Ukrainische Gastwissenschaftlerin auch ein Gewinn für die FernUniversität

Foto: FernUniversität
Dr. Hanna Hubenko und Prof. Thomas Sören Hoffmann

Eine überraschende E-Mail erhielt der Hagener Philosoph Prof. Dr. Thomas Sören Hoffmann vor einigen Wochen von seiner ukrainischen Kollegin Dr. Hanna Hubenko: „Ich bin jetzt in Deutschland.“ Zusammen mit ihrer Tochter floh sie Anfang März vor dem Krieg aus ihrer ukrainischen Heimat. Ihren Mann und ihre Familienangehörigen musste sie jedoch zurücklassen. In Minden wurde sie von Bekannten aufgenommen. Nun suchte sie eine Möglichkeit, in Deutschland arbeiten zu können.

Der Professor an der FernUniversität in Hagen und die Ukrainerin haben gleich zwei gemeinsame Nenner: Integrative Bioethik ist für beide ein Arbeitsschwerpunkt und beide sind in der universitären Bildung bzw. Weiterbildung tätig. Hanna Hubenko ist seit September 2020 Dozentin am Lehrstuhl für Public Health im medizinischen Institut an der Staatlichen Universität Sumy. Zuvor war sie Dozentin des Instituts für Lehrer-Weiterbildung, wo sie Vorlesungen zur Bioethik und zur Bildung des 21. Jahrhunderts hielt.

Integrative Bioethik betrifft jeden Menschen

Beide sehen in der Integrativen Bioethik einen Themenbereich, der – über den wissenschaftlichen Bereich hinaus – jeden Menschen betrifft. Daher hatte Hubenko in ihrer Heimat bereits vor dem Krieg die Idee, eine Online-Plattform als Forum für einen virtuellen Kurs oder Podcasts zu entwickeln, und zwar „in allgemein verständlicher Sprache, um das Thema breit bekannt machen zu können“. Denn die Zielgruppe sollten nicht nur Ärztinnen, Ärzte und die Pflegekräfte sein, sondern auch Studierende sowie Schülerinnen und Schüler.

Prof. Hoffmann war sofort bereit, seiner Kollegin bei der Suche nach einer Arbeitsstelle in Deutschland zu helfen, wo sie ihre Idee realisieren und einen Onlinekurs für Integrative Bioethik für die Ukraine entwickeln kann. Schnell wurde dabei klar, dass der genau richtige Ort dafür sein Hagener Lehrgebiet Philosophie II, Praktische Philosophie: Ethik, Recht, Ökonomie ist.

Größere Blickwinkel, neue Perspektiven

Foto: SilviaJansen/E+/Getty Images
Die Integrative Bioethik zielt darauf, möglichst viele Wissenschaften zu beteiligen, wenn es um Fragen geht, die mit Leben und Sterben zu tun haben.

Die Integrative Bioethik zielt darauf, möglichst viele Wissenschaften zu beteiligen, wenn es um Fragen geht, die mit Leben und Sterben zu tun haben. „Wichtig ist also eine breite und mehrdimensionale Sicht statt einer Fokussierung von Einzelproblemen im Krankenhaus im Sinne bloßer Anwendungsfragen von bestimmten Regeln“, erläutert Hoffmann. „Die wirklich entscheidenden Fragen gehen ja nicht nur die Medizin etwas an, sondern auch die Rechtswissenschaft, die Politikwissenschaft, die Theologie…“

Über die Zusammenführung verschiedener Wissenschaften und konkreter Praxis hinaus gibt es aber weitere Aspekte: „In Zusammenarbeit mit unseren kroatischen Partnern haben wir die Formel geprägt, dass die Integrative Bioethik einerseits maximal interdisziplinär arbeitet, andererseits aber auch pluriperspektivisch“, erläutert Hoffmann. „Nicht nur die akademische Perspektive ist wichtig, sondern auch die Spiegelung der bioethischen Fragen in den Medien oder der politischen Kommunikation darüber. Das sind weitere Blickwinkel. Wissenschaft kann und muss nicht alles dominieren.“ So müsste zum Beispiel auch untersucht werden, wie bioethische Fragestellungen in der Kunst vorkommen. Hoffmann: „Ohne Resonanz in der Gesellschaft ist es letztendlich relativ witzlos, was wir Akademiker machen. Man muss dabei natürlich aber eine klare Struktur behalten.“

Online-Kurs auch nützlich für FernUni

Hanna Hubenko betont, dass die Idee zur Zusammenarbeit mit Prof. Hoffmann schon vor dem Krieg bestand: „Das war ein sehr langer Prozess.“ Für beide soll die Kooperation ein gegenseitiges Geben und Nehmen sein.

So ist Thomas Sören Hoffmann optimistisch, dass Hubenkos Online-Kurs mit dem Arbeitstitel „Integrative Bioethik als Projekt im Rahmen einer Philosophie der Bildung“ auch in einer englischen Version in der Kooperation seines Lehrgebiets mit seinen Partnern in Kroatien eingesetzt werden kann: In Zagreb arbeitet er bereits mit dem Exzellenzzentrum für Integrative Bioethik der Universität zusammen.

Anlässlich der Bioethik-Sommerschule 2022 in Zagreb möchte er gemeinsam mit dem Exzellenzzentrum Überlegungen bezüglich eines integrativ-bioethischen Weiterbildungsprogramms weiterentwicklen, das in Zagreb und Hagen angesiedelt wäre: „Dafür könnte dieser Kurs bestens geeignet sein. Die Kollegin würde ihn auf Ukrainisch ausarbeiten, wir auf Englisch für die Kooperation. Das wäre ein echter Mehrwert für uns!“

Seine Gedanken gehen aber noch weiter. „Genau wie Frau Hubenko wollen auch wir die ‚Marke‘ Integrative Bioethik wissenschaftlich bekannt machen. Eine deutschsprachige Fassung ihrer Einführung in die Materie wäre dafür ein schöner Impuls und positiv für uns.“

Bildungswissenschaftlich ausgebildet

Die persönliche Situation

Hanna Hubenkos ist natürlich trotz der positiven beruflichen Aussichten für das halbe Jahr sehr schwierig: „Ich fühle mich nicht stabil, aber ich muss überleben“, sagt sie traurig. Prof. Hoffmann hofft, dass ihr die Zusammenarbeit und ein positives Ergebnis auch in persönlicher Hinsicht helfen – in Deutschland und wenn sie wieder in ihre Heimat zurückkehren kann.

Hoffmann-hubekno-portraitFoto: FernUniversität

Vorteilhaft für die Zusammenarbeit ist, dass Hubenko von ihrer Ausbildung und ihrem Interessensschwerpunkt her eine Bildungswissenschaftlerin bzw. eine Bildungsphilosophin ist, dass sie also den Begriff „Bildung“ und die Möglichkeit, die „Integrative Bioethtik“ in konkrete Bildungsprozesse einbringen zu können, untersucht: Welche Hilfsmittel oder Institutionen sind notwendig, um das Wissen zu vermitteln und ihm in der Öffentlichkeit eine breitere Resonanz zu geben?

In der Ukraine war sie bereits Koordinatorin des interdisziplinären Projekts „Chimaera“, in dem neben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern auch Menschen mit Behinderungen sowie Theaterregisseurinnen und -regisseure mitgearbeitet haben: „Das war ein sehr erfolgreicher gemeinsamer Prozess mit sehr guten Ergebnissen, an dem nicht nur Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Philosophie, Medizin und anderen Disziplinen mitgewirkt haben.“ In einem weiteren Projekt, das sie leitete, ging es um die Verbesserung von Kompetenzen Lehrerinnen und Lehrern durch den Einsatz bioethischer Methoden.

Bei Sommerschule kennengelernt

Zugute kommt ihr, dass sie auch Mitarbeiterin einer Kiewer Zeitschrift ist, deren Titel übersetzt ins Deutsche „Bildungsphilosophie“ lautet. Die Zeitschrift befasst sich unter anderem mit der Frage, wie Integrative Bioethik populär gemacht werden kann, sodass auch Personen, „die nicht ‚vom Fach‘ sind, also keine Ärztinnen, Ärzte oder Pflegepersonal, gleich verstehen, dass das uns alle etwas angeht“, betont Hoffmann. „Genau deshalb sind mein Mitarbeiter Dr. Marcus Knaup und ich selbst mit Frau Hubenko immer in Verbindung geblieben, seit wir uns kennengelernt haben.“

Das war schon vor einigen Jahren bei einer Sommerschule in Tutzing. Hubenko nahm sogar an einer zweiten Sommerschule zur Bioethik teil – auf eigene Initiative und eigene Kosten.

Unterstützung von der Ukraine-Hilfe

Große Unterstützung erhielt Hoffmann für sein Vorhaben, sie für sechs Monate als Gastwissenschaftlerin anzustellen, von der „Ukrainehilfe der FernUniversität“. Im International Office, das die Ukrainehilfe koordiniert, „war man sehr kooperativ und ermöglichte die Stelle erfreulich schnell, ebenso die Beschaffung eines Forschungsraums für Frau Hubenko“.

Gerd Dapprich | 23.06.2022