Bezugsräume des Selbst. Sozial etablierte Kontexte, in denen das Ich auf sich selbst zu sprechen kommt.

29. Mai 2019

Kolloquien des Instituts für Soziologie

Zeitraum
29.05.2019
16:00 Uhr (bis 18 Uhr)

Ort
FernUniversität, Seminargebäude (Gebäude 2), Universitätsstr. 33, 58097 Hagen, Raum 6

Veranstalter/-in
Prof. Dr. Uwe Vormbusch

Referent/-in
Dr. Holger Herma
ist Privatdozent an der Stiftung Universität Hildesheim. Studium der Soziologie in Frankfurt am Main und Berlin. Wissenschaftlicher Mitarbeiter am SFB 537 in Dresden und am SFB 536 in München. Vertretungsprofessur Familiensoziologie an der Technischen Universität Chemnitz 2013/2014. 2007 Promotion an der Freien Universität Berlin, 2018 Habilitation an der Universität Hildesheim. Seit 2008 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sozialwissenschaften der Universität Hildesheim. Laufendes DFG-Forschungsprojekt: „Zum analytischen Potenzial qualitativer Längsschnittinterviews im Rahmen der empirischen Sozialisationsforschung“ (Leitung zusammen mit Prof. Dr. Kathrin Audehm und Prof. Dr. Michael Corsten; Laufzeit: 2019-2022).

Arbeiten zu modernen und vormodernen Formen der Selbstthematisierung (hier: A. Hahn, C. Bohn, H. Willems) haben hervorgehoben, dass die Praxis des selbstbezüglichen Sprechens notwendig auf „Institutionen der Selbstthematisierung“ zurückgreift (klassisch etwa Beichte und Tagebuch). Sie dienen als Funktionskontexte für jede Art der Selbstreflexion, zugleich enthalten sie Kennmarken für angemessenes Agieren im Lebensvollzug.

An diese Betrachtungen lassen sich mindestens drei weiterführende Fragen anknüpfen:

a) Wie lassen sich übergeordnete soziale Kontexte der Gegenwart bestimmen, über die die Einzelnen Referenzpunkte für die Stimmigkeit ihres Selbstentwurfs erlangen?

b) Worin unterscheiden sich diese Kontexte im maßgeblichen Punkt und trotz möglicher Überschneidung?

c) Mit welchem methodischen Vorgehen vermag man es, auf der fallexemplarischen Ebene Antworten für die Ausgangsfragestellung zu erhalten?

Mit den „Bezugsräumen des Selbst“ wird im Vortrag ein Konzept einer jüngeren Studie vorgestellt, dass solche Kontexte

a) formal bezeichnet,

b) in ihren praktischen Konsequenzen unterscheidet und

c) in der Präsentation an kurzen Beispielmaterialien diskutieren will.

Zum Ausblick: Der Bezugsraum biografische Selbstreflexion orientiert sich an sozial eingespielten Mustern lebenszeitlicher Kohärenz (Ebene des Individuums). Intime Kommunikation in persönlichen Nahbeziehungen trägt zur Bestätigung des eigenen Selbstentwurfs bei oder übt im Umgang mit Dissens (Ebene der Interaktionen). In der Auseinandersetzung mit den Weltauslegungen der etwa Gleichaltrigen kann der Eindruck entstehen, trotz sonstiger Differenz miteinander verwandten lebenspraktischen Herausforderungen verpflichtet zu sein (Ebene des Kollektivs im Generationszusammenhang). Popkultur wiederum stellt simulierte Figuren des Selbst in den Raum der Unterhaltung. Sie dient damit nicht lediglich der Zerstreuung, sondern kultiviert zugleich eine spielerische Bühne für den Selbstabgleich und für imaginative Selbstentwürfe ohne Alltagsverpflichtung (Ebene medialer Repräsentationen und ästhetischer Erfahrung).

Die vorgestellte Studie befasst sich daher mit den sozialen Rahmenbedingungen von Selbstverhältnissen in der Gegenwart und hat hierzu den Ansatz einer interpretativ vorgehenden empirischen Mikrosoziologie gewählt.


Gerd Dapprich | 08.05.2019