Wehrpflicht: Wie weit gehen für demokratische Werte?
Wie blicken junge Menschen auf die Wehrpflicht? Darum ging es beim 19. Politischen Salon. Experten und Nachwuchspolitiker:innen suchten die Debatte – gemeinsam mit dem Publikum.
Foto: FernUniversität
„Mit dem Überfall auf die Ukraine war klar: Das ist die Zeitenwende.“ So erinnerte Andreas Meyer-Lauber, Schirmherr des Politischen Salons, an eine wichtige Zäsur im verteidigungspolitischen Denken. Seither ist viel passiert: Neben einem prallen Sondervermögen für Verteidigungsausgaben gilt in Deutschland inzwischen auch eine neue „freiwillige Wehrpflicht“. Seit 2026 bekommen junge Erwachsene an ihrem 18. Geburstag eine Nachricht von der Bundeswehr – verbunden mit dem Link zu einem Musterungs-Fragebogen. Männer sind verpflichtet, ihn wahrheitsgemäß auszufüllen, bei Frauen ist die Abgabe freiwillig. Diese neue Regel bewegt Politik und Gesellschaft stark – zuletzt gingen in NRW viele Schüler:innen aus Protest auf die Straße.
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Um diese neue freiwillige Wehrpflicht drehte sich jetzt auch der Politischen Salon im Jugendtheater LUTZhagen. Titel: „Das neue Wehrpflichtgesetz – was kommt auf Jugendliche zu?“. Die Veranstaltungsreihe richtet sich an die interessierte Stadtgesellschaft und ist eine Kooperation der FernUniversität in Hagen mit dem Theater Hagen, dem Emil Schumacher Museum sowie dem Osthaus Museum.
Großes Spannungsverhältnis
Nach einer Begrüßung von Theater-Intendant Søren Schuhmacher zitierte FernUni-Rektor und Psychologieprofessor Stefan Stürmer aus einem Gedicht von Erich Kästner: „Primaner in Uniform“. Hierin geht es um junge Männer, die fürs Vaterland in den Ersten Weltkrieg ziehen und reihenweise sterben, was von der Obrigkeit, personalisiert durch den Schuldirektor, enthusiastisch bis gleichmütig begleitet wird. Eine Zeile lautet etwa: Der Rektor dankte Gott pro Sieg/ Die Lehrer trieben Latein/ Wir hatten Angst vor diesem Krieg/ Und dann zog man uns ein. „Das bringt ganz gut auf den Punkt, in welchem Spannungsverhältnis wir diskutieren“, mahnte Stürmer die besondere Fallhöhe des Themas an. Mit der ersten Podiumsrunde startete daraufhin die Debatte, moderiert vom freien Journalisten Felix Tusche und von Pia Henneken, die das TalentKolleg Ruhr Hagen leitet.
Erstes Podium liefert wichtige Einordnungen
Andreas Meyer-Lauber erklärte die historischen Wurzeln der Wehrpflicht – zurückreichend bis zur französischen Revolution. Unter Bezug auf den Aufsatz „Die Wehrpflicht gleicher Bürger“ (Dr. Sven Altenburger, 2026) rief er den republikanischen Wert ins Gedächtnis, den eine Armee aus Bürgern im Kontrast zu einem stehenden Berufsheer hat. „Die Wehrpflicht ist keine Erfindung von Diktatoren“, pointierte Meyer-Lauber, „sondern hat etwas mit Demokratie zu tun.“ FernUni-Verfassungswissenschaftler Prof. Dr. Andreas Haratsch ergänzte diese Perspektive danach um eine rechtliche Einordnung. Neben den Möglichkeiten der neuen Regelung zeigte der Experte auch die rechtlichen Grenzen auf, die es bei der Debatte zu beachten gelte – zum Beispiel mit Blick auf eine geschlechterübergreifende Verpflichtung junger Menschen. „Man bräuchte eine Verfassungsänderung, um Frauen einzubeziehen“, bezog sich Haratsch auf die aktuelle Geltung des deutschen Grundgesetzes.
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Auch Prof. Dr. Patrick Sensburg, Präsident des Reservisten-Verbands der Deutschen Bundeswehr, lieferte wichtiges Kontextwissen – unter anderem unterstrich er die Chancen, die der Dienst an der Waffe Jugendlichen bietet: „Die Bundeswehr ist der Arbeitgeber mit der größten Bandbreite an Berufen, zu denen man sich ausbilden lassen kann.“ Am Herzen lag ihm auch in die andere Richtung zu denken, nicht nur zu fragen, was junge Leute der Armee geben können, sondern umgekehrt zu überlegen: „Was gibt die Bundeswehr zurück?“ Neben bekannten Vorteilen, wie dem Führerschein und einer guten fachlichen Ausbildung, sollten noch weitere Benefits für Wehrdienstleistende etabliert werden.
Junge Generation mit gespaltener Haltung
Aber wie sehen es die jungen Menschen selbst? Darum ging es in der zweiten Podiumsrunde mit Lennart Poll (FDP Hagen), Fynn Ole Royla (Grüne Jugend), Max Schneevoigt (Junge Union), Merle Marie Steinmann (Jusos) und Jan-Philipp Krahwinkel (Geschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbands in Hagen). Schnell wurde deutlich: Es ist kompliziert. Meinungsgräben taten sich nicht nur zwischen den politischen Gesprächsgästen auf, sondern auch zwischen offizieller Parteilinie und eigener persönlicher Einstellung. So bekräftigten etwa Lennart Poll und Fynn Ole Royla die ablehnende Haltung ihrer Parteien gegenüber einer Wehrpflicht – schilderten selbst aber ihre eigenen Erfahrungen mit der Bundeswehr.
Selbst in den mit der Bundeswehr verwobenen Lebensläufen zeigten sich ernste Abwägung, Differenzierung und viel Reflexion. Der Grüne Fynn Ole Royla begründete seine persönliche Entscheidung für den Dienst an der Waffe mit seinem Demokratieverständnis: „Für die Werte in Deutschland stehe ich gerne ein – und das im schlimmsten Fall auch mit meinem Leben.“ FDP-Mann Lennart Poll stellte im Rückblick auf seine Dienstjahre bei der Bundeswehr klar: „Soldatinnen und Soldaten haben – versprochen – am wenigsten Bock auf Krieg.“ Doch: Nur wer nach außen stark genug wirke, könne Angriffen z.B. durch Putins Russland vorbeugen. Frei nach der sicherheitspolitischen Maxime: Aufrüsten für den Frieden.
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Auch ziviles Engagement schafft Resilienz
Ablehnend zeigte sich Jungsozialistin Merle Marie Steinmann: „Wenn wir eine Armee haben, die keine Luste darauf hat, welche Gefahren bringt das für ihre Integrität?“ Vor allem aus einer feministischen Perspektive heraus kommentierte sie das Thema Wehrdienst sehr kritisch. Was bedeutet die Gleichstellung von Frauen und Männern mit Blick auf den Dienst bei der Bundeswehr – ein Punkt, der zum lebhaften Austausch im Saal führte. CDU-Mann Max Schneevoigt bekräftigte die Relevanz von Frauenrechten, mit Blick auf die Wehrpflicht gelte dann aber auch: „Gleichberechtigung kann nicht bei Pflichten aufhören.“ Jan-Philipp Krahwinkel plädierte aus Sicht des Wohlfahrtsverbands dafür, bei jungen Leuten nicht nur für den Militärdienst, sondern gleichermaßen für ein alternatives Engagement im zivilen Bereich zu werben. Auch hier gelte es, attraktive Angebote zu schaffen und nachzuziehen – so sei etwa die Bezahlung von Freiwilligendiensten um ein Vielfaches schlechter als der Sold im Wehrdienst.
Publikum mit heterogenen Meinungen
Beim konstruktiven Schlagabtausch mischte das Publikum kräftig mit. Dazu gehörten kritische Rückfragen und bewegende Einblicke in Biografien – teils sogar persönliche Erinnerungen an Krieg und Leid. So divers die Einstellungen auf dem Podium, so kontrovers diskutierten auch die Gäste im Saal. Neben eindringliche Plädoyers zu absoluter Gewaltlosigkeit gesellte sich die nüchterne Einsicht, dass den Staat nun einmal jemand verteidigen müsse. „Demokratie gibt’s nicht zum Nulltarif“, brachte es eine Stimme aus dem Publikum gegen Ende der Veranstaltung auf den Punkt.
Eine lebhafte Debatte erwartet auch die Gäste beim nächsten Politischen Salon am 18. Juni 2026. Hier wird es um den Arbeitsmarkt im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz gehen. Weitere Infos auf der Veranstaltungswebseite.
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