Thilo Rörtgen

Parlamentsstenograf im NRW-Landtag studiert Jura an der FernUni

Sein Arbeitsplatz ist dort, wo Politik gemacht wird. Und genau das fasziniert Thilo Rörtgen auch so an seinem Job. Er ist dabei, wenn wichtige Entscheidungen getroffen werden und vor allem: Er hält die Worte der Politiker und Politikerinnen schriftlich fest, analysiert komplexe Zusammenhänge und formuliert gesprochene Sprache so um, dass sie in Protokollen gut lesbar ist. Der 40-Jährige ist Parlamentsstenograf im nordrhein-westfälischen Landtag. An der FernUniversität in Hagen, Kooperationspartnerin seines Arbeitgebers, studiert er Rechtswissenschaft. Seine Bachelorurkunde hat er bereits, jetzt geht es weiter mit dem Master. Für ihn gibt es gleich mehrere gute Gründe, warum er sich für dieses Fach entschieden hat.

Ungewöhnlich – mit diesem Wort kann man Thilo Rörtgens Berufsweg wohl am besten beschreiben. Nach seinem Realschulabschluss und einer Lehre als Elektrotechniker studierte er Elektroingenieurwesen und arbeitete zwei Jahre als Softwareentwickler in München. Stenografieren und Tastenschreiben wurden, nachdem er im Alter von 15 Jahren in seiner ersten Bewerbungsphase einen entsprechenden Kurs besucht hatte, zu seinem Hobby. „Das hat mir allerdings immer so viel Spaß gemacht, dass ich mich irgendwann entschieden habe, Parlamentsstenograf zu werden.“ Die Voraussetzung für einen Ausbildungsplatz – ein abgeschlossenes Hochschulstudium – hatte er ja schon erfüllt. Nach der Beendigung der dreijährigen Ausbildung war sein Wissenshunger aber noch nicht gestillt. „Ich habe immer gesagt, in meinem zweiten Leben studiere ich Jura“, erinnert er sich. Mit der FernUniversität musste er nicht auf sein zweites Leben warten, denn sie ermöglicht das Studium neben dem Beruf.

Stenoschrift Was diese Zeichen bedeuten? In Stenoschrift hat Thilo Rörtgen "Ich studiere an der FernUniversität in Hagen geschrieben".

Für dieses Fach entschieden hat er sich nicht nur aus persönlichem Interesse. Zwar will er nicht direkt in den juristischen Bereich wechseln, sondern Parlamentsstenograf bleiben, aber auf der Karriereleiter würde der Bottroper gerne weiter nach oben klettern und eine Leitungsposition übernehmen. „Ein abgeschlossenes Jurastudium ist dann ein gutes Argument“, unterstreicht er. Außerdem hilft es ihm natürlich, wenn es in Ausschüssen um Gesetzgebungsverfahren geht. „Viele der Abgeordneten sind ja Juristen und verwenden deshalb oft Fachtermini, die ich dann direkt einordnen kann.“

Thilo Rörtgen macht keinen Hehl daraus, dass es nicht immer einfach ist, Fernstudium und Beruf zu vereinbaren. „Ich habe meine eigene Lernstrategie entwickelt, die für mich sehr gut funktioniert“, erklärt er. „Ich sehe zu, dass ich alle Einsendeaufgaben bestehe und so an den Prüfungen teilnehmen kann. Zwei Monate vor den Klausuren nehme ich mir dann viel Zeit, knie mich nach der Arbeit und am Wochenende richtig in den Stoff und versuche, gute Ergebnisse zu erzielen. Das klappt meistens auch und je besser die Leistung, desto höher meine Motivation.“ Unterstützung erhält er auch von seinem Arbeitgeber. In den sitzungsfreien Zeiten ist auch mal ein Blick in die Studienunterlagen erlaubt und für Prüfungen wird er freigestellt.

Während der Sitzungswochen allerdings bleibt ihm nur wenig Zeit für das Studium. Auch wenn die Berufsbezeichnung „Parlamentsstenograf“ danach klingt, besteht nur ein relativ geringer Teil der Tätigkeit aus Stenografieren. Plenarsitzungen und Ausschusssitzungen – Rörtgen ist zuständig für den Europaausschuss und den Verkehrsausschuss – werden stenografiert, aber die eigentliche Arbeit beginnt danach mit der Erstellung der Protokolle. Wenn beispielsweise Redner ihre Sätze nicht beendet haben, muss Thilo Rörtgen puzzeln und aus dem Zusammenhang verstehen, was sie eigentlich sagen wollten. Außerdem geht es hier vor allem darum, komplexe Sachverhalte zu analysieren und in eigenen Zusammenfassungen wiederzugeben. „Deshalb verlangen die meisten Bundesländer von ihren Parlamentsstenografen auch ein abgeschlossenes Hochschulstudium“, erklärt er.

Manuela Feldkamp | 20.09.2018