am Hagener Modell der Fernlehre begeistert ihn vor allem das Blended-Learning-Konzept – also der zielgerichtete Einsatz verschiedener Medien je nach Lernziel und Situation. „Die Verbindung von physikalischen Präsenzveranstaltungen und modernem E-Learning ist zukunftsweisend“, bekräftigt der Wahrnehmungsforscher. „Von dem Know-how, das hier gebildet wird, können auch andere Universitäten profitieren.“

Frühe Faszination

„Bereits als Kind habe ich ein Interesse für Wahrnehmungstäuschungen entwickelt – und auch schon eigene kleine Experimente gemacht“, erinnert sich der gebürtige Wiesbadener. Nach seinem Studium in Mainz war er ab 2001 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Humboldt-Universität zu Berlin tätig, wo er auch promovierte. 2005 wechselte Liepelt ans Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig. 2007 ging er für einen mehrmonatigen Forschungsaufenthalt an das University College in London und kehrte anschließend wieder an das Max-Planck-Institut zurück. Ab 2010 arbeitete Liepelt am Lehrstuhl für Allgemeine Psychologie der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seine Venia Legendi im Fach Psychologie erhielt der Forscher 2014; in seiner Habilitationsschrift ging es um die „Neurokognition des gemeinsamen Handelns“. Von 2016 bis zum Ruf nach Hagen war er Privatdozent am Institut für Psychologie der Deutschen Sporthochschule Köln.

Vielschichtige Programmierung

In seiner Zeit am Max-Planck-Institut arbeitete Liepelt eng mit dem damaligen Institutsdirektor Prof. Dr. Dr. h.c. Wolfgang Prinz zusammen. Dessen Theorie zum „Common Coding“ prägte ihn nachhaltig. „Wahrnehmung und Handlung sind nicht so unterschiedlich, wie man sich das eigentlich vorstellt“, umreißt Liepelt den Ansatz. So bekommt der Mensch beim Drücken eines Lichtschalters direktes Feedback: Er sieht die Bewegung seiner Hand, der Lichtschalter klickt und es wird hell. Diese Handlungseffekte nimmt er auf und speichert sie gemeinsam mit dem Bewegungsprogramm ab. Sobald diese Verbindung besteht, reicht es aus, an die Effekte zu denken, um die Bewegung einzuleiten. „Basierend auf diesem Prinzip habe ich einen großen Teil meiner Forschung aufgebaut.“

Gemeinsames Handeln

An der FernUniversität möchte Liepelt der psychischen und körperlichen Verflechtung noch weiter auf den Grund gehen: Erstens untersucht er Entscheidungskonflikte beim gemeinsamen Handeln – sowohl von Menschen untereinander als auch von Maschinen und Menschen. Zweitens forscht er zum Thema „Ich-Bewusstsein und multisensorische Integration“, was verblüffende Einsichten beinhaltet: „Jeder weiß eigentlich, was der eigene Körper ist. Doch es gibt aktuelle Forschung, die zeigt, dass man relativ leicht Störungen des Körper-Ichs produzieren kann. Zum Beispiel beim Phänomen der ‚Gummihand-Illusion‘.“

Drei Personen, eine mit Urkunde Foto: FernUniversität
Rektorin Prof. Ada Pellert und der Dekan der Fakultät für Psychologie Prof. Stefan Stürmer (li.) gratulierten Prof. Roman Liepelt zur Ernennung.

Hierbei wird die echte Hand der Testperson verdeckt, während sie neben sich eine Gummihand beobachtet, die gestreichelt wird. Streichelt man beide Hände für einige Minuten synchron, nimmt die Person die Gummihand als ihre eigene Hand wahr. „Mich interessiert, welche Faktoren dabei eine Rolle spielen“ sagt Liepelt. Für ihn liegt ein Schlüssel zur Erklärung in der Handlungskontrolle. „Was wir ständig kontrollieren, wird irgendwann zu einem Teil unseres Körpers. Andersherum bedeutet das: Unser Körper-Ich ist vielleicht nicht so fix, wie wir denken. Ähnlich wie bei Personen mit Prothesen könnte es dadurch zum Beispiel möglich sein, dass Smartphone-User ihr Gerät nach viel Übung als ein erweitertes Körperteil betrachten.“

Besseres Verarbeiten in Körpernähe

Drittens geht es Liepelt um die „Verkörperte Wahrnehmung im Multitasking“. Dieser Theorie nach verarbeiten Menschen Dinge, die sie anfassen können, intensiver. „Wir benutzen heutzutage sehr oft Tablet-PCs. Damit transferieren wir Steuerungsprozesse, für die wir früher den Computer mit Maus und Tastatur benutzt haben, in eine direkte räumliche Nähe zu unseren Händen“, erklärt der Psychologe. „Wie verändert sich unsere Wahrnehmung und unser Denken durch die unterschiedliche Reiz-Hand-Nähe?“ Das ist eine Frage, die auch mit Blick auf die multimediale Fernlehre relevant ist. Menschen erfassen Inhalte schneller und besser, wenn sie es auf die richtige Weise tun. In Bezug auf Lernprozesse ist also noch jede Menge „Feintuning“ möglich.

Bei so viel wissenschaftlicher Neugier und Begeisterung verwundert es kaum, dass sich Liepelt auch privat mit dem optimalen Zusammenspiel von Geist und Körper beschäftigt: „Wenn ich Zeit habe, spiele ich gerne Gitarre. Außerdem bin ich leidenschaftlicher Windsurfer. Beides beruhigt ungemein und stellt besondere Anforderungen an die sensomotorische Koordination – ein wichtiger Prozess, mit dem ich mich auch in meiner Forschung beschäftige.“

Benedikt Reuse | 29.04.2020