Prof. Annette Elisabeth Töller berät seit 1. Juli die Bundesregierung

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Der Anruf aus Berlin kam überraschend für Prof. Dr. Annette Elisabeth Töller: Ob sie bereit wäre, zum 1. Juli Mitglied im Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) zu werden? Ein Angebot, dass man nicht ablehnt, denn die Bundesregierung in diesem äußerst anerkannten Gremium zu beraten, ist nicht nur eine Herausforderung, sondern auch eine große Anerkennung. Und so wird die Politikwissenschaftlerin an der FernUniversität in Hagen in den nächsten vier Jahren auch zwei Tage pro Monat in Berlin arbeiten. Ausgewählt wurde die Leiterin des Lehrgebiets Politikfeldanalyse und Umweltpolitik vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU), bestätigt vom Bundeskabinett. Mit dem SRU ebenso wie mit dem BMU ist Prof. Töller bereits seit mehreren Jahren als externe Expertin gelegentlich in Kontakt.

Schwerpunkt Policy-Analyse

Im Kreise der sechs Kolleginnen und Kollegen fällt Annette Elisabeth Töller insofern „etwas aus dem Rahmen“, als sie sich nicht in erster Linie für bestimmte Umweltthemen interessiert, sondern vor allem für Querschnittsfragen zu politischer Prozesse und Institutionen: „Wie werden in der Umweltpolitik Entscheidungen getroffen? Wer hat welche Einflussmöglichkeiten? Wie wirken sich bestimmte institutionelle Regelungen aus? Warum haben umweltpolitische Maßnahmen in der Praxis oft nicht den gewünschten Erfolg? Dazu hat meine Disziplin, die Policyforschung, auch wissenschaftliche Instrumente anzubieten, nicht aber zur Beantwortung der Frage, ob etwa ein Immissionsgrenzwert bei 40 oder 50 µg/m3 liegen soll.“

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Prof. Annette Elisabeth Töller

Im Forschungsschwerpunkt Umwelt, Energie und Nachhaltigkeit der FernUniversität etwa plant Töller insbesondere Forschungsprojekte zu den Auswirkungen von Verfahren, etwa auf den Windenergieausbau. Aber gerade weil sie sich als „Spezialistin fürs Allgemeine versteht“, hat sie auch schon zu vielen anderen umweltpolitische Themen gearbeitet, etwa zu Fracking, Bioökonomie oder Elektromobilität. Im Moment untersucht sie in verschiedenen Studien, ob die Klagen der Deutschen Umwelthilfe eigentlich in den betroffenen Städten zu einer Verbesserung der Luftqualität geführt haben.

Wechselseitige Synergieeffekte

Von ihrer neuen Aufgabe erhofft sich die 51-Jährige wechselseitige Synergieeffekte: „Meiner wissenschaftlichen Disziplin entsprechend möchte ich im Sachverständigenrat u.a. gerne Fragen der politischen Entscheidung und Umsetzung von Umweltpolitik thematisieren. In den ansonsten fachlich sehr ausgewogenen Gutachten des SRU fehlte mir diese Perspektive oft.“

Interessant ist die neue Aufgabe für Annette Elisabeth Töller nicht zuletzt, weil sich schon seit einiger Zeit, verstärkt im Zusammenhang mit der Coronakrise, eine Diskussion über die Rolle wissenschaftlicher Politik-Beratung entwickelt hat: „Gerade in der Umweltpolitik folgen Politikerinnen und Politiker wissenschaftlichen Erkenntnissen häufig nicht, sondern entscheiden nach politischen Kriterien“, erläutert Töller. „Das finde ich grundsätzlich richtig. Aber die Politik muss wissen, was die Wissenschaft zu einem Thema zu sagen hat.“

Wissenschaftliche Beratung für die deutsche Umweltpolitik

Der Sachverständigenrat für Umweltfragen berät seit 1972 die Bundesregierung. Damit ist er eine der ältesten Institutionen wissenschaftlicher Beratung für die deutsche Umweltpolitik. Von der politischen Führung des Umweltministeriums sind die sieben Mitglieder – Professorinnen und Professoren mit besonderer Umweltexpertise aus unterschiedlichen Fachdisziplinen – unabhängig. Er begutachtet unabhängig und interdisziplinär die Umweltbedingungen in Deutschland, weist auf Fehlentwicklungen hin, zeigt Korrekturmöglichkeiten auf und unterstützt so auch die Urteilsbildung aller umweltpolitischen Akteure und der Öffentlichkeit. In seinen Gutachten und Stellungnahmen bereitet er komplexe wissenschaftliche Themen verständlich auf, fasst den aktuellen Stand der Forschung zusammen und formuliert Empfehlungen für die Politik.

Gerd Dapprich | 03.07.2020