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„Tangibilität. Handgreifliche Beispiele ästhetischen Wissens“

12. Juli 2017

Fachtagung

Zeitraum
12.07.2017 - 14.07.2017
(Zwei Tage)

Ort
FernUniversität, AVZ, Kleiner Senatssaal, Raum B118, Universitätsstr. 21, 58097 Hagen, und Ruhr-Universität Bochum

Veranstalter
Jessica Güsken, M.A. (FernUniversität), Dr. Peter Risthaus (Ruhr-Universität Bochum)

Weiteres zur Auskunft
Jessica Güsken, M.A., Lehrgebiet Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Medienästhetik der FernUniversität, http://www.fernuni-hagen.de/literatur/medienaesthetik/team/jessica.guesken.shtml

Die internationale und interdisziplinäre Tagung fragt in einer Reihe von Vorträgen und einem anschließenden Workshop nach dem grundsätzlichen Verhältnis zwischen Tast- und Sehsinn und wie es sich in Beispielen aus dem ästhetischen Wissen seit der Aufklärung darstellt. Damit ist nicht nur die philosophische Disziplin im engeren Sinne gemeint, sondern jede Reflexion, die dieses Verhältnis durch Beispiele vermittelt. Das gilt insbesondere, wenn der Leser dazu aufgefordert wird, selbst „handgreiflich“ zu werden oder das gerade zu unterlassen: Der Gestalttheoretiker oder Phänomenologe fordert seine Leser dazu auf, mit der rechten Hand die Linke zu ergreifen, um sich seines Leibes gewiss zu werden. Ein Ästhetiker kann wiederum dogmatisch davor warnen, dass die Berührung von Kunstgegenständen ihre Erkenntnis verhindere, wie Hegel, der in der Ästhetik Karl August Böttiger scharf rügt, denn sein „Herumtatscheln an den weichen Marmorpartien der weiblichen Göttinnen gehört nicht zur Kunstbeschauung und zum Kunstgenuß“.

Ziel der Tagung ist es insgesamt, einen weiteren Schritt in der Beispielforschung zu tun, wie sie das Archiv des Beispiels seit einiger Zeit federführend betreibt. Wie Beispiele mit handgreiflich-operativen Praktiken, Tangibilia, wie Roland Barthes sie nennt, verbunden sind, ist dabei von besonderem Interesse, einschließlich aller Aspekte disziplinierenden Übens. Eine zweite zentrale Frage ist, warum bestimmte Beispiele sich durchsetzen und vielleicht sogar an die Stelle eines komplexen Wissens treten.

Die Tagung im Rahmen des Forschungsprojekts "Archiv des Beispiels" richtet sich in erster Linie an Wissenschaftlerinnen, Wissenschaftler und Studierende der Kultur- und Sozialwissenschaften. Willkommen sind auch externe Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie am Thema interessierte Bürgerinnen und Bürger.


Die mit der Tagung zur Verhandlung stehende Problemstellung liegt genau an der Schnittstelle von Philosophie (Ästhetik, Phänomenologie), Literatur-, Kunst- und Medienwissenschaft. In Zeiten, die das Verhältnis der Sinne – nicht nur in Hinsicht auf Lesen und Schreiben – durch digitale Medien umstellen, greift die Tagung eine aktuelle Frage auf, die zudem für den auf digitale Medien angewiesenen Forschungs- und Vermittlungsstandort Hagen in besonderer Weise relevant ist. Auf der Werbetafel eines bekannten Online-Versandhändlers sieht man beispielsweise das firmeneigene digitale Lesegerät und die Hand, in der es gehalten wird. Einer der verwendeten Slogans lautet: „Lesen wie auf echtem Papier“, was bereits der Produktname Paperwhite suggeriert. Was die Werbung präsentiert, ist von den Geräten technisch implementiert: Sie wollen dem Leser und seinen Augen nicht nur optisch etwas dem Papier Ähnliches anbieten, sondern dazu eine Art taktile Textur, wo nur glatter Bildschirm ist. Nicht allein das Auge, auch die haptischen Sinne sollen angesprochen sein. Die ersten Geräte dieser Art haben gar versucht, durch Falzungen im Rahmen Blätter nachzuahmen und so den Lesern zu suggerieren, dass sie ein blätterbares Buch in der Hand halten, was sich letztlich aber als zu unhandlich erwies. So sind aus diesen Buchsurrogaten Lesegeräte und Tablets geworden, Tafeln so dünn und beinahe vom Format eines Taschenbuchs, mit denen man viel mehr machen kann, als Romane zu lesen und in denen nicht mehr geblättert, sondern auf denen „gewischt“ wird. Auffällig ist, dass Leser, die vor der sogenannten digitalen Revolution sozialisiert worden sind, nicht auf das haptische und olfaktorische Erlebnis der Lektüre eines Buches verzichten wollen. Aber die Hypothese, dass diese Sinne für ein bestimmtes Lektüreerlebnis unverzichtbar sind, sogar zum kulturellen Eigenwert des Buches notwendig dazu gehören, kann nur in einer Zeit offenbar werden, die das Verhältnis der Sinne, nicht nur in Hinsicht auf Lesen und Schreiben, durch digitale Medien umstellt. Und tatsächlich bleiben Hand wie Finger (digitus) dabei nicht nur symbolisch auf Benutzeroberflächen im Spiel. Ein interessantes Problem wird sichtbar, das unter anderen Vorzeichen bereits in den ästhetischen Diskursen des 18. und 19. Jahrhunderts verhandelt wird: Wie ist das Verhältnis von Auge und Hand organisiert und wie wird beides in den Geist „eingebaut“?

Ein ausführliches Exposé zur Tagung ist unter http://beispiel.germanistik.tu-dortmund.de/tangibel.html zu finden.

Gerd Dapprich | 06.12.2017