Forscher mit der Liebe zur Mathematik und Politik

„Schon als Schüler hatte ich eine Liebe zu allen naturwissenschaftlichen Fächern“, sagt Prof. Dr. Werner Kirsch. Zwar wusste er damals noch nicht genau, was er beruflich machen möchte, aber die Begeisterung für die Mathematik ließ ihn nicht mehr los. An der Universität Bielefeld studierte er Mathematik mit dem Nebenfach Physik und lernte dort auch seinen späteren Doktorvater kennen. Da dieser gerade zur Ruhr-Universität Bochum wechselte, promovierte er dort. „Nach über 28 Jahren in Bochum bin ich dann an die FernUniversität in Hagen gewechselt“, so Kirsch.

Ein Mann und eine Frau stehen auf einer Terrasse. Foto: FernUniversität
Prof. Werner Kirsch bei seiner Verabschiedung mit FernUni-Rektorin Ada Pellert.

Ehemaliger Student der FernUni

Die FernUniversität war für ihn dabei keine „Unbekannte“. Vor vielen Jahren war er bereits Student – „Ich bin sozusagen ein Studienabbrecher“, lacht er. Er habe damals mit einem Informatik-Studium begonnen, um als Mathematiker mehr über die Informatik zu lernen. Durch einen Kollegen an der FernUni wurde er auf das heutige Dimitris-Tsatsos-Institut für Europäische Verfassungswissenschaften (DTIEV) aufmerksam: „Mich haben die Themen dort sehr interessiert und ich habe regelmäßig an den Vorträgen teilgenommen.“

Mathematik und Politik miteinander verknüpfen

Die Forschungsschwerpunkte von Prof. Werner Kirsch lagen vor allem in der mathematischen Physik. Insbesondere die Quantenmechanik hat es ihm angetan. Neben der Physik liegt ihm besonders die Verbindung zwischen der Mathematik und Politik am Herzen. „Ich engagiere mich in der Kommunalpolitik und bin Kreistagsmitglied“, erzählt Kirsch. Er war schon immer politisch interessiert und merkte schnell, wie viel beide Disziplinen miteinander gemeinsam haben. „Wahlprognosen oder Hochrechnungen – das ist pure Statistik.“ Ein Beispiel für die Überschneidungen von Mathematik und Politik betrifft das komplizierte Wahlsystem des Ministerrates der Europäischen Union (EU). Dort haben verschiedene Länder unterschiedliche viele Stimmen. Ein größeres Land wie Deutschland verfügt über mehr Stimmen als kleinere Staaten. „Das derzeitige Verfahren hat deutliche Mängel Allerdings kann die Mathematik dabei helfen Abstimmungsverfahren und Wahlen gerechter zu gestalten“, bilanziert Kirsch.

Um die Welt gereist

Werner Kirsch ist für seine Forschung viel gereist und arbeitete mit Wissenschaftlerinnen sowie Wissenschaftlern aus aller Welt zusammen. Mit einem bereits verstorbenen Kollegen in Chile forschte er im Bereich „ungeordnete Systeme“, zum Beispiel an Glasfasersystemen. Auch mit einem Wissenschaftler aus Indien arbeitet Kirsch bis heute zusammen. Gemeinsam haben sie die indische Verfassung mathematisch untersucht, da Indien ein ähnliches System wie Deutschland hat. „Es gibt dort auch zwei Parlamente, ähnlich wie Bundestag und Bundesrat.“ Kirsch war unter anderem in Japan und Tunesien, um mit Kolleginnen und Kollegen gemeinsam zu forschen. „Das ist die schöne Nebenseite der mathematischen Forschung. Wir brauchen kein Labor oder komplizierte Geräte. Ich habe Bücher und meinen Laptop mitgenommen“, sagt Kirsch. Momentan schmerzt ihn aber besonders, dass sich ein befreundeter Wissenschaftler in der Ukraine befindet. „Ich versuche Kontakt mit ihm zu halten und habe mich bemüht Forschungsmittel für ihn zu bekommen. Er ist eine Art Mentor für mich. Leider kommt er momentan nicht aus dem Land raus.“

Zwei Männer stehen auf einer Terrasse. Foto: FernUniversität
Auch Jörg Desel, Dekan der Fakultät für Mathematik und Informatik nahm Abschied von Mathematik-Professor Werner Kirsch.

Arbeitszimmer an der FernUni

Auch in seinem Ruhestand bleibt Kirsch der FernUniversität weiterhin erhalten. Er arbeitet im Vorstand des Dimitris-Tsatsos-Instituts und verfügt über Forschungsmittel für ein weiteres Jahr, die er gern nutzen möchte. „Ich habe immer noch ein Arbeitszimmer an der FernUni. Die Verbindung wird sicher nicht so schnell abbrechen.“

Zwar vermisste Kirsch an der FernUniversität Vorlesungen in Präsenz zu halten, aber umso schöner fand er es, Studierenden persönlich treffen zu können. Ihn beeindruckten die Hintergründe und die beruflichen Erfahrungen der Fernstudierenden immer wieder. „Man trifft völlig andere Persönlichkeiten als an einer Präsenzuniversität. Die Studierenden sind durchschnittlich älter, sind oftmals bereits berufstätig und das hat ihre Vorträge umso interessanter gemacht“, meint Prof. Kirsch.

Mit Studierenden den Bundestag besucht

Sein „Lieblingsprojekt“ war das Seminar „Mathematik und Politik“, das er am Campusstandort in Berlin angeboten hat. Gemeinsam mit den Studierenden besuchte er den Bundestag oder sie hörten sich interessante Vorträge bei einem Meinungsforschungsinstitut an. Auch waren sie beim ZDF-Hauptstadtstudio zu Gast. „Das war immer ein persönliches Highlight für mich und, so glaube ich, auch für die Studierenden“, sagt Prof. Kirsch.

Neben seiner Karriere als Wissenschaftler war Kirsch viel in der universitären Selbstverwaltung tätig. Er war Studiendekan, Dekan der Fakultät für Mathematik und Informatik, Mitglied im Hochschulrat und bis zu seinem Ruhestand Mitglied im Senat. „Diese Arbeit war mir immer sehr wichtig, sie hat meinen Arbeitsalltag neben meiner Forschung abgerundet.“

An der FernUni schätze er die Freiheit und den direkten Kontakt zu den Kolleginnen sowie Kollegen vor Ort. „Während des Semesters war es auch möglich eine Woche auf eine Tagung zu fahren. Das wäre an einer Präsenzuniversität nicht so einfach gewesen.“ Zu seinen schönsten Erinnerungen an der FernUni gehört eine Zusammenarbeit mit einem Forscher vor Ort. „Obwohl wir aus völlig unterschiedlichen Bereichen kommen, haben wir eine gemeinsame Publikation erstellt. Das war sehr unerwartet und gleichzeitig ein schöner Moment.“ Kirsch kam damals bei einer Fragestellung nicht weiter, die dafür sein Kollege Prof. Winfried Hochstättler aus dem Bereich Kombinatorik beantworten konnte.

Gerne denkt der Mathematik-Professor auch an sein Geburtstagskolloquium zurück, dass Studiendekan Prof. Dr. Wolfgang Spitzer für ihn organisierte. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus aller Welt waren in Hagen dabei. Stolz ist er auch auf eine Tagung im Schloss Herrenhausen in Hannover zum Thema „Politische Entscheidungen mithilfe der Mathematik“ im Jahr 2018, die er gemeinsam mit Forschenden aus Bayreuth und Bilbao auf die Beine stellte. Diese wurde über die Volkswagen-Stiftung gefördert.

Eine neue Sprache lernen

Zwar möchte Prof. Werner Kirsch weiterhin forschen, sich im Ruhestand aber auch mehr Zeit für andere Tätigkeiten nehmen. Er will seine politische Arbeit intensivieren und wieder mehr Klavier spielen. „Auch nehme ich mir vor eine Fremdsprache lernen, und zwar Italienisch. Ich habe bereits Grundkenntnisse und möchte jetzt darauf aufbauen.“ Prof. Kirsch freut sich besonders darauf, mehr Zeit für seine Familie, insbesondere für seine vier Enkelkinder zu haben.


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