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Rezession zu Artus, I. et al.: Marx für SozialwissenschaftlerInnen. Eine Einführung. Wiesbaden 2014

von Dr. Thomas Matys

Dieses Buch möchte das – nicht erst seit dem Beginn der weltweiten Finanzkrise 2007 neu entfachte – Interesse an den Ideen und Konzeptionen eines soziologischen Klassikers, Karl Marx, aufgreifen. Ein Autoren-Kollektiv, bestehend aus SoziologInnen, HistorikerInnen, PolitikwissenschaftlerInnen und Philosophen, möchte die Perspektivität des Marx’schen Denkens aufzeigen und verdeutlichen, dass dieser Autor zu jenen gehört, die gelesen und verstanden werden müssen, wollen Kapitalismus – mithin die Finanzkrise – stichhaltig erklärt werden können.

Das 224-Seiten-Werk kategorisiert seine 9 Unterkapitel in drei Teile: Der 1. Teil gibt einen Überblick über die Marx’sche Biografie und sein Werk im jeweiligen historischen Kontext (Kap. 2); der 2. Teil behandelt die Hauptthemen seiner jeweiligen biografischen Schaffensperioden (Kap. 3 - 7); der 3. Teil bietet zwei Diskussionskapitel (Kap. 8 und 9).

So zeichnet das 2. Kap. dann ein Bild des politischen Intellektuellen, Philosophen, Soziologen, Nationalökonomen Karl Marx, welcher sich zeitlebens von einer Grundidee geleitet sah: „der Abschaffung der Ausbeutung von Menschen durch den Menschen“ (S. 8) und damit ein „zutiefst aufklärerisch-humanistisches Ziel“ (ebd.) verfolgte: „die universelle Emanzipation des Menschen“ (ebd.). Die anschließenden Ausführungen widmen sich wie gesagt zunächst Marx’ Biografie. Wir erfahren Prägnantes über Philosophie-Studium, seine „Zeiten“ in Paris und Brüssel, in denen er seinen lebenslangen Freund Friedrich Engels wiedertraf (in Paris) und er nicht nur Hegel und besonders dessen Schüler Feuerbach, sondern auch die Nationalökonomen Smith, Ricardo und Mill studierte. Insgesamt muss diese Phase als bedeutende gelten, formulierte Marx doch hier noch „mit jugendlichen Frische“ (S. 15) seine Ideen und Konzepte, die er später akribisch ausarbeiten würde, beispielhaft seien hier die ökonomisch-philosophischen Manuskripte, „Die heilige Familie“, die „Thesen über Feuerbach“ oder die „Deutsche Ideologie“ genannt.

Marx hat sich zeit seines Lebens nicht nur journalistisch engagiert; auch die Gründung von Komitees, das Verfassen von kommunistischen Grundsätzen des „Bundes der Gerechten“ („Das Manifest der Kommunistischen Partei“, 1848) sowie die Gründung der ersten „Internationalen Arbeiterassoziation“ (1864) sind unter seiner Federführung entstanden. Denkt man diese Aktivitäten zu seinem theoretischen Werk hinzu, wird schnell klar, warum Marx des Öfteren ins Visier des preußischen Staates geraten war. Besonders wurden bei Marx wohl Predigten zum kommunistischen Umsturz gewähnt, die besonders im Revolutionsjahr 1948, in dem in Europa eine „Restauration der absolutistischen Monarchien“ (S. 16 f.) betrieben wurde, auf Unmut stießen. Es folgte die Emigration nach London, innerhalb derer Marx neben Analysen zeitgenössischer Ereignisse, z. B. des französischen Staatsstreichs des Neffen Napoleons 1851 („Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“) erneute (Selbst-) Studien der politischen Ökonomie aufnahm, welche ihrerseits zur Publikation eines ersten kleinen Teils der Marx’schen Analyse des Kapitals, „Zur Kritik der politischen Ökonomie“ (MEW 13), mündeten (insgesamt sollte allerdings nur das darin enthaltene Vorwort tiefere und langanhaltende Beachtung finden). 1867 erschien endlich der erste Band der Marx’schen Auseinandersetzung mit historischen ökonomischen Theorien der Bürgerlichen Ökonomie: „Das Kapital. Kritik der bürgerlichen Ökonomie“ (MEW 23). Dieses Kapitel ist sicher eine verdichtete Darstellung der Marx’schen Biografie, die sein Werk einerseits an seine Lebensphasen anbindet (die auch durch Unstetigkeit, Alltags- und Geldsorgen geprägt waren), andererseits den Blick auf einen zwar politisch Engagierten aber eben vor allem auf einen Theoretiker der „politischen Ökonomie“ richten lässt, der „in seinem Leben nie eine Fabrik von innen sehen sollte“ (S. 13).

Marx’ Hauptthemen seiner jeweiligen biografischen Schaffensperioden, wie vorn angedeutet, vertiefend darzulegen, ist Aufgabe des 2. Teils: Zu allererst sei hier auf die „Dialektik und [den] historischen Materialismus“ (S. 29) hingewiesen: Hier kann Marx durchaus beanspruchen, die „philosophische Erkenntnis in einen direkten Zusammenhang zur menschlichen Praxis mit dem ausdrücklichen Ziel der menschlichen Selbstbefreiung“ (S. 29 f.) gebracht zu haben. Da ist zu Vorderst der „Kontext“, die „universelle Geschichtlichkeit“ eines jeden Phänomens zu nennen; Marx (und Engels) ging es darum, alles Seiende vor dem Hintergrund seines Gewordenseins zu begreifen. Dann: Materialismus: Marx begreift „Materie“ umfassend als alles das, was objektiv existiert. Einem bloß subjektiv vorgestellten Ideellen wird das Bewusstsein bestimmende „Sein“, soll heißen: die materiellen Produktionsbedingungen und die konkreten Formen des menschlichen Zusammenlebens, vorangestellt. Die von Menschen geschaffenen Strukturen bedeuten gesellschaftliche Entwicklung und Fortschritt – „ohne einer idealistischen Teleologie oder einem objektivistischen Materialismus zu verfallen“ (S. 43), womit „Dialektik“ für Marx als Wechselwirkung zwischen widersprüchlichen Elementen gefasst werden kann. „Arbeit“ stellt für Marx jede grundsätzliche Transformation der Natur zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse dar. Somit muss Arbeit als zentraler Begriff der Gesellschaftlichkeit überhaupt konzipiert werden. Und diese Arbeit wird von der beherrschten Klasse, dem Proletariat, ausgeführt, dessen erzeugte „Mehrwerte“ seitens der besitzenden Klasse, der Bourgeoisie, abgeschöpft werden können, was zu einem grundsätzlichen „Klassenkampf“ führt. Auch in aktuellen Diskussionen sollte wohl öfter hervorscheinen, dass die „Fähigkeit“ bzw. Möglichkeit, Eigentum „haben“ zu dürfen, der Motor eines immer noch währenden Klassenkampfes ist. Der Klassenkampf ist gleichsam logische parallele Folge der Etablierung der „kapitalistischen Produktionsweise“, die sich ihrerseits aus dem „Zusammenspiel“ von Produktivkräften (Werkzeuge, Fähigkeiten und Fertigkeiten, die den Arbeitenden zu Verfügung stehen) und Produktionsverhältnissen (reale Lebensbedingungen der Arbeitenden) ergibt. Interessant in diesem Zusammenhang dürfte die Betonung sein, dass jeder Arbeitende nur über einziges Produktionsmittel als Eigentum verfügt, nämlich seine Arbeitskraft. Der Autor dieses Unterkap. bemüht sich, gegen Ende verschiedene soziologische Anschluss-/ Gegentheorien zu relevanten Marx-Positionen aufzuzeigen, was besonders in Bezug auf die Entstehung des Kapitalismus (Weber) oder auf konfliktsoziologische Ansätze (u. A. Dahrendorf) gut gelingt. Auch die von Marx herausgearbeitete Doppeldeutigkeit des Ideologie-Begriffs, als „Absichtserklärung“ emanzipatorischer Prinzipien und als (von Täuschung durchzogenen) „geistigen Ausdruck materieller Verhältnisse“ (S. 94) zugleich, ist kurz und überzeugend dargelegt. Die beiden letzten Unterkap. des 2. Teils behandeln zum Einen die Herausbildung der Lohnarbeit, die seitens der Verf. eher noch im Beginnen begriffen als an ihr Ende gekommen sei, was besonders die Entwicklung der Erwerbsarbeit zeige. Ob nun in heutigen Zeiten mehr oder weniger „prekär“ entlohnt, die von Marx herausgearbeitete „Entfremdung“ – des Menschen von der Natur, des Menschen von sich selbst, des Arbeitenden von seinem Arbeitsprodukt – hat auch in heutigen Arbeits-Settings elementar Bedeutung behalten. Und dass diese Entfremdungsphänomene der Etablierung einer gesellschaftlichen Form, der Form „Organisation“, massiv verholfen haben, kennzeichnet Marx – analog zu Webers „Bürokratie“ – mit dem Begriff der „Fabrik“. Zum Anderen geht es um die „Kritik der politischen Ökonomie“: Hier ist sozusagen „Kernerarbeit“ gefragt, wenn das Verhältnis „Warentausch, Geld und Kapital“ entlang Marx’ Hauptwerk, des Kapitals, entfaltet wird. Das Prinzip der „Warenförmigkeit“ lässt – je nach Perspektive des Beteiligten an einem „Geschäft“ – Gebrauchswert bzw. Tauschwert entstehen. Besonders interessant für heutige krisenhafte Finanzmarkt-Szenarien dürften die Ausführungen zu Wettbewerb über Branchengrenzen hinaus sein, mit denen Marx die Wertäquivalenz der Waren als allgemeines ökonomisches Prinzip der Preisbewegungen auf den Warenmärkten ausmacht – Arbeits-, Wirtschafts- oder Organisationssoziologen mögen in möglichen Entsprechungen für Finanzmärkte Forschungsimpulse aufgezeigt sehen. Für den „Akkumulationsprozess des gesellschaftlichen Gesamtkapitals“ gilt dasselbe – mit dem Anriss des Ansatzes der „kapitalistischen Landnahme“ (Dörre) wird hierzu auch ein erster Impuls gegeben (vgl. S. 142 ff.).

Der 3. Teil will – wie gesagt – Anregungen für Diskussionen liefern: Da ist zum Einen die feministische Kritik des marxistischen Arbeitsbegriffes, die zusammengefasst darauf hinausläuft, dass Reproduktionsarbeit von Frauen anerkannt werden muss, was seinerseits einen neuen Arbeitsbegriff vonnöten macht, der Erwerbsarbeit, Haus- und Sorgearbeit, Subsistenzarbeit und die Arbeit im – im weitesten Sinne – sozialen Bereich gleichberechtigt einschließt. Last but not least: Es geht um den Zusammenhang der Marx´ Marx’schen Arbeitstheorie mit dem Phänomen der Globalisierung, welche Marx im Grunde antizipierte, als er kapitalistische Produktion und globale Expansion des „Weltmarktes“ zwar ins Auge fasste, allerdings nicht theoretisch-systematisch durchdringen und darlegen konnte.

Insgesamt legt das Autoren-Kollektiv um Fr. Artus sicher ein einmaliges Werk vor: Trotz – oder besser: wegen – seiner Kürze gelingt es, zunächst durch die Konzeption des Bandes zu überzeugen. Ein Beitrag über Marx könnte nicht vollständig genannt werden, böte er nicht auch zumindest einen kurzen Abriss seiner Biografie. Diese ist allerdings keine einfache „chronologische Lebensgeschichte“, sondern sie enthält bereits – Funktionen einer Einleitung erfüllend – die wesentlichen Akzente, für die Marx stand und verbindet diese zudem mit den sich in seinem Werk repräsentierenden Arbeiten. Wir haben es also nicht mit einer werkimmanenten Präsentation des Marx Marx’schen Schaffens zu tun, welches laut Meinung des Rezensenten ohnehin eigentlich gar nicht möglich ist. Mit der Darlegung elementarer Aspekte des Werkes von Marx ist seinerseits klar angezeigt, dass genau jene Werkelemente selbstverständlich der spezifischeren Darstellung bedürfen, was dann ja im weiteren Verlauf des Buches geleistet wird. Sodann fällt auf, dass das Werk nicht „überladen“ ist: Es enthält sorgfältig genau die Bereiche, die von Relevanz sind, in Kürze, das Marx’sche Werk darstellend zu präsentieren. Hier ist sehr angenehm, dass nahezu ausnahmslos mit der Primärliteratur gearbeitet wird, was angesichts des Umfanges der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEW) geboten wie schwierig zugleich erscheint. Was bleibt von einem Band, das mit „ … für SozialwissenschaftlerInnen“ betitelt ist: Es zeigt sich eine mitnichten einfache Komprimierung eines Gesamtwerkes, welches seinem Anspruch gerecht wird, das Marx’sche Werk besonders auch für aktuelle Erklärungen von Krisen des Finanzmarktes fruchtbar zu machen: Warenförmigkeit, Akkumulation und „Kapitalverhältnis“ sind untrennbar mit stichhaltigen Erklärungen ökonomischer Aktivitäten verbunden, die ihre globale Geltung durchaus unter Zuhilfenahme Marx’scher Theorien nicht scheuen müssen.

Weiterhin angenehm an diesem Buch fällt auf, dass die gegen Ende eines jeden Kap. eingefügten „Diskussionseinschübe“ dazu anregen, Anschluss-Diskussionen zu führen. Zudem ebnen sie auch den Weg, aktuelle bzw. sich mit Marx „reibende“ Literatur hinzuzuziehen. Aber am Gewichtigsten scheint dem Rezensenten, dass das vorliegende Bändchen eine Perspektive, vielleicht sollte man besser sagen: eine eindeutige Marx-Position, für SozialwissenschaftlerInnen verdeutlicht hat, ohne die doch moderne sozialwissenschaftliche Strukturations- und Praxistheorie (besonders Giddens, Bourdieu, Foucault) im Prinzip „geschichtslos“ wären (sinngemäß formuliert): „Die Menschen machen ihre Geschichte [subjektiver Faktor], aber nicht unter selbstgewählten, sondern unter vorgefundenen, überlieferten Umständen [objektiver Faktor]“ – was könnte besser die gesellschaftliche Eingebettetheit menschlicher Handlungen nebst der Ausprägung ihrer Subjektivität verdeutlichen, als dieser Satz, können doch moderne Sozialwissenschaften ohne dieses Diktum gar nicht gedacht und betrieben werden.

Katja Schmidt | 17.01.2017
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