Gender Studies & Frauen- und Geschlechterforschung

Nahaufnahme von Büchern auf Regalen in einer Bibliothek Foto: Gabriele Gruchot/FernUniversität

Gender­sensible Lehre betrifft auch die Auswahl der Themen für eine Lehr­veran­stal­tung, denn die Frauen- und Gesch­lechter­for­schung hat Einfluss auf viele wissen­schaft­liche Felder genommen. So gibt es heute das Fach­gebiet Gender­me­di­zin ebenso wie Gender Studies in den Ingenieur­wissen­schaften. Es lassen sich in den meisten Fächern For­sche­rinnen und Forscher finden, die das tradi­tio­nelle Feld unter Gender­aspekten beforschen.

  • Integrieren Sie Fragen und Erkenntnisse der Frauen- und Geschlechterforschung in Ihre Lehre!

    Ausgewählte Vorschläge für viele wissenschaftliche Disziplinen finden Sie beispielsweise auf den Seiten des Netzwerks Frauen- und Geschlechterforschung sowie in der Gender Mediathek, einem kollaborativen Projekt des Gunda-Werner-Instituts und der Heinrich-Böll-Stiftung.

  • Machen Sie renommierte Forscherinnen Ihrer Disziplin für Studierende sichtbar, um Frauen und Rollenmodell zu ermöglichen!

    Fördern Sie in Ihrer Lehre die Sichtbarkeit von renommierten Forscherinnen Ihrer Disziplin, im historischen Kontext ebenso wie im aktuellen.1
    In der Gender Toolbox der FU Berlin finden Sie die Biografien von Forscherinnen aus der Mathematik und der Informatik. Auch beim Netzwerk Frauen- und Geschlechterforschung finden Sie Expertinnen für die einzelnen Fächer.

    Adressieren Sie das Geschlechterverhältnis unter Studierenden, Lehrenden und Forschenden in Ihrer Disziplin!

    Geben Sie im Literaturverzeichnis Vor- und Nachnamen an!


    1 Spieß, Gesine (2008): Geschlechtersensibel lehren - Ideensammlung für eine verbesserte Praxis. In: Zeitschrift für Hochschulentwicklung 3 (2), S. 48-60.

  • Nutzen Sie korrekte, gendersensible Bezeichnungen bei der Darstellung von Daten!

    In vielen Fachgebieten spielen Statistiken mit Genderunterteilung eine Rolle. Allerdings sind die Datensätze nicht immer in gendersensibler Sprache verfasst bzw. codiert. Zum Beispiel werden in den Auswertungen des Statistischen Bundesamtes (S.102) Professuren mit Professoren gleichgesetzt. Das ist weder wissenschaftlich korrekt noch gendersensibel.

    Machen Sie sich bewusst, welche Aussagen anhand der Reihung von geschlechtsspezifischen Daten in Diagrammen getroffen werden!

    Auch bei Diagrammen sollte genau überlegt werden, welche Darstellungsform genommen wird. Bei Balkendiagrammen beispielsweise bilden oft Männer den Sockel. Wenn es aber um die Darstellung der Unterrepräsentanz von Frauen geht, dann sollten die Frauen entsprechend vorangestellt werden.

Gender- & Diversitätsreflexivität in der digitalen Lehre

Mit dem Ausgangspunkt einer Lehre in Zeiten der Corona-Pandemie verfasste das Hochschulforum Digitalisierung in kollaborativer Arbeit mit dem Netzwerk für Gender und Diversity in der Lehre Überlegungen zu der Gestaltung von gender- & diversitätsreflektierender Lehre in einem digitalen Format. In dem Beitrag Gender-& Diversitätsreflexivität in der digitalen Lehre. Gedanken zur ad-hoc-Digitalisierung während der Corona-Pandemie reflektieren die Autor*innen die besondere Situation der Studierenden und Lehrenden während des Digitalsemsters und zeigen Maßnahmen auf, digitale Lehre zukünftig zu gestalten.

Das Themendossier Barrierefreiheit & Diversität stellt eine Blogserie dar, die Gedankensammlungen, Anregungen und Unterstützung für die Digitale Lehre geben soll.

Ein weiterer Beitrag Gender-& Diversitätsreflexivität in der digitalen Lehre. Grundlage für eine gender- und diversitätsreflektierende (digitale) Lehre wurde von den Autor*innen Dilara Kanbicak, Lea Belz und Maria-Luisa Barbarino verfasst. Sie heben die vielschichtige Bedeutung von Reflexion hervor und geben durch ein Fragenset eine Hilfestellung um Reflexivität im Lehralltag fest zu verankern.

 

Anwendungsbeispiele und Übungsaufgaben

Nahaufnahme Tablet Bildschirm Foto: Kidsada Manchinda/Moment/Getty Images

Bei der Vermittlung von Wissen wird häufig auf Beispiele zurück­ge­griffen, die in Hand­lungen eingebettet sind. Dies kann in Form von An­wen­dungs­bei­spielen, Übungs­auf­gaben oder bei Klausuren der Fall sein.
Achten Sie bei der Formu­lierung von Bei­spie­len darauf, welche Geschichte Sie erzählen und wie Sie die Menschen darin be­schrei­ben. Reflek­tieren Sie, wo Bezüge zum Geschlecht gemacht werden und gege­be­nen­falls ste­reo­type Sicht­weisen ver­festigt werden.

Nutzen Sie in Beispielen und Aufgaben keine Handlung mit stereotypen Ge­schlechts­zu­schrei­bungen!

Die folgenden Beispiele bzw. Übungen bewegen sich auf einem trivialen Niveau, eignen sich dadurch aber gut, die Aussagen im Hinblick auf die Ge­schlechter­pers­pektive zu ver­deut­lichen.

 

Pädagogik

Tabea und Lisa sind in der 7. Klasse und haben keine Lust auf den Informatikunterricht. Lieber spielen Sie mit ihren Mobiltelefonen und stören alle anderen Schülerinnen und Schüler. Wie konfrontieren Sie die Mädels?

Lesen Sie sich die Aufgabenbeschreibung durch und überlegen Sie, was daran nicht gendersensibel ist.

Lösung

  1. Das Problem ist das Stören des Unterrichts. Ob die beiden Schülerinnen keine Lust darauf haben, ist nicht relevant.
  2. Mit Informatik wurde ein Fach gewählt, in dem Frauen unterrepräsentiert sind. Gleichzeitig wird Unlust der Mädchen am Fach thematisiert, was ein Stereotyp ist.
  3. Der Ausdruck „Mädels“ ist unangebracht.
 

Steuern

Frau und Herr Müller haben eine gemeinsame Familienkasse. Da sie die Hosen an hat, verwaltet sie die Konten und macht für ihren Mann die Jahressteuerabrechnung. Welche Informationen braucht sie dafür?

Lesen Sie sich die Aufgabenbeschreibung durch und überlegen Sie, was daran nicht gendersensibel ist.

Lösung

  1. Mit dem Verweis auf das Tragen von Hosen wird auf typische Rollen in der Ehe und damit auf ein Machtverhältnis innerhalb der traditionellen Ehe verwiesen.
 

Personal

Sie sind verantwortlich für ein Team von sechs Mitarbeitern. Thomas Müller ist der Einzige in diesem Team, der sich nie für den Schichtdienst am Sonntag einträgt. Da fährt er regelmäßig seinem Verein „Schalke“ hinterher. Alle Mitarbeiter müssen aber laut Arbeitsvertrag Schichtdienst übernehmen. Wie bringen Sie den Sportsfreund auf Linie?

Lesen Sie sich die Aufgabenbeschreibung durch und überlegen Sie, was daran nicht gendersensibel ist.

Lösung

  1. Es sind sechs männliche Mitarbeiter.
  2. Der Umstand, dass der Mitarbeiter am Sonntag seinem Hobby nachgeht und welches dies ist (Fußball ist hier negativ konnotiert und wird generell eher als Männersport assoziiert), ist unerheblich.
  3. Der Begriff „Sportsfreund“ ist nicht wertschätzend.

Wie könnte eine Alternativformulierung aussehen?

Sie sind verantwortlich für ein Team von sechs Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Eine Person trägt sich nie für den Schichtdienst sonntags ein, obwohl dies laut Arbeitsvertrag verpflichtend ist. Welche Lösungsmöglichkeiten gibt es für diese Situation?

 

Recht

Ein Protokoll mit folgenden Personen: „Richter am Amtsgericht Dr. Schnell als Vorsitzender; Staatsanwalt Bär als Vertreter der Staatsanwaltschaft; Justizobersekretär Moll als Urkundsbeamter; Geschäftsführer, Herbert Meister; Kriminaloberkommissar, Ilja Mirkovic; Hilfsarbeiter, Heinrich Ochs … sowie die Zeuginnen Maria Müller, Hausfrau, Ehefrau des Angeklagten, und Senta Ludwig, Bardame, Verlobte des Angeklagten.“
(Beispiel aus einer realen Klausur in den Rechtswissenschaften)

Lesen Sie sich das Protokoll durch und überlegen Sie, was daran nicht gendersensibel ist.

Lösung

  1. Unter den Fachkundigen der Rechtswissenschaft ist keine Frau.
  2. Die einzigen Frauencharaktere sind eine Hausfrau und eine Bardame. Beide Tätigkeiten erfahren keine gesellschaftliche Anerkennung.
  3. Die einzigen Frauencharaktere haben keine aktive, eigene Rolle. Sie sind lediglich über den männlichen Angeklagten involviert.

Wie könnte eine Alternativformulierung aussehen?

Ein Protokoll mit folgenden Personen: „Richterin am Amtsgericht Dr. Schnell als Vorsitzende; Staatsanwalt Bär als Vertreter der Staatsanwaltschaft; Justizobersekretär Moll als Urkundsbeamter, Geschäftsführerin Gesine Meister; Kriminaloberkommissar, Ilja Mirkovic; Hilfsarbeiter, Heinrich Ochs … die Zeuginnen Maria Müller, Biologin und Ehefrau des Angeklagten sowie Senta Ludwig, Autorin.“


Gleichstellung | 10.05.2024