Gender-Professur in der Wirtschaftswissenschaft

Foto: FernUniversität
Prof. Brigitte Biehl ist bis Ende April als Gast-Professorin für Gender und Queer Studies an der FernUni tätig.

„Die Gebäude der FernUniversität in Hagen strahlen Männlichkeit aus.“ Das sagt die neue Gastprofessorin für „Gender und Queer Studies“ Prof. Dr. Brigitte Biehl bei ihrem ersten Besuch auf dem Hagener Campus. Doch sie zeigt sich versöhnlich mit der Architektur der 70er Jahre. „Scharfe Kanten, kühle Farben, Beton und Metall – ich kann dem klaren Stil durchaus etwas abgewinnen.“ Weniger anfreunden kann sie sich mit dem Führungsstil, der nach wie vor in vielen Unternehmen vorherrscht.

Managementforschung hat Aufholbedarf

„Wer heute an Führungspersonen denkt, der denkt immer noch zuerst an Männer getreu dem Motto: Think Leadership – think male.“ Dabei sei es vor allem der internationalen Management-Forschung zu verdanken, dass überhaupt vorherrschende Denkmuster zusehends durch neue Modelle ersetzt werden. „Erst vor 25 Jahren hat die Management-Forschung erkannt, dass Menschen nicht nur aus einem rational denkenden Verstand bestehen, sondern auch emotionale Wesen sind.“ Ein Fortschritt für den gegenseitigen Respekt aller Geschlechter im beruflichen Kontext. In der deutschsprachigen BWL-Literatur sei zum Thema Gender in Führung dagegen noch nicht viel zu finden.

Nun ist die Gender-Professur der FernUni in der Wirtschaftswissenschaft angelangt. „Und das ist gut so“, findet die 43-jährige Berlinerin. Mit der rotierenden Professur durch ihre Fakultäten verkörpert die Hagener Hochschule eine Stärkung von genderspezifischen Inhalten in Forschung und Lehre. Seit Anfang Oktober ist Brigitte Biehl am Lehrstuhl für BWL, insbes. Personalführung und Organisation (Prof. Dr. Weibler) der Fakultät für Wirtschaftswissenschaft tätig. Von dort will sie Gender-Aspekte in ihrer Disziplin thematisieren und sichtbarer machen.

„Wer heute an Führungspersonen denkt, der denkt immer noch zuerst an Männer getreu dem Motto: Think Leadership – think male.“

Prof. Brigitte Biehl

Spoiler Alarm für GoT-Fans

In der Lehre beschäftigt sie sich vor allem mit Geschlechterfragen, Körperlichkeit und sozialer Interaktion in Führung und Führungsbeziehungen und widmet sich der Produktion von audiovisuellen Lehrmaterialien zum Thema „Gender und Leadership“, die den Studierenden zur Verfügung gestellt werden. Einen größeren Scheinwerfer wird die Forscherin im kommenden März bei einer Konferenz auf das Thema „Zukunftsweisende Führung in Film und Serien“ richten. Damit knüpft sie an die internationale Managementforschung an, die Filme als emotionales und ästhetisches Führungstraining wertschätzt, sowie an ihr Buch „Leadership in Game of Thrones“, das im vergangenen Jahr erschienen ist. Darin analysiert und kritisiert sie die Darstellung verschiedener Führungspersönlichkeiten anhand der Hauptcharaktere der Serie – vom romantischen Jon Snow bis zur herrschsüchtigen Drachen-Mutter Daenerys Targaryen.

Die Serie gilt als Lehrstück für moderne Führungskultur, bei der am Ende eben kein gutaussehender Mann und keine starke Frau auf dem eisernen Thron sitzt, „sondern Führung immer wieder neu verhandelt wird. Die Serie erinnert uns dabei an die eigene Verantwortung und Möglichkeiten der Mitgestaltung.“ Übertragen auf Unternehmen lautet die Erkenntnis: „Die Leitung eines Betriebes wird in Zukunft keine One-Man-Show mehr sein können – aber genauso wenig eine One-Woman-Show.“

Das Fachbuch „Leadership in Game of Thrones“ ist Teil der Reihe „Serienkulturen: Analyse – Kritik – Bedeutung“. Die Bände bieten eine spezifische Leitperspektive auf eine Serie oder eine bestimmte Thematik in unterschiedlichen Serien.

Von Wales nach Berlin

Brigitte Biehl bringt Kulturwissenschaft und Management zusammen. 2004 schloss sie ihr Studium der Theater-, Film und Medienwissenschaft und Betriebswirtschaftslehre an der Universität Frankfurt ab und promovierte in dem Fach. Von 2007 bis 2010 war sie Lecturer for Marketing an der School of Management and Business an der Aberystwyth University in Wales. 2013 und 2014 ging es an die Essex Business School der University of Essex in England. Als Professorin für PR, Journalismus und BWL war sie von 2012 bis 2016 an der BSP Business School Berlin. Neben ihrer Gastprofessur an der FernUni ist Brigitte Biehl Professorin für Medien- und Kommunikationsmanagement an der SRH Berlin University of Applied Sciences und leitet dort die Studiengänge Creative Industries Management (B.A) und International Management „Creative Leadership“ (M.A.) sowie das Institut für Weiterbildung in der Kreativwirtschaft (IWK).

In ihrer Freizeit schätzt die Mutter zweier Söhne (11 und 13) eine ausgedehnte Joggingrunde in der Natur, von der Wales zu ihrem Bedauern mehr zu bieten hatte als Berlin. Dort besucht die Professorin, die Theaterwissenschaft mit BWL vereint, gern das Berliner Staatsballett, die Volksbühne oder das Berghain – sofern Corona es zulässt.

 

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Sarah Müller | 24.03.2022