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Wenn Medien frauenfeindliche Botschaften senden

Misogyne Inhalte sind in vielen Medien präsent – vom Buch bis zum Videospiel. Was sind die Konsequenzen? Eine Metastudie überblickt den aktuellen psychologischen Erkenntnisstand.

Jugendliche sitzen in einer Reihe und spielen mit Smartphones Foto: Davide Angelini – adobe.stock.com
Heranwachsende werden durch ihren Medienkonsum besonders stark beeinflusst – auch, wenn es um misogyne Botschaften geht.

Musikvideos von misogynen Rappern, Werbung mit übersexualisierten Frauen, Videospiele, die weibliche Figuren objektifizieren – die Liste an Medien, in denen frauenfeindliche Botschaften mitschwingen ist lang. Mal kommen sie offen und aggressiv daher, mal zeigen sie sich subtil, eingebettet in tradierte Muster struktureller Ungleichheit. Frauenfeindlichen Inhalten vollständig auszuweichen, das scheint nahezu unmöglich. Welche Folgen hat das für Frauen? Was ist der aktuelle Stand der Forschung? Dazu veröffentlicht die Fachzeitschrift Psychological Bulletin jetzt eine Studie mit dem Titel: „Misogynous Messages in the Media Increase Hostility to Women: Evidence From a Meta-Analysis of 257 Experimental and Nonexperimental Studies“. Als Senior-Autorin ist Prof. Dr. Angela Dorrough von der FernUniversität in Hagen maßgeblich daran beteiligt. Erstautorin ist Dr. Christa Nater von der Universität Bern. Die Studie nimmt eine Metaperspektive ein, indem sie die Forschungsergebnisse aus 257 internationalen Publikationen überblickt und einordnet.

Aus der Fülle an internationalen Publikationen wählte das Team systematisch aus, welche Studien aufgrund ihrer Methode und Aussagekraft für die Untersuchung infragekommen. „Uns hat dabei vor allem der Haupteffekt interessiert“, erklärt Angela Dorrough, „also, ob der Konsum von frauenfeindlichen Medien tatsächlich mit mehr Frauenfeindlichkeit einhergeht.“ Das Ergebnis ist eindeutig; in der Tat weisen viele Forschungsergebnisse in Summe einen Zusammenhang nach. „Wir haben einen kleinen bis mittleren Effekt gefunden, der sich dafür aber robust über verschiedene Studienarten hinweg zeigt“, fasst die Psychologieprofessorin zusammen. Der Medienkonsum hinterlässt also durchaus Spuren, und das nicht nur bei Männern, sondern auch bei Frauen. „Hier etwa mit Blick auf Stereotypisierungen oder ‚Rape-Myth-Acceptance‘, bei der es um die Überzeugung geht, Frauen seien an einer Vergewaltigung am Ende mit schuld“, führt Dorrough Beispiele an.

Studie von internationalem Autor:innen-Team

Neben Erstautorin Christa Nater von der Universität Bern und Senior-Autorin Angela Dorrough von der FernUniversität in Hagen waren Wissenschaftler:innen verschiedener Länder an der Studie beteiligt: Lilly Felber (University of Lausanne), Ronja Lüke (Universitätsklinikum Bonn), Alice H. Eagly (Northwestern University), Tobias Greitemeyer (University of Innsbruck) und David I. Miller (American Institutes for Research, Washington DC)

Zum Artikel (doi.org/10.1037/bul000051)

(Freischaltung im Laufe des 19.03.)

Was bedeutet Frauenfeindlichkeit?

Aber was ist mit „Frauenfeindlichkeit in den Medien“ eigentlich konkret gemeint? Immerhin lässt sich die Formulierung ganz unterschiedlich verstehen, auf strukturelle Ungleichbehandlung genauso beziehen wie auf verbale Verletzungen oder die Darstellung von konkretem Missbrauch oder Femiziden. „Es gibt keine einheitliche Definition von Frauenfeindlichkeit“, erklärt Angela Dorrough. „Deshalb sind wir empirisch an die Sache gegangen und haben uns erstmal angeschaut: Welche Publikationen gibt es überhaupt zu frauenfeindlichen Medien – und welche Kategorien lassen sich davon ausgehend finden?“ So erarbeitete das Team ein eigenes Schema, das von offener Gewaltdarstellung bis zu gezeigter Stereotypisierung oder Erniedrigung reicht. „Oft wird die Misogynie ja auch ganz subtil transportiert – etwa in Werbeclips, in denen alle Männer stehen, Frauen hingegen immer nur sitzen“, so die Wissenschaftlerin. „Oder in Videospielen, in denen Frauen selten eine Hauptrolle einnehmen und das Spiel gestalten.“

Verschiedene Medienformen im Blick

Für die Auswertung war zudem die jeweilige Medienform relevant. „Zum Beispiel wurden viele Videospiele, Filme und Musikvideos untersucht, in denen Gewalt gegen Frauen dargestellt wird“, fasst Dorrough zusammen. „Genauso aber auch Bücher.“ Social Media hingegen tauchte noch nicht als großer Faktor in den weltweiten Studien auf – hier steckt die Psychologie erst in ihren Anfängen, was mittelbar auf die Metastudie nachwirkt. „Ich würde allerdings sagen, dass die von uns festgestellten Effekte auf Social Media übertragbar sein dürften“, prognostiziert Dorrough, „dort sicher noch einmal verstärkt durch die Häufigkeit und algorithmische Passgenauigkeit von Content.“

Porträt Foto: Volker Wiciok
Angela Dorrough ist Senior-Autorin der Metastudie.

Folgen des Medienkonsums

Neben den Medienformen unterschied das Team auch mögliche Folgen der Rezeption. „Angefangen bei unterlassener Unterstützung von Frauen über Objektifizierung und Abwertung bis hin zu eigenen Gewalttaten.“ Dabei bezogen die Forschenden noch viele weitere Variablen mit ein – zum Beispiel Geschlecht und Alter der Studienteilnehmenden. Erwartungsgemäß fiel hier das Ergebnis aus: „Es hat sich bestätigt, dass Heranwachsende besonders stark beeinflussbar sind durch frauenfeindliche Inhalte in Medien – was wiederum viele Implikationen mit sich bringt.“ Zum Beispiel mit Blick auf die politische Debatte in verschiedenen Ländern zu Jugendschutz, Altersbeschränkungen und Kontrolle bestimmter Medienformen und Inhalte. „Selbst wenn die Ergebnisse unserer Metaanalyse nicht immer überraschen mögen, sind sie dennoch wichtig“, so die Professorin, „um mögliche Interventionen wissenschaftlich untermauern zu können oder, um überhaupt erstmal herauszustellen, dass etwas getan werden muss.“

Raum für weitere Forschung

Wie geht es nun weiter im Wissen um den Erkenntnisstand der letzten Jahre? „Wir sehen hier ein bedenkliches Bild, das aber nur ein Abbild von dem ist, was vor der Social-Media-Welle war“, sagt Angela Dorrough. Wichtig sei deshalb, am Ball zu bleiben. „Ich würde vorschlagen, dass weitere Studien und Metastudien, dann eben auch unter stärkerem Einbezug von Social Media, gemacht werden.“ Gerne würde sie den Blick noch ausweiten. „Es gibt ja auch männerfeindliche Darstellungen in Medien“, so die Forscherin. „Wichtig finde ich auch den Bereich der Intersektionalität. Das heißt zum Beispiel, dass Frauen zugleich zu anderen diskriminierten Gruppen gehören.“ In diesen Feldern wünscht sich Angela Dorrough mehr Klarheit. Schon jetzt rät sie dazu, das Thema ernstzunehmen. „So eine Metastudie, wie wir sie gemacht haben, ist ziemlich ausgefeilt und umfassend – insofern hoffe ich, dass die gesellschaftlichen Risiken weniger angezweifelt werden.“

Benedikt Reuse | 19.03.2026