„Verstehen, was im Moment passiert“

Portrait vor florentinischer Stadtkulisse Foto: Laura Albano
Stefania Centrone stammt aus der süditalienischen Stadt Bari. Ihre Leidenschaft für Philosophie führte sie nach Deutschland – auch aus sprachlichen Gründen.

„Ich habe die Deutsche Forschungsgemeinschaft gefragt, ob ich die letzten zwei Jahre meiner Heisenberg-Stelle an der FernUniversität in Hagen verbringen dürfte“, berichtet Privatdozentin Dr. Stefania Centrone. „Und die DFG hat Ja gesagt.“ Die süditalienische Wissenschaftlerin arbeitet seit diesem Jahr im Philosophischen Institut der FernUniversität – gefördert durch das renommierte Heisenberg-Programm der DFG, das herausragende Nachwuchsforschende in Richtung Professur begleitet.

Mit ihrer Forschung bewegt sich Stefanie Centrone zwischen Philosophie und Logik, Mathematik, Informatik und Technik. Schon jetzt blickt sie auf eine beeindruckende wissenschaftliche Karriere zurück: 1998 schloss sie ihr Studium in Florenz ab, promovierte 2004 in Pisa. Anschließend ging sie nach Deutschland, wo sie an der Universität Hamburg arbeitete und 2013 ihre Venia Legendi für Philosophie erhielt. Ein Jahr später habilitierte sie sich noch in Italien zu Logik, Wissenschaftstheorie und -geschichte. 2016 vertrat sie die Professur für Theoretische Philosophie an der Georg-August-Universität Göttingen. Von 2017 bis 2018 war Stefanie Centrone an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg sowie an der Universität Helsinki tätig. Ihre Heisenberg-Stelle führte sie erst an die Technische Universität Berlin und nun schließlich an die FernUniversität ins Lehrgebiet Philosophie 1 von Prof. Dr. Hubertus Busche.

„Philosophie spricht Deutsch“

Aber warum ausgerechnet Deutschland? Tatsächlich ist Deutsch neben Griechisch und Latein die einflussreichste philosophische Sprache, erklärt Centrone – das wurde ihr an den italienischen Unis schnell klar: „Die Philosophie spricht Deutsch. Deshalb betonen alle italienischen Gelehrten auch, wie wichtig gute Übersetzungen ins Italienische sind. Da dachte ich mir: Ich will da sein, wo die Studierenden diese Sprache sprechen. Dann kann ich mir die ganze Übersetzungsarbeit sparen und direkt mit den Quellen arbeiten.“ Von den deutschen Studierenden wurde die Dozentin freundlich willkommen geheißen, auch die Forschungsarbeit ging gut voran. Centrone entschied sich, langfristig zu bleiben. „Ich brauche einfach die richtigen Instrumente, um Philosophie zu betreiben – und dazu zählt eben auch die deutsche Sprache.“

In Videolehre reingefuchst

„Die Logik ist kein einfaches Thema“, bekennt Stefania Centrone. Allerdings bereitet es ihr Freude, Interessierten die komplizierten Inhalte verständlich zu vermitteln. Ihre Herangehensweise wurde dabei zuletzt von Corona geprägt: „Als ich an der TU Berlin gelehrt habe, ist die Covid-Pandemie gekommen. Da habe ich mich auf Online-Lehre spezialisiert. Ich habe für jede Vorlesungseinheit Videos vorbereitet.“ Die Produktionen in Eigenregie bedeuteten viel Arbeit. Vom richtigen Lichteinsatz, über den Dreh, bis hin zum Schnitt – die Forscherin hörte sich nach Alternativen um. „Ich wusste, dass es an der FernUni noch andere Lehrformate gibt und mehr Erfahrung, was Fernunterricht angeht.“ Das Hagener Know-how beim Blended Learning mit seiner Mischung aus konzentrierter Präsenzlehre, digitalen und klassischen Angeboten reizte Centrone. Sie entschloss sich daher, für die letzte Phase ihrer Heisenberg-Stelle ans Philosophische Institut nach Hagen zu wechseln.

Zeichnung von drei Händen, die europäische, chinesische und us-amerikanische Flaggen schwenken. Foto: Malte Mueller/Getty Images
Globaler Wettstreit: Eine verantwortungsvolle und nachhaltige Technikgestaltung würde Europa als digitalen Standort gegenüber China und den USA stärker emanzipieren.

Nachhaltige Technikgestaltung

Es gab noch einen zweiten Grund für Centrone: Die Schwerpunkte des Hagener Lehrgebiets überschneiden sich mit den eigenen. „Unsere Forschungsgebiete liegen sehr nah beisammen!“, freut sie sich über ihr neues Team. Die Philosophin wendet zum Beispiel logische Grundlagenforschung auf verschiedene Schlüsseltechnologien an, die das digitale Zeitalter prägen, etwa künstliche Intelligenz (KI). Sie möchte Grenzen und Möglichkeiten der neuen Technik ausloten – und damit auch die wissenschaftliche Ausgangsbasis für ethische Fragen herstellen. Centrone schwebt eine nachhaltige Technikgestaltung vor: „Erst wenn wir Stärken und Schwächen der KI gut verstehen, können wir konkrete Vorschläge machen, wie eine vertrauenswürdige künstliche Intelligenz in Europa aussehen kann.“ Gemeinsam mit ihrem Kollegen PD Dr. Jens Lemanski arbeitet sie daran, ein entsprechendes Projekt umzusetzen.

Zeitgemäße Philosophie

Von der drängenden Wichtigkeit ihrer Forschungsthemen ist die Wissenschaftlerin überzeugt. In Zeiten des digitalen Umbruchs sei das Interesse an zeitgemäßer Philosophie mit Händen greifbar – in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft gleichermaßen. „Vonseiten der Öffentlichkeit werde ich oft gefragt: Können Sie uns helfen, zu verstehen, was jetzt im Moment passiert?“ Stefania Centrone möchte leidenschaftlich gerne zu einem breiten philosophischen Grundverständnis beitragen. „Alles ist digital, aber kaum jemand versteht, wie die Maschinen funktionieren. Klar, die Ingenieurinnen und Ingenieure wissen es. Aber man muss auch eine Brücke zwischen fachlich Gebildeten und den anderen schlagen.“ Die FernUniversität ist dafür genau der richtige Ort.


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Benedikt Reuse | E-Mail: benedikt.reuse
Online-Redakteur | Stabsstelle Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit

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Benedikt Reuse | 23.03.2022