Konspirative Justiz als politische Strafjustiz in der DDR

11. März 2020

Lüdenscheider Gespräche

Zeitraum
11.03.2020
18:00 Uhr (bis 20 Uhr)

Ort
Kulturhaus Lüdenscheid, Freiherr-vom-Stein-Str. 9, 58511 Lüdenscheid

Veranstalter/-in
Institut für Geschichte und Biographie

Referent/-in
Dr. André Gursky, Halle (Saale)

Moderation
Prof. Dr. Arthur Schlegelmilch, FernUniversität in Hagen

Der Eintritt ist frei, Interessierte sind willkommen.

Als „Schild und Schwert der SED“ übte das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) maßgeblichen Einfluss auf das Justizsystem der DDR aus. In Anbetracht der Befugnisse der Geheimpolizei ist von einem System der „konspirativen Justiz“ im Sinne der verdeckten Zusammenarbeit zwischen Ministerium und Justizapparat auszugehen.

Seit der deutschen Wiedervereinigung wird über diesen Sachverhalt kontrovers diskutiert. Während die etablierte Geschichtsforschung dessen rechtswidrigen und totalitären Charakter betont, handelt es sich aus Sicht ehemaliger MfS-Offiziere, darunter Mitglieder des in den 90er Jahren gegründeten Insiderkomitees zur Förderung der kritischen Aneignung der Geschichte des MfS, überwiegend um legitime Maßnahmen zum Schutz der von außen und innen bedrohten DDR.

In seinem Vortrag spricht der Referent über Dimensionen der konspirativen Justiz im SED-Staat und verdeutlicht die weltanschauliche Grundlegung der politischen Justiz im abgestimmten Handeln zwischen Geheimdienst auf der einen und von Partei-, Justiz- und Staatsfunktionären auf der anderen Seite. Noch wenige Monate vor dem Zusammenbruch der DDR formulierte der erste Chef der MfS-Bezirksverwaltung Halle, Generalleutnant Martin Weikert, in einem 1989/90 nicht vernichteten und im BStU-Bestand überlieferten Erinnerungsbericht offenherzig rückblickend:
„Wir hatten festgelegt, was herauskommen muss und das hat auch geklappt.“

André Gursky (geb. 1959 in der Lutherstadt Eisleben) studierte Philosophie und Geschichte an der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg (Diplom 1985 über Luthers Staatsauffassungen). Nach anschließender Parteischule und einer Eingabe an das Zentralkomitee der SED erfolgte eine Arbeitstätigkeit im Eisenhüttenwerk Thale (zuletzt in der Erwachsenenbildung) und 1989 die Zulassung als befristeter Assistent an der halleschen Universität. Im Rahmen von Forschungsarbeiten zur Reformationsgeschichte wurde der Referent Sachverständiger für die Staatsanwaltschaft Magdeburg (ZERV, Aufklärung zum Verbleib deutscher Kulturgüter im Kontext der Koko-Ermittlungen); 1992 gründete er einen Heimatverlag und war Mitherausgeber der jährlich erscheinenden Zeitschrift für Heimatforschung Sachsen-Anhalt (1992 bis 2008). Nach Eröffnung der Gedenkstätte ROTER OCHSE Halle (Saale) war Gursky von 1996 bis 2016 deren Leiter und wirkte darüber hinaus als Sachverständiger für die Stasi-Landesbeauftragte in Sachsen-Anhalt. 2010 promovierte er an der halleschen Universität zur politischen Justiz in der DDR und war von 2010 bis 2014 Beiratsmitglied der Stasi-Unterlagenbehörde in Berlin (BStU). Seit 2016 ist er pädagogischer Mitarbeiter der Gedenkstätte im „Roten Ochsen“.


Gerd Dapprich | 10.12.2019